Was will dieser Blog?
Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.
Mädchen, beinahe eingetreten - II
Als meine Eltern wieder nach Hause fuhren, nutzte ich die Gelegenheit, um ihnen zu eröffnen, dass ich mit ihnen kommen wollte. Den Leuten vom Werk sagte ich, dass ich vorerst nichts mehr von ihnen sehen oder hören wollte. Ich wollte wieder ich selbst werden. Mit einem Mal wurde mir nun die Tür gewiesen: "Gott ruft dich und du weigerst dich, ihm zu folgen!" Sie würdigten mich keines Blickes mehr. Alle Freundlichkeit und Herzlichkeit waren in wenigen Sekunden dahin. Eine letzte Warnung wurde ausgesprochen, ich durfte mit niemandem über meinen "Berufungskampf" (sprich: die mir zuteil gewordene Gehirnwäsche) reden. Allen Mitgliedern des Werkes wurde verboten, mit unserer Familie Kontakt zu halten. Sollte jemand von uns Briefe erhalten, müssten sie ungeöffnet den leitenden Verantwortlichen übergeben werden - zum "Wohl" des Werkes. Uns wurde mitgeteilt, dass niemand von uns mehr in den Häusern des Werkes willkommen war.
Der Weg zurück ins normale Leben wurde zum Leidensweg. Die Vorstellung, verdammt zu sein, die Vorstellung ins Werk zurück zu müssen - man kann sich nicht vorstellen, wie hart es ist, davon loszukommen! Mein Glaube war bis in seinen Kern ins Wanken geraten. Was ist Wahrheit und was ist Täuschung? Dazu musste ich mit dem Unverständnis meiner Umgebung fertig werden: "wie konntest du überhaupt auf sie hereinfallen?" Wenn man das von außen ansieht, ist es ja auch gar nicht zu begreifen. Man versteht das nur, wenn man es wirklich alles selbst erlebt hat. Es gibt einige Dinge, die so wichtig sind, wenn man mit einer solchen Gemeinschaft in Berührung kommt. Es gibt Momente, die ich hätte nützen müssen, um mir Klarheit zu verschaffen, zum Beispiel:
Nach einer Woche, die ich gemeinsam mit anderen Freunden im Werk verbracht hatte, wurde mir geraten, eine bestimmte Freundin nicht mehr einzuladen. Andere sollte ich aber auf jeden Fall wieder mitbringen. Ganz offensichtlich selektierten sie diejenigen aus, die "würdig" waren zum Werk zu gehören. Auch kritische Personen wurden ausgeschlossen, weil wir junge Menschen so beeinflussbar wären und der Kritik hätten glauben können. Es kam sogar vor, dass jemand extra angerufen wurde, er solle nicht zu einem Vortrag über das Werk kommen, weil er ja nur Kritik üben würde! Außerdem - und ich verstehe bis heute nicht, warum - durften Schwestern, die in einem Haus lebten, nichts davon erfahren, wenn im selben Haus eine von ihnen krank im Bett lag. Ja, leibliche Geschwister durften miteinander nicht über Familienangelegenheiten sprechen.
Außerdem hätte mir auffallen müssen, wie sehr sie es verstanden haben, eine Atmosphäre zu schaffen. Die sakrale Atmosphäre in ihren Gottesdiensten, die Ehrfurcht, mit der alles geschah, traf mich zutiefst. Einfachheit und Schönheit gingen Hand in Hand. Bei den Zusammenkünften herrschte große Freude unter den vielen jungen Menschen. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entsteht. Man fühlt sich daheim... - aber es ist zu schön, zu gut. Später wurde mir bewusst, dass diese Atmosphäre gezielt geschaffen wird. Sie entsteht nicht spontan, sondern wird erzwungen...
Das Werk als Organisation missbraucht Menschen. Mit welchem Recht und welchem Ziel? Warum lässt die Kirche zu, dass das Werk sich in ihren Rängen einnistet? Für junge gläubige Menschen ist die katholische Fassade des Werkes sehr verwirrend. Ist es zuviel verlangt von der Kirche, einen klaren Standpunkt gegenüber dem Werk einzunehmen?
Mädchen, beinahe eingetreten.
Ich hörte das erste Mal vom Werk, als meine Schwester von dieser Gemeinschaft angesprochen wurde. Niemand in unserer Umgebung hatte je von dieser Gruppierung gehört. Später erkannten wir, dass wir durchaus schon von ihnen gehört hatten, aber unter anderem Namen "Opus Christi Regis" oder "Paulusheim" - warum all diese Namensänderungen? Meine Schwester trat ein und so lernte auch ich das Werk kennen. Was anfangs wie eine gute Sache aussah, schien mit der Zeit eher ein abgekartetes Spiel zu sein. Sie wandten geschickt ausgeklügelte Methoden an, die sehr stark an die Methoden von Sekten erinnern... ich möchte hier kurz erzählen, was mir im Kontakt mit diesen Menschen geschehen ist.
Wenn man einmal mit ihnen in Kontakt gekommen ist und sie den Eindruck haben, dass man ihnen "nützlich" sein kann, wird langsam ein "Netz" um dich gesponnen. Du wirst einem Priester des Werkes vorgestellt. Dir werden Gespräche angeboten (um die du nie gebeten hast). Du wirst zum Essen mit der Gemeinschaft eingeladen, das dann aber "spontan" durch ein Vier-Augen-Gespräch mit einem Priester des Werkes ersetzt wird. Man erkundigt sich nach deinem Privatleben. Deine Familie wird gründlich unter die Lupe genommen. Auch deine Pfarrei wird Thema. Und dann kommt die für sie so wichtige Frage: "Was hast du nach der Schule/dem Studium vor mit deinem Leben?" Sie haben eine gute Methode das herauszufinden. Sie stellen dich vor die Wahl Familie oder Ordensleben und lassen dich sieben Tage für das eine, sieben Tage für das andere beten. Sie erwarten, dass du währenddessen niederschreibst, was dabei in dir vorgeht. Aufgrund deiner Aufzeichnungen legen sie dann fest, was die richtige Wahl für dich ist.
Ich lernte in dieser Zeit jemanden kennen. Ein großes Problem, meinte der Pater. Er begann also, noch tiefer zu graben. Zuerst musste ich dafür sorgen, dass ich mit niemandem anderen mehr meine persönlichen Angelegenheiten besprach. Alle Kontakte zu Menschen, die nicht zum Werk gehörten, sollte ich ruhen lassen. Dann folgten viele Gespräche, einmal ging das einen ganzen Tage lang. Als der Pater spürte, dass ich voller Zweifel war, wurde ich nicht mehr zu den gemeinschaftlichen Besinnungstagen eingeladen; ich hätte die anderen jungen Menschen verwirren können. Ich bestand darauf, dass ich einige Einkehr-Tage alleine verbringen wollte, ohne die ständigen Gespräche mit dem Pater. Bevor ich danach aber nach Hause gehen konnte, sollte ich ihm dennoch einen Bericht über diese Tage abliefern.
Die Zweifel, die Angst, die Albträume erreichten damals ihren Höhepunkt. Ich fühlte mich krank, verlor viel Gewicht, bekam Magen- und Darmbeschwerden. Man machte mir klar, dass nun die Zeit reif wäre, eine Entscheidung zu treffen. Ich wurde zur Erholung zu ihnen eingeladen. Außer einer Schwester war niemand im Haus. Die Gespräche begannen von Neuem. Alle meine Bedenken wurden relativiert, mit Bibelzitaten "widerlegt" oder als hochmütig abgetan. Als ich es schlussendlich einfach endgültig leid war, sagte ich: "was sein muss, muss sein" - für sie hatte ich damit mein Ja-Wort gegeben. Sofort wurde ich aufgefordert, im Mutterhaus in Bregenz anzurufen, um dort mein Ja-Wort zu geben. Ich konnte nicht schnell genug in ihren Kreis aufgenommen werden. Meine eigenen Eltern wurden nicht eingeweiht. Einige Tage später schon brachte der Pater mich mit dem Auto nach Bregenz. Ich hatte das Gefühl, in ein Gefängnis gebracht zu werden.
Sobald ich da war, begannen die Vorbereitungen für die Eintrittsfeier. Offenbar sollten auch andere junge Menschen eintreten. Wir waren zu sechst. Ich hatte noch keine Ahnung von der Spiritualität des Werkes, noch von dem Auftrag, der mich erwarten würde. Fragen wurden konsequent abgewimmelt mit der Bemerkung: "Das kommt alles später." Ich begann selbst, mich ein wenig zu informieren. Es schien Konstitutionen zu geben; ihr Inhalt war aber nur für Eingeweihte bestimmt...
Meine Eltern kamen nach Bregenz, um ihren Urlaub hier zu verbringen. Sie durften nicht wissen, dass ich mein Ja-Wort schon gegeben hatte. Alle Mitglieder der Gemeinschaft mussten vorerst darüber Stillschweigen bewahren. Erst als Kardinal M. auf Besuch kam, war das für sie der ideale Moment, alles auch meinen Eltern bekannt zu machen. Es gab also eine große Feier mit dem Kardinal. Die Thalbach-Kirche war zu klein, um alle Menschen zu fassen. Es fühlte sich an, als wäre mein Schicksal nun beschlossen. Innerhalb von nur sechs Monaten, war mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden. Ich fühlte mich krank, aufgewühlt und erschöpft von dem ganzen Trubel. Ich hatte die Nase voll von der vielen Geheimnistuerei, der künstlichen Fröhlichkeit und der Vertrauensseligkeit der Verantwortlichen, die begonnen hatten, mein ganzes Leben zu bestimmen. Sie taten das alles in der Überzeugung, die wahren Werkzeuge Gottes zu sein. Ein Gott der Angst, der Schuld, der Versuchung und der Buße war alles, was von dem Glauben übrig geblieben war, den ich einmal als befreiend erlebt hatte...
Fortsetzung folgt...
Wenn man einmal mit ihnen in Kontakt gekommen ist und sie den Eindruck haben, dass man ihnen "nützlich" sein kann, wird langsam ein "Netz" um dich gesponnen. Du wirst einem Priester des Werkes vorgestellt. Dir werden Gespräche angeboten (um die du nie gebeten hast). Du wirst zum Essen mit der Gemeinschaft eingeladen, das dann aber "spontan" durch ein Vier-Augen-Gespräch mit einem Priester des Werkes ersetzt wird. Man erkundigt sich nach deinem Privatleben. Deine Familie wird gründlich unter die Lupe genommen. Auch deine Pfarrei wird Thema. Und dann kommt die für sie so wichtige Frage: "Was hast du nach der Schule/dem Studium vor mit deinem Leben?" Sie haben eine gute Methode das herauszufinden. Sie stellen dich vor die Wahl Familie oder Ordensleben und lassen dich sieben Tage für das eine, sieben Tage für das andere beten. Sie erwarten, dass du währenddessen niederschreibst, was dabei in dir vorgeht. Aufgrund deiner Aufzeichnungen legen sie dann fest, was die richtige Wahl für dich ist.
Ich lernte in dieser Zeit jemanden kennen. Ein großes Problem, meinte der Pater. Er begann also, noch tiefer zu graben. Zuerst musste ich dafür sorgen, dass ich mit niemandem anderen mehr meine persönlichen Angelegenheiten besprach. Alle Kontakte zu Menschen, die nicht zum Werk gehörten, sollte ich ruhen lassen. Dann folgten viele Gespräche, einmal ging das einen ganzen Tage lang. Als der Pater spürte, dass ich voller Zweifel war, wurde ich nicht mehr zu den gemeinschaftlichen Besinnungstagen eingeladen; ich hätte die anderen jungen Menschen verwirren können. Ich bestand darauf, dass ich einige Einkehr-Tage alleine verbringen wollte, ohne die ständigen Gespräche mit dem Pater. Bevor ich danach aber nach Hause gehen konnte, sollte ich ihm dennoch einen Bericht über diese Tage abliefern.
Die Zweifel, die Angst, die Albträume erreichten damals ihren Höhepunkt. Ich fühlte mich krank, verlor viel Gewicht, bekam Magen- und Darmbeschwerden. Man machte mir klar, dass nun die Zeit reif wäre, eine Entscheidung zu treffen. Ich wurde zur Erholung zu ihnen eingeladen. Außer einer Schwester war niemand im Haus. Die Gespräche begannen von Neuem. Alle meine Bedenken wurden relativiert, mit Bibelzitaten "widerlegt" oder als hochmütig abgetan. Als ich es schlussendlich einfach endgültig leid war, sagte ich: "was sein muss, muss sein" - für sie hatte ich damit mein Ja-Wort gegeben. Sofort wurde ich aufgefordert, im Mutterhaus in Bregenz anzurufen, um dort mein Ja-Wort zu geben. Ich konnte nicht schnell genug in ihren Kreis aufgenommen werden. Meine eigenen Eltern wurden nicht eingeweiht. Einige Tage später schon brachte der Pater mich mit dem Auto nach Bregenz. Ich hatte das Gefühl, in ein Gefängnis gebracht zu werden.
Sobald ich da war, begannen die Vorbereitungen für die Eintrittsfeier. Offenbar sollten auch andere junge Menschen eintreten. Wir waren zu sechst. Ich hatte noch keine Ahnung von der Spiritualität des Werkes, noch von dem Auftrag, der mich erwarten würde. Fragen wurden konsequent abgewimmelt mit der Bemerkung: "Das kommt alles später." Ich begann selbst, mich ein wenig zu informieren. Es schien Konstitutionen zu geben; ihr Inhalt war aber nur für Eingeweihte bestimmt...
Meine Eltern kamen nach Bregenz, um ihren Urlaub hier zu verbringen. Sie durften nicht wissen, dass ich mein Ja-Wort schon gegeben hatte. Alle Mitglieder der Gemeinschaft mussten vorerst darüber Stillschweigen bewahren. Erst als Kardinal M. auf Besuch kam, war das für sie der ideale Moment, alles auch meinen Eltern bekannt zu machen. Es gab also eine große Feier mit dem Kardinal. Die Thalbach-Kirche war zu klein, um alle Menschen zu fassen. Es fühlte sich an, als wäre mein Schicksal nun beschlossen. Innerhalb von nur sechs Monaten, war mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden. Ich fühlte mich krank, aufgewühlt und erschöpft von dem ganzen Trubel. Ich hatte die Nase voll von der vielen Geheimnistuerei, der künstlichen Fröhlichkeit und der Vertrauensseligkeit der Verantwortlichen, die begonnen hatten, mein ganzes Leben zu bestimmen. Sie taten das alles in der Überzeugung, die wahren Werkzeuge Gottes zu sein. Ein Gott der Angst, der Schuld, der Versuchung und der Buße war alles, was von dem Glauben übrig geblieben war, den ich einmal als befreiend erlebt hatte...
Fortsetzung folgt...
Litanei der Demut
Die Litanei der Demut wird von den Religiosen im Werk jeden Freitag gebetet (mit Ausnahme der Herz-Jesu-Freitage, also dem jeweils ersten Freitag eines Monats).
Dem Text liegt die - in mehreren Versionen vorliegende - klassische Litanei der Demut zugrunde, die von Julia Verhaeghe um einige Anrufungen erweitert worden ist, wie bspw. "Vom Verlangen, geliebt zu werden, erlöse mich, o Jesus!" (Verhaeghes Zusätze im Text unterstrichen).
Durch diese Hinzufügungen wird der an sich schon problematische Text kaum mehr "bet-bar", entledigt sich der Betende doch durch diese Bitten seiner ur-menschlichsten und gottgegebenen Bedürfnisse. Wo man den ursprünglichen Text noch positiv interpretieren konnte, im Sinne einer Selbst-zurücknahme und echten Bescheidenheit, wird er durch die Zusätze Verhaeghes eindeutig negativ gedeutet und verwendet, da er nun suggeriert, selbst die natürlichsten Bedürfnisse und Seelenkräfte des Menschen wären in sich sündig. Die Auswirkungen auf die Psyche, das Gottesbild und das Selbstbild eines Menschen, der diese Litanei regelmäßig betet, können nur destruktiv sein.
Dem Text liegt die - in mehreren Versionen vorliegende - klassische Litanei der Demut zugrunde, die von Julia Verhaeghe um einige Anrufungen erweitert worden ist, wie bspw. "Vom Verlangen, geliebt zu werden, erlöse mich, o Jesus!" (Verhaeghes Zusätze im Text unterstrichen).
Durch diese Hinzufügungen wird der an sich schon problematische Text kaum mehr "bet-bar", entledigt sich der Betende doch durch diese Bitten seiner ur-menschlichsten und gottgegebenen Bedürfnisse. Wo man den ursprünglichen Text noch positiv interpretieren konnte, im Sinne einer Selbst-zurücknahme und echten Bescheidenheit, wird er durch die Zusätze Verhaeghes eindeutig negativ gedeutet und verwendet, da er nun suggeriert, selbst die natürlichsten Bedürfnisse und Seelenkräfte des Menschen wären in sich sündig. Die Auswirkungen auf die Psyche, das Gottesbild und das Selbstbild eines Menschen, der diese Litanei regelmäßig betet, können nur destruktiv sein.
Jesus,
sanft und demütig von Herzen,
erhöre mich!
Vom
Verlangen, geschätzt zu werden,
erlöse mich, o Jesus!
Vom
Verlangen, geliebt zu werden,
Vom
Verlangen, gerühmt zu werden,
Vom
Verlangen, geehrt zu werden,
Vom
Verlangen, gepriesen zu werden,
Vom
Verlangen, anderen vorgezogen zu werden,
Vom
Verlangen, um Rat gefragt zu werden,
Vom
Verlangen, anerkannt zu werden,
Von
der Furcht, verdemütigt zu werden,
Von
der Furcht, zurückgewiesen zu werden,
Von
der Furcht, verachtet zu werden,
Von
der Furcht, gelästert zu werden,
Von
der Furcht, vergessen zu werden,
Von
der Furcht, lächerlich gemacht zu werden,
Von
der Furcht beledigt zu werden,
Von
der Furcht, verdächtigt zu werden,
Jesus,
schenke mir die Gnade, danach zu verlangen, dass andere mehr als ich geschätzt
werden.
Zu Deiner Ehre und Verherrlichung, Jesus!
Jesus,
schenke mir die Gnade, danach zu verlangen, dass andere mehr als ich geliebt
werden.
Jesus,
schenke mir die Gnade, dass andere ausersehen werden und ich zurücktrete.
Jesus,
schenke mir die Gnade, danach zu verlangen, dass andere gepriesen werden und
ich mich nicht an das Lob klammere.
Jesus,
schenke mir die Gnade, danach zu verlangen, dass in allem die anderen mir
vorgezogen werden.
Jesus,
schenke mir die Gnade, befreit zu werden von meiner Eigenliebe und Ich-Sucht,
um einzig und allein hingegeben zu sein an deine Belange.
Jesus,
schenke mir die Gnade, dass ich all jene, die um mich sind und mit denen ich,
weil du es so gewollt hast, das gleiche Leben teile, mit gleicher Liebe annehme
und mit gleicher Liebe ihnen zugetan bleibe.
Jesus,
heile mich von allem Kompromiss mit Menschen und Dingen.
Jesus,
heile mich von aller Sympathie und Antipathie, die ein Gräuel sind für Dein
reines Herz.
Jesus,
heile mich von aller Überempfindlichkeit des Herzens und der Sinne.
Aus dem Brief eines besorgten Priesters
Dies ist ein Ausschnitt aus dem Brief eines Priesters, der dem Werk zunächst wohlgesinnt war und junge Menschen mit der Gemeinschaft in Kontakt gebracht hat. Als er später die zweifelhaften Vorgehensweisen des Werkes erkannte, versuchte er vergebens Kontakt mit einer jungen Frau aufzunehmen, die durch ihn auf das Werk aufmerksam geworden ist und dort eingetreten war:
"Du weißt ja selbst noch von früher, was das Opus Dei ist. Die Praktiken des 'Werkes', die ich mittlerweile kennengelernt habe, sind genau dieselben: Abhören von Telefongesprächen, Briefzensur, Abschottung von Familie und Bekannten, Gehirnwäsche für Kandidaten, die aufmucken usw. Hat dir das alles noch nicht die Augen geöffnet? Mir schon!
Gibt es denn niemanden in deiner Gemeinschaft, der noch ein Herz hat, der die Liebe über das Gesetz stellt, wie Jesus es getan hat? Wir danken Gott dafür, dass deine Geschwister ihren Irrtum noch rechtzeitig erkannt haben [Anm: der Bruder und die Schwester der angeschriebenen jungen Frau waren ebenfalls vom Werk 'rekrutiert' worden, sind aber kurz vor ihrem Eintritt wieder abgereist]. Es schmerzt deinen Bruder sehr, dass seine Lieblingsschwester ihn einfach abweist, nach so vielen glücklichen Jahren.
Ich schreibe dir das alles mit einem blutenden Herzen und du weißt, dass mein altes Herz keine Freude daran hat, aber ich sorge mich um dich, sehr sogar. Bekomme ich auf meinen Brief keine Antwort von dir - oder fällt er der Zensur zum Opfer? Wird dir die Antwort diktiert? Ich warte - und bete weiter für dich."
Zusammenleben von Männern und Frauen im Werk. Ideal und Realität.
Das Zusammenleben von Männern und Frauen im Werk.
Ideal und Realität
Die gottgeweihten Männer und Frauen des „Werkes“ müssen sich bewusst bleiben, dass die fruchtbare gegenseitige Ergänzung nur dann möglich ist, wenn sie sich von der Gnade des „Heiligen Bündnisses“ durchdringen lassen und die Vorrangstellung der Jungfräulichkeit im konkreten Leben beachten. Sie sollen in Treue und Entschiedenheit den Weg der Nachfolge gehen, denn „die Komplementarität in der geistlichen Vater- und Mutterschaft, wie sie im ‚Werk‘ gesehen und gelebt werden muss, setzt eine tiefe Läuterung und Heilung von den ungeregelten Begierden der sündigen Natur in Gottes barmherziger Liebe voraus. Diese gegenseitige Ergänzung ist ein wahres Gnadengeschenk Gottes an die heilige Kirche und kann ohne diese Voraussetzung nicht in der von Gott gewollten Weise fruchtbar werden“ (M.J.V.).
Die gottgeweihten Männer und Frauen streben danach, einander in Vertrauen, Offenheit und Herzlichkeit, mit Achtung und Ehrfurcht zu begegnen. Sie achten auf einen gottgeweihten Lebensstil, meiden unreifes Verhalten und unmündige Anlehnung, halten Rechnung mit den Neigungen der menschlichen Natur und üben jene Aszese, die das gottgeweihte Leben fordert. Sie helfen sich gegenseitig, ihre jungfräuliche Liebe zu schützen und sie zu einer aufbauenden Kraft für ihre geistliche Familie und für andere Menschen werden zu lassen. Die gegenseitige Ergänzung von gottgeweihten Frauen und Männern soll für viele Menschen ein Zeugnis für das segensreiche Zusammenwirken von Männern und Frauen im Dienst der Kirche sein.
Konst III, 41.
Das Zusammenleben von Männern und Frauen. Das Ideal.
Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen ("männlich" und "weiblich" nach dem Hebräischen Text der Bibel). In ihrer Verschiedenheit bereichern sich die Geschlechter gegenseitig. Das gilt für jeden Bereich des menschlichen Lebens, auch für das geweihte Leben. Auf allen Ebenen des Ordenslebens können Männer und Frauen einander etwas geben: im Gebet, in der Pastoral (besonders in der Familienpastoral), in der täglichen Arbeit usw. Dabei begegnen sie einander mit herzlichem Vertrauen und mit der gebührenden Ehrfurcht, die Menschen gegenüber angemessen ist, die Ehelosigkeit gelobt haben. - Eine Ehrfurcht, die ihre Zusammenarbeit nicht behindert, im Gegenteil, sie trägt und fördert.Das Zusammenleben von Männer und Frauen. Beobachtungen.
Im obigen Text fällt sofort auf, dass er von warnenden Hinweisen ganz durchzogen ist: unbedingte Voraussetzung ist die "Heilung der ungeregelten Begierden der sündigen Natur", gewarnt wird vor "unreifem Verhalten" und "unmündiger Anlehnung", vor den "Neigungen der menschlichen Natur", die nur durch "jene Aszese, die das gottgeweihte Leben fordert" in den Griff zu kriegen wäre.Tatsächlich wäre der (von erfahrenen Ordensleuten, Psychologen und Pastoraltheologen wie bspw. Sandra Schneiders oder Wunibald Müller) empfohlene Umgang von Priestern und Ordensleuten mit dem anderen Geschlecht der einer bewussten und reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit: wer bin ich als Mann/Frau? Was bedeutet es mir Mann/Frau zu sein? Welchen Raum gebe ich meinem Mann-/Frausein in meiner Berufung, in der Begegnung mit anderen, in meiner Arbeit? - Auch als Ordensmann/frau muss man sich zunächst bewusst machen, dass man Mann oder Frau ist und sein darf. Dazu muss man dann Wege finden, in denen das Bedürfnis, als Mann oder Frau geliebt zu sein und lieben zu dürfen auf eine der eigenen Berufung angemessene Weise zum Zuge kommt. Auch der Ordensmann/die Ordensfrau braucht geistig und emotional erfüllende Begegnungen, die die eigene Persönlichkeit (die tief von der Geschlechtlichkeit geprägt ist) berührt und ihre Entwicklung anregt. Die Ehelosigkeit ist der Verzicht auf eine ausschließliche, auf körperliche Vereinigung und Nachkommenschaft angelegte Partnerschaft. Sie ist nicht der Verzicht auf die eigene sexuelle Identität, auf menschliche Liebe und Freundschaft.
Im Werk wird die menschliche Natur nicht als Grundlage, sondern als Hindernis für die geweihte Berufung angesehen. Folgerichtig wird auch sexuelle Identität nicht integriert, sondern so weit wie irgend möglich unterdrückt und von außen kontrolliert. Dies gilt insbesondere bei den Frauen: sie müssen im Werk ihre Weiblichkeit ablegen; die einzig "legitime" Weise des Frauseins liegt nun in der "natürlichen" Neigung zur Hausarbeit. Im Zusammenleben mit den Priestern sind sie in erster Linie eine "Gefahr". Ständig steht die Sorge darum im Raum, dass sie so gekleidet sind und sich so verhalten, dass sie möglichst wenig als Frauen wahrgenommen werden. Es herrscht eine strenge Kleiderordnung: Sie müssen Unterkleider und wadenlange Röcke tragen, Schuhe und Blusen, die oft eine Nummer zu groß sind. Die Haare werden kurz geschnitten oder hochgesteckt.
Die Patres und Brüder müssen mitteilen, sobald sie eine "Versuchung" spüren, weil eine Schwester ihnen sympathisch oder attraktiv erscheint (umgekehrt auch, das kommt aber relativ selten vor). Dann setzt sich eine aufwendige Maschinerie in Gang: der Verantwortliche des betreffenden Bruders setzt sich mit der Verantwortlichen der betreffenden Schwester in Verbindung, ggf. werden noch die international Verantwortlichen informiert. Die "gefährliche" Schwester wird zurechtgewiesen, vermehrt beobachtet, ggf. versetzt, beide werden unter Druck gesetzt - häufig ohne, dass auch nur einer von beiden wirklich etwas im Sinne hatte, die Schwester weiß in der Regel nicht einmal, um wen es denn ging bzw. worum es überhaupt ging, sie erfährt nur, dass sie eingeschüchtert wird. Auch für den Bruder gibt es keine konstruktive Auseinandersetzung mit den dahinter liegenden Gefühlen und Sehnsüchten, vielmehr wird alles daran gesetzt, sie zu zerstören. Sie werden als sündhaft betrachtet.
Dies hat fatale Folgen für die Psyche: Wo diese Ur-Sehnsüchte des Menschen zerstört werden, geraten das Gefühlsleben und die Identität durcheinander und werden verwundet. Die Liebesfähigkeit kann sich nicht entwickeln, man verlernt, sich in andere einzufühlen und miteinander zu kommunizieren; das Selbstvertrauen leidet massiven Schaden. Männer wie Frauen werden in ihrer Identität und in der Begegnung mit anderen Menschen massiv verunsichert und entwickeln dabei verschiedene Bewältigungs- und Vermeidungsstrategien: Rückzug (geduckte Haltung, ausweichender Blick, leise Stimme), Kontroll- und Machtorientierung (der Versuch, den Umgang mit andere zu kontrollieren, ohne Gefühle und Signale verstehen zu müssen, das Bedürfnis, sich durchsetzen zu können, um nicht unterzugehen), Ersatzsuche (vermehrte Identifizierung und "Belohnung" in Nebenbereichen: Putzfimmel, Suche von Freundschaften in der Pastoral, geheime Hobbys). Alle diese Strategien können eine Steigerung bis zum pathologischen Befund erfahren: Depressionen, suizidäres Verhalten, Süchte, Psychosen, Essstörungen, psychosomatische Erkrankungen...
Logischerweise suchen sich die nicht integrierten sexuellen Triebe früher oder später ihre eigenen Wege. Dort, wo keine Sanktionen drohen, wie bspw. im Internet, oder auf der Ebene des Unbewussten, in Phantasien und Gedankenspielen, die das alltägliche anonyme Miteinander überlagern und sich auch von den vielen Kleiderschichten der Schwestern nicht abhalten lassen. Wenn es in dieser Atmosphäre aufgestauter Lust dann tatsächlich zu sexuellen Übergriffen kommt, kann der Täter darauf vertrauen, dass sein Opfer sich scheuen wird, zu sprechen; falls er/sie es doch tut, kann er in jedem Fall darauf vertrauen, dass der Gemeinschaft ihr Image wichtiger ist als seine Bestrafung oder der Schutz der anderen Mitglieder. Ja, Patres, die dafür bekannt sind, dass sie sich nicht immer im Griff haben, sind sogar davor sicher, dass man sie auf derlei Verfehlungen anspricht - die Furcht, es könnte tatsächlich Vorfälle gegeben haben, mit denen sich die Leitung dann befassen und Konsequenzen für den (vielleicht verdienten) Mitbruder zu ziehen hat, ist zu groß. Man will sich nicht damit auseinandersetzen, lieber schickt man Schwestern in Psychotherapie, entlässt sie aus der Gemeinschaft oder zahlt ihren Familien "Schweigegeld".
Führerkult
Eines der Merkmale fundamentalistischer Gruppen ist Personen- oder Führerkult (Beinert: Führer kommt von Gott/ Führergehorsam; Weiß: Beharren auf der Autorität der Führerperson): der Anführer oder Gründer der Gruppe wird in übertriebener oder extremer Weise verehrt, Orte werden nach ihm benannt, Gedenktage werden ihm gewidmet, seine Biographie wird in eine Legende verwandelt, die die Ideologie der Gruppierung bestätigen und verherrlichen soll. Im Unterschied zur Heiligenverehrung ist der "Führer" dabei nicht eine Figur unter vielen, seine Verehrung entsteht nicht spontan, sondern wird bewusst inszeniert oder gar erzwungen, die Deutungshoheit über sein Leben, seine Schriften und Taten obliegt allein ihm selbst bzw. seinen Nachfolgern.
Alle diese Elemente des "Führerkultes" treffen auf Julia Verhaeghe und ihre Verehrung im Werk zu.
Die Präsenz ihres Namens und Bildes: In jedem Haus des Werkes, in dem mehr als vier Personen ständig leben, gibt es ein "Mutter-Julia-Zimmer", in das Besucher geführt werden, um dort "ihre Nähe" zu "erfahren". Vor allen Kapellen des Werkes hängen Bilder Verhaeghes. Jedes Mitglied, das nicht in einem Zentrum des Werkes lebt, muss in seinem Zimmer ein Bild Verhaeghes anbringen. Das Grab Verhaeghes in der Klosterkirche des Mutterhauses in Bregenz wird mit Kerzen und Votivtäfelchen regelrecht zum Wallfahrtsziel inszeniert.
Gedenktage: Der liturgische Kalender des Werkes ist gespickt mit Gedenktagen Verhaeghes, die oft wie Hochfeste begangen werden, das sind im Einzelnen:
18. Januar: am 18.01.1938 soll Verhaeghe eine mystische Vereinigung mit Cyrill Hillewaere erlebt haben, die sie dann den "Gründungstag" des Werkes nannte.
13. Mai: Namenstag Verhaeghes
16. Juli: Verhaeghe verließ an diesem Tag ihr Elternhaus.
29. August: Todestag Verhaeghes.
11. November: Geburtstag Verhaeghes.
13. November: Tauftag Verhaeghes.
Nicht nur diese spezifischen Verhaeghe-Gedenktage sind hier zu nennen, sondern auch die Tatsache, dass die Gedenktage, Feste und Hochfeste des liturgischen Kalenders zu Verhaeghe-Gedenktagen umfunktioniert werden: das Fest der Bekehrung Pauli etwa erinnert ebenso an die "Bekehrung" Verhaeghes als Jugendliche; das Hochfest des Herzens Jesu erinnert an das "Bündnis" Verhaeghes mit dem Herzen Jesu. Propheten-Gedenktage, die es im erneuerten liturgischen Kalender nicht mehr gibt (außer im Patriarchat Jerusalem), werden im Werk dennoch gefeiert, dazu eine Reihe anderer Feste aus dem "alten" Kalender, weil Verhaeghe mit diesen Festen persönliche Erinnerungen verbindet und sie für die von ihr entwickelte Spiritualität wichtig sind: Jesaja als Prophet der Bekehrung (Bekehrung natürlich im Sinne des dualistischen Menschenbildes des Werkes) oder Elia, der die Baalspriester getötet hat (Zeichen seiner Treue zu Gott in gottlosen Zeiten). Dazu kommen einige Gedenktage des von Verhaeghe besonders verehrten Papstes Pius XII. (Geburtstag, Todestag, Bischofsweihe).
Außerdem ist Verhaeghe direkt oder indirekt in allen Gebeten präsent, die die Mitglieder täglich sprechen: das Morgengebet und der Abendsegen sowie beinahe alle Gebete im wöchentlichen Gebetbuch sind aus Zitaten aus ihren Briefen zusammengesetzt, darüberhinaus wird im Abendsegen, im Dankgebet für das Charisma und in anderen direkt dafür gebetet, dass die Mitglieder ihrem Beispiel treu bleiben, sie als Mutter lieben, ihr Andenken bewahren, sich ihrer würdig erweisen etc.
Legendenbildung: Bis vor zehn Jahren gab es überhaupt keine schriftlichen "Quellen" zur Person Verhaeghes. Im Jahr 2005 erschien dann die Teilbiographie "Sie liebte die Kirche. Mutter Julia und die Anfänge der geistlichen Familie 'Das Werk'". Das Buch nennt keinen Verfasser und ist im Eigenverlag erschienen. Es ist eine ganz klare Legendenbildung, die bewusst auf eine lange zurückliegende Zeit verweist (1910 bis 1950) und die gesellschaftlichen Umbrüche der 60er Jahre sowie die Konzils- und Nachkonzilsjahre meidet. Dabei verstarb Verhaeghe erst 1997, und die Gemeinschaft begann 1950 gerade erst so zu existieren. Erzählt wird also hauptsächlich die Kindheit und Jugend Verhaeghes in der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Verhaeghe wird im Stil einer Heiligenlegende als Berufene und Auserwählte, Leidende, Sich-Bekehrende, Weise, Inspirierte und Weitsichtige, dargestellt. Jedes Kapitel ihres Lebens ist zugleich ein Wesensmerkmal der Spiritualität des Werkes. Kritik, Differenzierungen, offene Fragen, verschiedene Perspektiven sucht man in diesem Buch vergebens. Verhaeghe wird inszeniert.
Dazu kommt, dass niemandem innerhalb oder außerhalb der Gemeinschaft eine eigene Meinung zu Verhaeghe zugestanden wird. Ihre Texte befinden sich samt und sonders im Privatarchiv des Werkes, zu dem nicht einmal die "normalen" Mitglieder des Werkes Zugang haben. Von dort dringen nur Zitate heraus, die "massentauglich" und der Verehrung Verhaeghes zuträglich sind. Diese werden dafür umso eifriger verbreitet. Wer sie wirklich war, was sie wirklich geschrieben, gedacht und gesagt hat, ist für Mitglieder wie Außenstehende gleichermaßen rätselhaft. Dies umso mehr, als ehemalige Mitglieder aus der damaligen Zeit ihr z. T. massive Vorwürfe machen, zu denen das Werk aber bisher keine Stellung genommen hat.
Inszenierte Verehrung: Das Werk druckt massenweise "Worte" Verhaeges, Novenen und Gebetsbildchen. Seit Jahren werden alle Mitglieder des Werkes dazu aufgefordert "Zeugnisse" über Verhaeghe zu sammeln, also Berichte von Personen, die Erinnerungen an Verhaeghe haben oder sich von ihrer "Lebensgeschichte", ihrer "Person" oder ihren "Worten" angesprochen fühlen. Die Assoziierten des Werkes werden an ihr Grab und in ihr Zimmer geführt, bekommen Vorträge über sie zu hören, müssen sich darüber äußern, was ihnen "Mutter" bedeutet und wie sie ihre "Hilfe" erfahren. Priester des Werkes, die auswärts die Messe feiern und predigen, werden dazu angehalten, in ihren Predigten über Verhaeghe zu sprechen. Fast das gesamte "Apostolat" des Werkes geschieht mit Worten Verhaeghes oder gar mit dem Ziel, Gläubige zu Verhaeghe-Verhehrern zu machen. Dabei hält sich die Zahl selbst derer, die nach gezielter Werbung ein "Zeugnis" geben oder an ihr Grab kommen, sehr in Grenzen. Von "spontaner Verehrung" kann keine Rede sein.
Warum Führerkult gefährlich ist: Wenn der Führer zum letzten Maßstab für dir Moral und das Handeln einer Gemeinschaft wird und noch dazu die Deutungshoheit über die Worte und den Willen des Führers bei diesem selbst oder einer kleinen Gruppe liegt, die die Verantwortung für die Leitung der Gemeinschaft innehat, ist Willkür und Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Mitglieder können sich nicht gegen Beschuldigungen oder Anforderungen wehren, die unter Berufung auf den Führer an sie gerichtet werden. Sie können weder auf andere Maximen rekurrieren, auch nicht auf biblische oder kirchliche, da die Auslegung solcher anderer Maximen wiederum von der Leitung gemäß den Worten Verhaeghes getroffen wird, die unbedingt gelten. Mitglieder des Werkes können sich weder auf Worte Verhaeghes berufen, die sie nicht kennen (der Zugang zu ihren Texten ist streng geregelt) noch auf andere Interpretationsmöglichkeiten ihrer Texte, da allein die Leitung entscheidet, wie die Texte auszulegen sind. So kann unter Berufung auf Verhaeghe schließlich alles mögliche gerechtfertigt und von den Mitgliedern gefordert werden, von der Vorenthaltung medizinischer Versorgung über den erzwungenen Kontaktabbruch zur eigenen Familie bis hin zur Vertuschung von sexuellem Missbrauch.
Alle diese Elemente des "Führerkultes" treffen auf Julia Verhaeghe und ihre Verehrung im Werk zu.
Die Präsenz ihres Namens und Bildes: In jedem Haus des Werkes, in dem mehr als vier Personen ständig leben, gibt es ein "Mutter-Julia-Zimmer", in das Besucher geführt werden, um dort "ihre Nähe" zu "erfahren". Vor allen Kapellen des Werkes hängen Bilder Verhaeghes. Jedes Mitglied, das nicht in einem Zentrum des Werkes lebt, muss in seinem Zimmer ein Bild Verhaeghes anbringen. Das Grab Verhaeghes in der Klosterkirche des Mutterhauses in Bregenz wird mit Kerzen und Votivtäfelchen regelrecht zum Wallfahrtsziel inszeniert.
Gedenktage: Der liturgische Kalender des Werkes ist gespickt mit Gedenktagen Verhaeghes, die oft wie Hochfeste begangen werden, das sind im Einzelnen:
18. Januar: am 18.01.1938 soll Verhaeghe eine mystische Vereinigung mit Cyrill Hillewaere erlebt haben, die sie dann den "Gründungstag" des Werkes nannte.
13. Mai: Namenstag Verhaeghes
16. Juli: Verhaeghe verließ an diesem Tag ihr Elternhaus.
29. August: Todestag Verhaeghes.
11. November: Geburtstag Verhaeghes.
13. November: Tauftag Verhaeghes.
Nicht nur diese spezifischen Verhaeghe-Gedenktage sind hier zu nennen, sondern auch die Tatsache, dass die Gedenktage, Feste und Hochfeste des liturgischen Kalenders zu Verhaeghe-Gedenktagen umfunktioniert werden: das Fest der Bekehrung Pauli etwa erinnert ebenso an die "Bekehrung" Verhaeghes als Jugendliche; das Hochfest des Herzens Jesu erinnert an das "Bündnis" Verhaeghes mit dem Herzen Jesu. Propheten-Gedenktage, die es im erneuerten liturgischen Kalender nicht mehr gibt (außer im Patriarchat Jerusalem), werden im Werk dennoch gefeiert, dazu eine Reihe anderer Feste aus dem "alten" Kalender, weil Verhaeghe mit diesen Festen persönliche Erinnerungen verbindet und sie für die von ihr entwickelte Spiritualität wichtig sind: Jesaja als Prophet der Bekehrung (Bekehrung natürlich im Sinne des dualistischen Menschenbildes des Werkes) oder Elia, der die Baalspriester getötet hat (Zeichen seiner Treue zu Gott in gottlosen Zeiten). Dazu kommen einige Gedenktage des von Verhaeghe besonders verehrten Papstes Pius XII. (Geburtstag, Todestag, Bischofsweihe).
Außerdem ist Verhaeghe direkt oder indirekt in allen Gebeten präsent, die die Mitglieder täglich sprechen: das Morgengebet und der Abendsegen sowie beinahe alle Gebete im wöchentlichen Gebetbuch sind aus Zitaten aus ihren Briefen zusammengesetzt, darüberhinaus wird im Abendsegen, im Dankgebet für das Charisma und in anderen direkt dafür gebetet, dass die Mitglieder ihrem Beispiel treu bleiben, sie als Mutter lieben, ihr Andenken bewahren, sich ihrer würdig erweisen etc.
Legendenbildung: Bis vor zehn Jahren gab es überhaupt keine schriftlichen "Quellen" zur Person Verhaeghes. Im Jahr 2005 erschien dann die Teilbiographie "Sie liebte die Kirche. Mutter Julia und die Anfänge der geistlichen Familie 'Das Werk'". Das Buch nennt keinen Verfasser und ist im Eigenverlag erschienen. Es ist eine ganz klare Legendenbildung, die bewusst auf eine lange zurückliegende Zeit verweist (1910 bis 1950) und die gesellschaftlichen Umbrüche der 60er Jahre sowie die Konzils- und Nachkonzilsjahre meidet. Dabei verstarb Verhaeghe erst 1997, und die Gemeinschaft begann 1950 gerade erst so zu existieren. Erzählt wird also hauptsächlich die Kindheit und Jugend Verhaeghes in der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Verhaeghe wird im Stil einer Heiligenlegende als Berufene und Auserwählte, Leidende, Sich-Bekehrende, Weise, Inspirierte und Weitsichtige, dargestellt. Jedes Kapitel ihres Lebens ist zugleich ein Wesensmerkmal der Spiritualität des Werkes. Kritik, Differenzierungen, offene Fragen, verschiedene Perspektiven sucht man in diesem Buch vergebens. Verhaeghe wird inszeniert.
Dazu kommt, dass niemandem innerhalb oder außerhalb der Gemeinschaft eine eigene Meinung zu Verhaeghe zugestanden wird. Ihre Texte befinden sich samt und sonders im Privatarchiv des Werkes, zu dem nicht einmal die "normalen" Mitglieder des Werkes Zugang haben. Von dort dringen nur Zitate heraus, die "massentauglich" und der Verehrung Verhaeghes zuträglich sind. Diese werden dafür umso eifriger verbreitet. Wer sie wirklich war, was sie wirklich geschrieben, gedacht und gesagt hat, ist für Mitglieder wie Außenstehende gleichermaßen rätselhaft. Dies umso mehr, als ehemalige Mitglieder aus der damaligen Zeit ihr z. T. massive Vorwürfe machen, zu denen das Werk aber bisher keine Stellung genommen hat.
Inszenierte Verehrung: Das Werk druckt massenweise "Worte" Verhaeges, Novenen und Gebetsbildchen. Seit Jahren werden alle Mitglieder des Werkes dazu aufgefordert "Zeugnisse" über Verhaeghe zu sammeln, also Berichte von Personen, die Erinnerungen an Verhaeghe haben oder sich von ihrer "Lebensgeschichte", ihrer "Person" oder ihren "Worten" angesprochen fühlen. Die Assoziierten des Werkes werden an ihr Grab und in ihr Zimmer geführt, bekommen Vorträge über sie zu hören, müssen sich darüber äußern, was ihnen "Mutter" bedeutet und wie sie ihre "Hilfe" erfahren. Priester des Werkes, die auswärts die Messe feiern und predigen, werden dazu angehalten, in ihren Predigten über Verhaeghe zu sprechen. Fast das gesamte "Apostolat" des Werkes geschieht mit Worten Verhaeghes oder gar mit dem Ziel, Gläubige zu Verhaeghe-Verhehrern zu machen. Dabei hält sich die Zahl selbst derer, die nach gezielter Werbung ein "Zeugnis" geben oder an ihr Grab kommen, sehr in Grenzen. Von "spontaner Verehrung" kann keine Rede sein.
Warum Führerkult gefährlich ist: Wenn der Führer zum letzten Maßstab für dir Moral und das Handeln einer Gemeinschaft wird und noch dazu die Deutungshoheit über die Worte und den Willen des Führers bei diesem selbst oder einer kleinen Gruppe liegt, die die Verantwortung für die Leitung der Gemeinschaft innehat, ist Willkür und Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Mitglieder können sich nicht gegen Beschuldigungen oder Anforderungen wehren, die unter Berufung auf den Führer an sie gerichtet werden. Sie können weder auf andere Maximen rekurrieren, auch nicht auf biblische oder kirchliche, da die Auslegung solcher anderer Maximen wiederum von der Leitung gemäß den Worten Verhaeghes getroffen wird, die unbedingt gelten. Mitglieder des Werkes können sich weder auf Worte Verhaeghes berufen, die sie nicht kennen (der Zugang zu ihren Texten ist streng geregelt) noch auf andere Interpretationsmöglichkeiten ihrer Texte, da allein die Leitung entscheidet, wie die Texte auszulegen sind. So kann unter Berufung auf Verhaeghe schließlich alles mögliche gerechtfertigt und von den Mitgliedern gefordert werden, von der Vorenthaltung medizinischer Versorgung über den erzwungenen Kontaktabbruch zur eigenen Familie bis hin zur Vertuschung von sexuellem Missbrauch.
Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Schluss
Nach und nach beunruhigten mich diese Erfahrungen immer mehr. Ich fing an zu zweifeln. Immer wieder dachte ich auch, ich hätte Unrecht, und es wäre der Teufel, der versuchte, mich ins Wanken zu bringen. Es war mir nicht möglich, mit jemandem darüber zu sprechen. Mit wem denn? Mir wurde klar, dass alle Brücken abgebrochen waren. Würde ich mit meiner Verantwortlichen darüber sprechen, konnte ich mir ausrechnen, was mich erwartete. Und mit einem anderen Mitglied der Gemeinschaft zu sprechen, war noch viel riskanter. Ich merkte ja selbst, wie die ein oder andere ab und zu eine schwierige Phase durchmachte, und versuchte dann, so umsichtig wie möglich mit ihnen umzugehen. Ich wollte ihnen nicht noch mehr schaden... Einen Priester um Rat fragen? Das Werk sortierte alle Priester in zwei Gruppen: die „Guten“, die dem Werk wohlgesinnt waren und zum Teil eingeweiht wurden, und die „Schlechten“, die unbedingt gemieden werden mussten. Außerdem erkannte ich, dass ein Außenstehender das Problem nicht begreifen können würde. Nach und nach realisierte ich, dass ich gefangen war. Ich war verzweifelt. Es gab keinen Ausweg. Ich bräuchte ein vielfaches meiner Kraft: erstens, um meine Aufgaben im Werk weiter wahrzunehmen (und meine Aufgaben als Verantwortliche entsprachen mehr als einer Vollzeit-Stelle), außerdem brauchte ich genug Kraft, um ganz allein mit meinen Zweifeln fertig zu werden, so unerträglich sie werden konnten, und schließlich brauchte ich sehr viel Kraft, um mein „Doppelleben“ durchzuhalten. Ich wusste, dass nichts davon bemerkt werden durfte.
Heute, wo ich weit weg vom Werk bin, ist mir klar, dass es durchaus andere Wege und Möglichkeiten gegeben hätte, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Was ich erfahren habe, war das Resultat von Manipulation, ja von Gehirnwäsche: Man kann beim besten Willen nicht mehr normal denken; der Blick auf die Realität ist durch die jahrelange Beeinflussung völlig getrübt. Er ist von Angst geprägt, die als subtiler Faktor alles mitbestimmt. Mir ist klar geworden, wie sehr Sektenmitglieder mit den Schritten zu kämpfen haben, die sie gehen müssen und bei denen ihnen niemand helfen kann. Auch Selbstmordversuche von Menschen in Sekten oder in religiösen Bewegungen mit sektenähnlichen Praktiken wundern mich nicht. Ich selbst spielte oft mit dem Gedanken in dieser Zeit von Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.
Es war August 1974. Da geschah etwas, was so gut wie nie geschah: Mikle Strolz sagte, dass ich eine Woche lang allein in Innsbruck bleiben sollte. Das Werk war emsig mit der Vorbereitung eines Newman-Kongresses in Rom beschäftigt. Die Kontaktadresse für evtl. freiwillige Mithelfer war damals Innsbruck. Ich sollte also da bleiben, um diese Personen aufzunehmen. Damals dachte ich: Das ist die Chance! Ich muss hier weg! Wenn ich es jetzt nicht tue, dann gelingt es nie mehr und dann drehe ich endgültig durch. Was sich damals abspielte ist unmöglich zu beschreiben. Völlig verzweifelt suchte ich Kontakt zu meinen Brüdern. Ich musste eine Telefonnummer finden. Wie macht man das, wenn man sieben Jahre lang nichts mehr voneinander gehört hat? Wahrscheinlich waren sie inzwischen verheiratet, hatten Kinder. Würden sie bereit sein, mir zu helfen? Was sollte ich tun? Nein, besser keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Besser, ich suche mir eine Arbeitsstelle irgendwo in Österreich oder Norditalien. Aber ich besaß ja nichts. Ich kannte niemanden. Doch die Telefonnummer suchen? Als ich über die Auskunft eine Nummer bekommen hatte, hörte ich völlig unerwartet, die Stimme meiner Mutter am anderen Ende der Leitung. Ich kann nicht ausdrücken, was da in mir vorging. Mit einem Mal fiel alles von mir ab. Darf ich zurückkommen? Geht das noch? Was würde meine Mutter sagen? Ja, ich durfte zurückkommen, unter der Bedingung, dass ich das Werk definitiv verlassen würde. Da kam die Angst zurück. Ich beschwor meine Mutter, dass sie absolut niemandem sagen durfte, dass ich sie angerufen hatte. Ich konnte ihr nicht erklären, wie das Kontrollsystem des Werkes funktionierte. Ich konnte ihr nicht erklären, dass es in ihrer unmittelbaren Umgebung Priester gab, zu denen sie zwar Vertrauen hatte, die aber das Werk unterstützten. Ich wollte noch drei Tage in Innsbruck bleiben, denn ich fühlte mich dem Werk gegenüber nach wie vor zur Loyalität verpflichtet. Ich wollte meine Aufgaben für den Newman-Kongress erst zu Ende bringen. Die drei Tage wurden mir zur Hölle. Mir kamen Zweifel. Ich wollte doch nicht flüchten. Und ich konnte oder durfte niemandem etwas sagen. Ich hatte Albträume. Was hatte ich getan? Ich hatte das Werk verraten! Nein, nein, ich hatte richtig gehandelt. Ich würde das Auto nehmen und damit nach Berchtesgaden fahren. Von dort wollte ich alle Dokumente mitnehmen, die ich im Lauf der Jahre unterschrieben hatte, damit das Werk mich damit nicht belangen konnte. Es schoss mir durch den Kopf, dass ein normales Mitglied, diese Möglichkeit nicht hatte. Aber ich mit meiner Stellung im Werk konnte alle meine persönlichen Dokumente, meine Zeugnisse usw. mitnehmen.
Als ich wieder in Innsbruck war, kamen die Zweifel wieder. Die Angst. Aber ich konnte nicht mehr zurück. Ich schloss die Buchhaltung gewissenhaft ab. Ich wusste, dass sie mich den anderen Mitgliedern gegenüber als gewissenlose Person hinstellen würden, die mit viel Geld abgehauen war. Dieses Lied hatte ich ja früher schon gehört. Ich nahm keinen Pfennig mehr mit als das Zugticket kostete. Damit niemand mich sehen würde, beschloss ich den Nachtzug zu nehmen. Als ich ging, konnte ich die Hausschlüssel nicht zurücklassen, falls etwas geschehen würde, was mich zum Umkehren zwingen könnte. Als der Zug schon eine weite Strecke in Deutschland zurückgelegt hatte, warf ich die Schlüssel aus dem Fenster. Ich traute mich nicht geradewegs den Zug nach Brüssel zu nehmen. Vielleicht hatten sie meine Flucht bemerkt und erwarteten mich auf einem der Bahnhöfe auf dem Weg? Nach einem großen Umweg durch Deutschland und die Niederlande kam ich schließlich in Belgien an.
So kam ich wieder nach Hause. Trotz dem heftigen Streit vor sieben Jahren hießen sie mich willkommen. Das war meine Rettung. Die Türen standen wieder weit offen. Sie nahmen mich auf ohne Fragen zu stellen. Sie spürten, dass ich in diesem Moment keine Fragen beantworten und nichts erklären konnte. Sie haben mir die Zeit gegeben, die ich brauchte, um diese Erfahrung zu verarbeiten. Sie haben mir die Chance gegeben, alles wieder ins Lot zu bringen. Es waren ungefähr zwei Jahre, die nötig waren, um mich von den schrecklichen Folgen meiner Erfahrungen im Werk zu lösen. Es wundert mich nicht, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang von solchen Erfahrungen gezeichnet sind. Wie muss es erst Menschen ergehen, die nach mehr als zwanzig Jahren vom Werk „aussortiert“ oder rausgeworfen werden? Wie verarbeiten es Mitglieder, die nach vielen Jahren im Werk zur Ernüchterung kommen? Was tun sie, wenn ihre Eltern, Geschwister oder Bekannten von früher nicht mehr da sind oder nicht bereit, ihnen zu helfen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten?
Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil VI
Ich musste erleben, wie Mitglieder, die für die Zwecke des Werkes weniger geeignet zu sein schienen, aufs Abstellgleis befördert, ja manchmal sogar einfach unverfroren „ausgesetzt“ wurden. Als ich 1967 meine Familie verließ, um ins Werk einzutreten, hielt ich es für eine logische Konsequenz, dass ich den Kontakt mit meinen Eltern abbrach, die sich ja gegen das Werk gestellt hatten. Nach einer gewissen Zeit merkte ich aber, dass auch Eltern, die vom Werk begeistert gewesen waren, aufs Abstellgleis befördert wurden. Jeder Außenstehende wurde vom Werk sortiert, und zwar nach einem einzigen Kriterium: wofür können wir diese Person gebrauchen? Es war nur folgerichtig, dass viele dann „nach Gebrauch“ verworfen wurden. Jeder Außenstehende, der versuchte, weiter ins Werk vorzudringen, der es wagte, mehr Fragen zu stellen als andere oder der es sich gar anmaßte Kritik zu äußern, wurde einfach „aussortiert“. Erschütternd war besonders die Art und Weise, in der das Werk mit Mitgliedern umging, die zweifelten oder die sich das „räsonieren, diskutieren und kritisieren“ nicht ausreden ließen. Es ist mir wichtig, hier von einem Vorfall zu berichten, der mich damals sehr beunruhigte.
Lieve Bommerez, das Mädchen, das gemeinsam mit mir in Rom studiert hatte, hatte ich seit meinem Wechsel nach Innsbruck nicht mehr wiedergesehen. Wie die interne Regel es wollte, fragte ich weder nach ihr noch nach sonst jemandem. Natürlich fragte ich mich selbst, wie es ihr wohl ginge und was sie wohl tue. Das schien mir nichts Verwerfliches: unsere gemeinsame Zeit in Rom hatte uns ja doch verbunden. Eines Tages hörte ich im Gespräch mit der Leitung, dass Lieve Bommerez den Platz einer Verantwortlichen in Rom zugewiesen bekommen sollte. Allerdings ginge es ihr nicht so gut... Was genau nicht „gut ging“ wurde nicht näher erklärt. Aber es wurde ihr ziemlich heftig vorgeworfen, dass sie ohne Zustimmung der Leitung Kontakt mit einem Arzt aufgenommen hätte. Einige Wochen später bekam ich einen besonderen Auftrag: Lieve sollte nach Innsbruck kommen und ich sollte dafür sorgen, dass sie „verwöhnt“ wird: ein Einzelzimmer, Leckereien, entspannende Spaziergänge. Außerdem sollte sie so wenig wie möglich Kontakt mit den anderen Schwestern in Innsbruck haben. Als Lieve in Innsbruck ankam, erkannte ich sie nicht wieder. Sie war sehr abgemagert, hatte einen glasigen Blick und alle Lebenslust und Begeisterung waren aus ihr gewichen. Mir wurde gesagt, dass sie völlig „entgleist“ wäre. „Man“ sollte ihr helfen, wieder auf einen guten Weg zurückzufinden. „Man“ – das waren v.a. Strolz und G. Smet, die abwechselnd stundenlange Gespräche mit Lieve führten. Ich durfte keine persönlichen Gespräche mit ihr führen, meine Rolle bestand ausschließlich darin, sie zu „verwöhnen“. Einige Wochen später, war Lieve „gesund“. Mir kam es vor, als wäre sie zum Roboter geworden. Zum ersten Mal bekam ich Angst und nahm mir vor, sicher niemals jemandem meine Zweifel und Bedenken mitzuteilen.
Was ich hier von Lieve erzählt habe, ist kein Einzelfall. Ich wurde zur Zeugin dafür, wie Menschen mit dieser Methode „umgeformt“ wurden. Ich nenne sie die „Warm-Kalt-Behandlung“. Immer wieder kam es vor, dass Mitglieder mit einer Überzahl von Aufträgen überlastet wurden. Alles musste perfekt sein. Da war es nicht verwunderlich, dass dann und wann jemand Ermüdungserscheinungen zeigte. Unterlief dann einmal ein Fehler, gab es Maßregelungen. Nicht selten wurde die betreffende Person dann eine Zeit lang irgendwo isoliert. Ein Fall ist so heftig, dass er beinahe unmöglich erscheint:
Margarete war eine Zeit lang Verantwortliche in Wien. Auch sie hatte Anfang der 70er Jahre eine wichtige Funktion im Werk inne. Sie war oft mit dem Auto unterwegs, um in ganz Österreich und einem Teil von Deutschland Kontakte zu knüpfen und zu pflegen; außerdem begleitete sie junge Menschen in Wien und hatte eine ganze Reihe weiterer täglicher Aufgaben. Als sie sich einmal in Innsbruck aufhielt nahm sie auch „Mutter“ und Strolz im Auto mit. Dabei gab es einen kleinen Zwischenfall mit der Straßenbahn, durch den das Auto leicht beschädigt wurde. „Mutter“ schien aber einige Tage nach diesem Zwischenfall „sehr krank“ zu sein. Sie musste das Bett hüten. Ich musste sogar nachts an ihrem Bett wachen. Nun habe ich keine besonderen medizinischen Kenntnisse und bin kein Arzt und kann mich von daher auch nicht über ihren damaligen Gesundheitszustand aussprechen, meinem Gefühl nach war da aber nichts. Es durfte auch kein Arzt zu Rate gezogen werden, wer auch immer. „Mutter“ blieb wochenlang im Bett. Und ich musste dafür sorgen, dass niemand sonst erfuhr, dass sie in Innsbruck war. In Absprache mit der neuen Verantwortlichen in Rom wurde vorgegeben, „Mutter“ wäre in Rom. Sogar der Arzt, der dann schließlich telefonisch zu Rate gezogen wurde, musste seine Anweisungen nach Rom melden; und von dort aus wurden sie dann nach Innsbruck weitergegeben. „Mutter“ entschied dann selbst, ob der Doktor richtig gelegen hatte und wählte aus einer Liste diejenigen (homöopathischen) Mittel aus, die sie nehmen wollte. Einige Tage später teilten Strolz und Smet mit, dass Margarete „Ruhe braucht“. Sie sollte „irgendwo“ in Deutschland einen neuen Auftrag bekommen. Und wieder bekam ich Angst, wenn ich daran dachte, was mit mir selbst geschehen könnte. – Nun, zwanzig Jahre später habe ich die „Werksversion“ von diesem Vorfall zu hören bekommen. Ein Ex-Mitglied, das vor einiger Zeit das Werk verlassen hat, erzählte mir, dass damals die Geschichte die Runde machte, ein Mitglied des Werkes habe in Innsbruck durch einen Autounfall einen „Anschlag“ auf „Mutter“ verübt. „Gott sei Dank hat die Vorsehung diesen Plan des Teufels vereitelt“ – war der Kommentar gewesen. Ich konnte meinen Ohren nicht glauben!
Nach und nach beunruhigten mich diese Erfahrungen immer mehr...
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