Dieses Gebet wird eher selten gebetet. Es ist ein Beleg für die manipulierende Funktion des Gebetes und der Spiritualität im Werk: durch Gebete wie dieses wird die Bereitschaft aufgebaut, sich manipulieren zu lassen, d.h. die Bereitschaft permanent ("Tag und Nacht") das eigene Sein und Empfinden zurückzustellen gegenüber der "gläubigen" Erkenntnis des "Guten und Bösen" in einem selbst und in den anderen. Somit kann die eigene Erfahrung und Wahrnehmung nicht mehr als Maßstab dienen, sondern ist immer verdächtig wenigstens teilweise "böse" zu sein.
Dieses Gebet ist das spirituelle Pendant zu den Gesprächen mit Verantwortlichen, die die Deutungshoheit über das Leben ihrer Mitglieder beanspruchen und ihren Mitgliedern sagen, was in ihnen, in anderen und in der Welt Gut und was Böse ist, was sie dann bedingungslos anzunehmen haben.
Herr, lass mich nicht verallgemeinern, was mir eigen ist,
sondern lass mich – im Ganzen deiner Wahrheit – erkennen und annehmen,
was alle
Menschen an Gutem und Bösem in sich tragen.
Hilf mir, dass ich es gläubig sehe
und es in deiner Nachfolge bedingungslos annehme.
Lass mich Tag und Nacht bereit und offen stehen,
das je
Unterscheidende anzuerkennen und
– in der Hingabe meines ganzen lebenden Seins
und Wesens –
zu begreifen, was ich, was wir, was sie in sich tragen,
auf dass
ich nur einem Herrn folge und diene: Dir, Herr, in allen und in allem.