Was will dieser Blog?

Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.
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Fernsehbericht über Das Werk

Dieses Video über Das Werk wurde vor Kurzem online gestellt:

https://m.youtube.com/watch?v=2ZQibvNEdvA

Es enthält einen Bericht des niederländischen Fernsehen aus den 1990er Jahren. Nie zuvor oder danach wurde Das Werk so direkt und öffentlich mit Vorwürfen von Ex-Mitgliedern konfrontiert wie hier.

Wer sich das Video ansieht, sieht sofort, dass nicht nur die Vorwürfe über Jahrzehnte hinweg dieselben geblieben sind: Verletzung des Beichtgeheimnisses, Gehirnwäsche, Denk- und Redeverbote, Abschottung der Mitglieder von ihrem familiären Umfeld und von der "Welt", sondern dass auch die Reaktion des Werkes dieselbe geblieben ist: Schweigen und die Opfer einschüchtern (sehr interessantes Detail: Das halb-offizielle/inoffizielle Auftauchen des Polizisten mit Privatwagen und Dienstausweis, der sagt: Sie sind hier nicht erwünscht...)




Das eigene Leben wieder in die Hand nehmen

Beitrag von Doris Wagner bei den journées annuelles von AVREF, am 16. April 2016. 
(Aus dem Englischen übersetzt)

Als ich „meine Gemeinschaft“ 2011 verließ, war ich unmittelbar mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Ich musste mich irgendwie finanzieren, irgendwo wohnen etc. Viel wichtiger war aber etwas anderes: Ich stand vor der Herausforderung zu verstehen, was geschehen war. Meine Verantwortlichen hatten sich doch um mich gekümmert, oder etwa nicht? Im Werk bekam ich geistliche Begleitung, ein Zimmer und Verköstigung. Als ich eintrat, wollte ich doch zu dieser Gemeinschaft gehören. Ich hatte eine Berufung, oder nicht? Ich wollte mein Leben in den Dienst Gottes stellen. Was war eigentlich schief gegangen?

Im Rückblick auf meine Zeit im „Werk“ gab es einen Moment, in dem mir offensichtlich Unrecht geschehen war. 2008 hat ein Verantwortlicher mich mehrmals vergewaltigt. Er kam in mein Zimmer, zog mich aus, obwohl ich ihm sagte, dass er das nicht durfte und vergewaltigte mich, während ich vor Angst wie gelähmt war. – Eine Vergewaltigung ist eine extrem schmerzliche Erfahrung: Jemand setzt sich bewusst über deine Gefühle hinweg und übertritt deine körperlichen und emotionalen Grenzen. Er drückt dir seinen Willen auf, dringt in dich ein, während du völlig aufgelöst, apathisch und hilflos bist.

Als das geschah, war ich außer Stande zu begreifen, was vor sich ging. Später hat mir diese traumatische Erfahrung auf seltsame Art geholfen zu verstehen, was mir geschehen war, und zwar nicht nur in diesem Moment, sondern die ganze Zeit. Im „Werk“ wurde nicht nur mein Körper vergewaltigt, sondern auch mein Gefühlsleben, mein Intellekt, mein Glaube, alles, was mich ausmachte und was ich war. Meine Verantwortlichen setzten sich bewusst und andauernd über meine Grenzen hinweg und drangen in mein Denken, mein Fühlen, meine Gottesbeziehung, in die intimsten Schichten meines Selbst ein.

Ich erinnere mich an viele Momente, in denen das deutlich wurde. Zum Beispiel kam meine Verantwortliche in den ersten Monaten nach meinem Eintritt mit einem Vorwurf auf mich zu: Ich hatte in letzter Zeit öfter ein trauriges Gesicht. Seltsamerweise hatte ich selbst nichts davon gemerkt, dass ich traurig war. Aber es kümmerte sie nicht, was ich fühlte. Sie wollte nur, dass ich ein Lächeln aufsetzte. Wichtig war nicht, was ich fühlte, sondern dass ich glücklich aussah und dass ich dachte, ich wäre glücklich. Ich konnte auch gar nichts anderes denken, weil wir ständig zu hören bekamen, was für ein Glück es doch wäre, im „Werk“ zu sein. Die Folge war, dass ich nur noch mit einem Lächeln auf dem Gesicht herumlief. Ich lächelte, auch noch am Morgen nach der ersten Vergewaltigung. Ich lächelte auch noch nach meinem Austritt. Es dauerte, bevor ich in der Lage war, diese Grimasse abzustreifen – und noch heute wird mir schlecht, wenn ich Leute mit diesem Dauerlächeln im Gesicht zu sehen bekomme.

Meine Verantwortlichen sprachen viel über Jungfräulichkeit, über Jungfräulichkeit des Herzens und Jungfräulichkeit des Geistes. Man sagte mir, ein ohne Erlaubnis gelesenes Buch wäre wie ein unehelich empfangenes Kind. Gleichzeitig bombardierten sie uns förmlich mit Worten und Texten von „Mutter Julia“. Es gab keinen einzigen Tag, es gab kaum eine Stunde, in der ich nicht gezwungen war „Mutter Julia“ oder meinen Verantwortlichen zuzuhören. Sie nahmen mir alles, was meine Individualität und persönliche Freiheit hätte stützen können, um dann in mein Denken, Fühlen, Glauben und Handeln einzudringen. Während sie vorgaben, meine geistige Jungfräulichkeit zu schützen, behandelten sie mich in Wirklichkeit wie eine Prostituierte, der sie sich aufzwangen, wie es ihnen gerade beliebte.

Wenn man ein solches Missbrauchssystem verlässt, steht man vor einer gewaltigen Herausforderung. Als ich die Gemeinschaft verließ, war ich immer noch so sehr in den Gewohnheiten und Zwängen des Gemeinschaftslebens, in meiner Rolle als dauerlächelnde, arbeitende und betende Schwester gefangen, dass ich erst einmal praktisch genauso weiterlebte, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte.

Die meisten Menschen mit Missbrauchserfahrungen neigen dazu, sich die Rolle zu eigen zu machen, die ihnen die Leute, die sie missbraucht haben, aufgedrängt haben. Sie fühlen sich wertlos, haben keine Selbstachtung, kein Selbstvertrauen und sind nicht im Kontakt mit sich selbst und ihren Gefühlen. Sie riskieren, sofort in die nächste Missbrauchssituation zu geraten. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, muss man sein eigenes Selbst wiederentdecken, den eigenen Verstand, die eigenen Gefühle, die eigene Gottesbeziehung, sogar den eigenen Körper. Sei vorsichtig, wenn du das tust, höre genau hin auf deine innere Stimme, lass dir Zeit!

Einige von euch, die heute hier sind, stehen vielleicht vor dieser Herausforderung. Ich möchte Folgendes zu euch sagen:
1.    Denke immer daran, dass du ein wunderbarer, liebenswerter Mensch bist! Wiederhole diese Worte, sag zu dir selbst immer wieder: Ich bin liebenswert!
2.    Zögere nicht eine Sekunde, den intellektuellen und geistlichen Müll, mit dem man dich vollgestopft hat, aus deinem Denken und deinem Herzen zu entfernen. Nicht eine Sekunde!
3.    Komm wieder in Tuchfühlung mit dir selbst. Langsam. Schritt für Schritt. Trau dich, wieder selbst zu denken, selbst zu beten, mit deinen eigenen Worten, und stell dich deinen Gefühlen. Trau dich zu weinen, zu trauern, zu streiten, zu kämpfen, zu lachen, zu tanzen, und vor allem: zu lieben!

Kurz: Nimm dein Leben wieder in deine eigenen Hände. Dann – und nur dann – wirst du es auch in wieder in den Dienst anderer stellen können.

Brief eines Verantwortlichen an einen Novizen

Wer in Das Werk eintritt, bekommt eine/n Verantwortliche/n als persönliche Begleitperson an die Seite gestellt. Äußere Leitung und geistliche Begleitung verwischen. Als Novize ist man ganz auf diese eine Person orientiert, schreibt ihr Berichte, beantwortet ihre Fragen, legt das eigene Innenleben offen und gehorcht ihren Anweisungen, immer im Glauben, dadurch die eigene Berufung besser kennenzulernen und im geistlichen Leben zu "wachsen".

Tatsächlich ist die Ausbildung und Begleitung im Werk sehr manipulativ. Im Fokus stehen nicht die Persönlichkeit, die echten Probleme und Begabungen des einzelnen Novizen, sondern allen werden dieselben vermeintlichen Probleme aufgedrängt, v.a. eines, das "zu menschliche Denken" (der Verstoß gegen das Prinzip der drei Pfeiler). Für alle gilt das eine Ziel: dem eigenen Denken und der eigenen Wahrnehmung misstrauen lernen, um bedingungslos der Leitung des Werkes zu vertrauen und vor keinem Opfer zurückzuschrecken.

Gleich mit welcher Frage, mit welchem Problem, mit welcher Erfahrung der einzelne Novize sich an seinen Verantwortlichen wendet, er wird immer dasselbe zu hören bekommen: du denkst noch zu menschlich, vertraue uns und tu, was wir dir sagen, bringe Opfer, sei leidensbereit und gib dich bedingungslos hin, dann wird alles gut. Dabei wird er auf die Bündnisgnade und andere Begriffe aus dem Hausjargon verwiesen.

Ein Beispiel für diese manipulative Strategie ist ein in vieler Hinsicht völlig gewöhnlicher und typischer Brief, wie Mitglieder des Werkes sie ständig von ihren Verantwortlichen erhalten (man beachte Satzbau und Orthographie):


Lieber fr. ...!

Es drängt mich, auf diese Weise noch das Eine oder andere zu unserem Gespräch von der vergangenen Woche hinzuzufügen.

Der Christ ist zu grossem berufen. In und durch Christus vermag der die "Welt zu besiegen" (Joh 16). ...  Nun bist Du durch die Bündnisgnade unter anderem auf den Punkt hingeführt worden, Deine Vorstellungen über das WIE grosses zu vollbringen läutern und reinigen zu lassen. ... Das ist eine not-wendende Läuterung, damit Du von den all zu menschlichen Vorstellungen darüber erlöst werden kannst. Ich meine damit das Wirken Gottes, das das, was gut in diesen Vorstellungen war, bewahrt und entwickelt und das, was nicht seinem Plan entspricht, auszuschneiden oder umformen zu lassen.

Lass es jetzt einfach geschehen. Aus der wahren Armut wird die zu Grossem fähig machende HOFFNUNG geboren. Das gehört zum Herzstück unserer Berufung.

Was Deine Sicht auf die Situation von Kirche und Welt angeht möchte ich nur hinzufügen, dass die Verantwortlichen fast durch die Bank das kennen, von dem Du gesprochen hast. Das macht tiefer "eins".

Du hast Dich in den vergangenen Jahren bemüht, Dich abzuhärten, damit Du für den Kampf gewaffnet bist, soweit dies menschlich möglich ist, die richtigen Vorkehrungen zu treffen. Anbei ist ein Text von Mutter [Anm. d. Red.: es handelt sich um Absterben], der in sehr deutlicher Sprache die hohen Forderungen ausspricht, um sich im guten Kampf auf eine höhere Stufe desselben vorzubereiten. Meditiere diesen Text. Ich würde mich freuen, wenn Du mir im Februar den einen oder anderen Punkt aus dem Text nennen könntest, den Du in Deinem Leben und "Training" aufgenommen hast. Es geht hier um die tiefe Läuterung der Sinneswelt, über die wir vieles in und aus der Welt aufnehmen.

Ich wünsche Dir eine gesegnete Prüfungszeit.

Im "Heiligen Bündnis", der Quelle all dessen, was wir brauchen, um die Berufung leben zu können, vereint

P. ...


Erinnerungen an den Alltag im Werk

Das wirklich Schlimme hinter den täglichen unmenschlichen Routinen im Werk ist, dass uns in einer päpstlich anerkannten Gemeinschaft des geweihten Lebens (!), Rechte und Ansprüche vorenthalten wurden. Sowohl Rechte und Ansprüche, die das Kirchenrecht vorsieht, als auch staatliches Recht als auch die schlichteste menschliche Moral:

Dass ich die Konstitutionen und Texte der Gründerin nicht lesen durfte.
Erst Jahre nach meinem Eintritt durfte ich einzelne Kapitel der Konstitutionen lesen, wobei mir sogleich die einzige gültige Interpretation mitgeliefert wurde. Dass die Konstitutionen äußerst schwammige spirituelle Formulierungen enthalten, die für einen verbindlichen Text völlig ungeeignet sind, und dass sie in einigen Punkten sogar schwer mit den Bestimmungen des Kirchenrechts vereinbar sind (insb. bzgl. der Wahl der Oberen und der obersten Leitung cc. 617-633), macht diesen Umstand noch bedenklicher: ich konnte mich nicht auf diesen Text berufen, ich konnte ihm nichts entnehmen. Auch Texte der Gründerin durfte ich nur in engem Rahmen lesen. Ich durfte sie nicht behalten, sie waren nicht frei zugänglich und ihre Interpretation wurde von den Oberen vorgegeben. Ich war de facto der Willkür meiner Verantwortlichen ausgeliefert. Tatsächlich wären insb. Konstitutionen öffentliche Texte, die auch interessierten Außenstehenden (bspw. Eltern und Angehörigen von Mitgliedern und Eintrittswilligen, Kirchenrechtlern und Bischöfen, in deren Diözesen das Werk tätig ist etc.), v.a. aber Eintrittswilligen schon vor dem Eintritt bekannt sein müssten, denn sie enthalten ja die Verpflichtungen, die sie eingehen und die Rechte, die ihnen zustehen (cc. 587 § 1, 596 § 1, 598 § 1).

Dass ich meine Briefe von meiner Verantwortliche lesen lassen musste.
Und das ca. ab dem zweiten Jahr in der Gemeinschaft. Meine Verantwortliche hat sie auch kommentiert und korrigiert, u. U. an Dritte weitergegeben und mir den Kontakt mit einigen Briefpartnern verboten. Das Briefgeheimnis ist aber zivilrechtlich gewährleistet. Eine solche Pflicht zur Offenlegung persönlicher Korrespondenz dürfte in keiner staatlichen oder kirchlichen Einrichtung bestehen noch im privaten Bereich (Deutschland: Art. 10 GG, § 202 StGB; Österreich: § 118 StGB).

Dass mir Beichtvater und Beichthäufigkeit, z. T. sogar Beichtmaterie vorgeschrieben worden ist.
Dazu gehört auch die Vermischung von forum internum und forum externum, da geistliche Begleiter in der Regel auch die äußere Leitung der Mitglieder innehatten bzw. geistliche Begleiter routinemäßig in Fragen der äußeren Leitung von Mitgliedern befragt wurden, dazu gehört ungehöriges Verhalten von Beichtvätern und Manipulation der Beichte durch suggestive Fragen. Das alles ist entgegen einiger der gewichtigsten kirchenrechtlichen Vorschriften (z. B. cc. 246 § 4, 630 insb. §§ 1, 3 und 5, 984 §§ 1 und 2, 991, 1387).

Dass ich keine Ausbildung erhalten habe.
Dass meine Verantwortlichen nicht in der Lage oder nicht willens waren, mich angemessen auszubilden, sondern ich das Noviziat fast ausschließlich mit Hausarbeiten, mit Putzen, Kochen und Bügeln verbringen musste sowie mit langen Vier-Augen-Gesprächen, in denen emotionaler und geistlicher Druck auf mich ausgeübt wurde (cc. 651 § 3, 652 § 5, 659 § 2, 660 § 1, 735 § 3).

Dass mir meine innere geistige, geistliche und emotionale Freiheit genommen wurde.
Durch das Verbot, Bücher zu lesen und mich mit anderen auszutauschen. Durch Verletzung meiner persönlichen Intimsphäre und meiner Gewissensfreiheit durch den Zwang, ständig Berichte schreiben und Gespräche führen zu müssen über meine intimsten Gedanken. Diese wurden an Dritte weitergegeben ohne dass ich wusste an wen oder etwas dagegen unternehmen konnte. Dabei musste ich nicht nur alles offenlegen, sondern auch jedes eigene Urteil über mich selbst und die Gemeinschaft aufgeben und dafür das Urteil der Verantwortlichen bedingungslos akzeptieren. Ich wurde dadurch völlig unfrei, Schritt für Schritt entmündigt und mir selbst entfremdet. Meine Freiheit wurde massiv verletzt. Dabei sieht das Kirchenrecht vor, dass geistliche Begleiter völlig frei gewählt werden können und das persönliche Gewissen und die Freiheit der ihnen Anvertrauten unbedingt respektieren müssen. Was in der geistlichen Begleitung geschieht und besprochen wird, darf keinen Einfluss auf die äußere Leitung haben. Niemand darf geistlich unter Druck gesetzt werden (cc. 170, 219, 220, 630, 653 § 1, 656 Nr. 4, 719 § 4).

Dass meine Beziehungen zu anderen kontrolliert und unterbunden wurden.
Dass Freundschaften unter den Mitgliedern verboten waren und ich weder mit Schwestern und Brüdern in anderen Häusern in Kontakt stehen noch nach ihnen fragen durfte, noch mit anderen über deren oder meine persönlichen Angelegenheiten und Gefühle sprechen durfte, geschweige denn mit Außenstehenden. So wurde ich isoliert und hilflos, insbesondere in Zeiten großer Belastungen und Manipulationsbemühungen meiner Verantwortlichen. Das war vielleicht das Schlimmste von allem. Denn ohne diese Isolation hätte meine Freiheit nicht in diesem Maße beschnitten werden können.


Gleich, was man vom Lebensstil, der Atmosphäre und der theologischen Grundausrichtung des Werkes halten mag, wird man diese Verletzungen grundlegender kirchlicher, rechtlicher und ethischer Normen nicht rechtfertigen können. Auch wird niemand, der die Wirkung einer solchen Behandlung nicht am eigenen Leib erfahren hat, diese beurteilen können, m.a.W. niemand, der niemals gezielt seiner inneren Freiheit beraubt worden ist, kann ermessen, was das bedeutet. Es bleibt zu hoffen, dass die zuständigen kirchlichen Behörden diesen Missständen ein Ende bereiten und derweil möglichst wenige Menschen Opfer des Werkes werden bzw. dass möglichst viele sich ihm rechtzeitig entziehen können.


Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil I



Meine Erfahrungen mit dem Werk betreffen den Zeitraum von 1961 bis 1974, Mitglied im Werk war ich von 1967 bis 1974.

1961 war ich noch Gymnasiastin; es waren Ferien - Ferien nach denen mich eine Französischprüfung erwartete. Eine Mitschülerin gab mir eine Adresse in Wallonien, wo ich bei der Betreuung französischsprachiger Kinder helfen könnte. Da ich von Haus aus sozial engagiert und christlich war, sprach mich dieses Angebot an und so entschloss ich mich mit zwei Klassenkameradinnen dorthin zu gehen, an einen uns unbekannten Ort: rue Probideau, Villers-Notre-Dame bei Ath. Als wir dort ankamen, wurden wir noch am selben Abend ohne Erklärung nach Brüssel weitergeschickt. Das überraschte uns, aber wir dachten nicht länger darüber nach. In Brüssel wurden wir in einer französischsprachigen Organisation in der Freizeitbetreuung von Kindern eingesetzt, begleitet von zwei „Fräuleins“ vom „Foyer“. Damals wusste ich noch nicht, dass das „Foyer Saint-Paul“ einer der Namen war, unter denen das Werk arbeitete. Im Haus des Foyers, das damals in Woluwe lag, ging es für uns Sechzehnjährige etwas allzu fromm zu. Aber es herrschte eine Atmosphäre von Geborgenheit und Ruhe. Wir stellten uns keine Fragen, weder ich noch die beiden anderen. Tagsüber halfen wir in der Kinderbetreuung, abends ruhten wir uns aus, lasen oder unterhielten uns über ‚wer weiß was alles’. Mit den anderen Hausbewohnern hatten wir kaum Kontakt. Über Villers sprachen wir nicht mehr.

Das Jahr darauf bewegten mich meine Eltern, wieder hinzugehen. Diesmal ging ich allein. Nun wurde ich in der „Familienpflege“ eingesetzt. Eines der Fräulein besorgte mir eine gefälschte Bescheinigung, auf der mein Alter verändert wurde. Ich musste ja achtzehn sein, um in Familien als „Familienhelferin“ arbeiten zu können. Bezahlt für diese Arbeit wurde das „Foyer“. Aber ich stellte keine Fragen, sondern war in meinem Idealismus selbst von dieser Arbeit überzeugt. Ich sammelte dabei viel Lebenserfahrung. Von da an wurde ich von einem der Fräulein, Suzanne Maesschalck, betreut. Sie lud mich ein, hin und wieder zu einem ihrer Gottesdienste zu kommen. Außerdem durfte ich sie begleiten als sie andere Häuser der Gemeinschaft besuchte; und sie lud mich immer wieder einmal ein, einige Tage in einem der Häuser zu verbringen.

Ich fühlte mich angezogen von der Atmosphäre, die dort herrschte, je länger je mehr. Jetzt, so viele Jahre danach, möchte ich sagen „das Gift begann zu wirken“. Meine tiefgläubige Erziehung, mein soziales Engagement, Frömmigkeit und Idealismus machten mich empfänglich für diese Menschen. Nach dem Gymnasium wollte ich eine Lehrerausbildung beginnen. Sie schlugen vor, dass ich danach noch zwei Jahre daheim für meine Familie arbeiten sollte, dann sollte ich bei ihnen eintreten. Inzwischen hatten sie mich auch gebeten, nicht zu viel über sie zu erzählen, mit der Begründung, „die Menschen“ verstünden das nicht so gut oder sie sagten gar: „Wir sind die Auserwählten, die Welt ist schlecht und versteht das nicht“. Ich nahm das alles einfach so hin und ließ es mir gefallen. Ich fand die Welt wirklich schlecht und glaubte mit der Zeit immer mehr, dass „Paulusheim“ (oder „Opus Christi Regis“, wie das Werk sich damals meistens nannte), der einzige richtige Weg war. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte angefangen und ich war irgendwie selbst davon überzeugt, dass die Kirche den falschen, den oberflächlichen und modernistischen Weg ging. Das Werk war der einzige wahre Weg.

Ich teilte meinen Eltern mit, dass ich ins Werk eintreten wollte. Sie hatten es bis dahin noch nicht näher kennengelernt. Zwar waren sie nicht gegen meinen Entschluss, einer religiösen Berufung zu folgen, aber sie stellten eine ganze Reihe praktischer Fragen, auf die sie keine Antwort bekamen. Sie mussten einfach Vertrauen haben. Als großes Hindernis erwies sich, dass sie mich baten, noch ein Jahr zu warten, weil die Familie mich wirklich noch brauchte. Es entstand ein verbissener Streit zwischen meinen Eltern und der Gemeinschaft. Ich blieb bei meinem Entschluss – völlig von ihnen beeinflusst und von ihnen unterstützt: „Siehst du, deine Berufung ist echt, wie es im Evangelium steht: Wer Vater und Mutter nicht verlässt, ist meiner nicht würdig... Kinder werden sich gegen ihre Eltern erheben...“

Mittlerweile weiß ich, dass damals schon Priester im Umkreis meiner Familie durch ein einziges Wort ihrerseits viel Leid hätten verhindern können. Aber sie schwiegen. Je mehr meine Eltern sich meiner Entscheidung widersetzten, desto stärker hielt ich daran fest. Ich war sogar bereit, alle Sicherheiten aufzugeben, weil ich auf die göttliche Vorsehung vertraute, die ganz besonders über dem Werk wachte. Langsam aber sicher war ich völlig in den Einfluss des Werkes geraten. Ich ließ mich von ihnen führen, und nicht allein in den kleinen Dingen, auch deswegen weil sie mein Ego sehr ansprachen. Sie betonten immer wieder, dass ich genau die Talente hatte, die es brauchte, damit das Werk seine Sendung erfüllen könnte. Ich gehörte zu den Berufenen, den wenigen Auserwählten. Diese enthusiastische Aufnahme bestärkte mich ungemein. Auch die Perspektiven, die sie mir vor Augen stellten, waren vielversprechend. Ich dürfte in Rom studieren, weil ich berufen wäre „Leitungsverantwortung“ wahr zu nehmen – etwas, das nicht jeder kann. Ich fiel auf sie herein: auf ihre Begabung, andere zu manipulieren. Später erkannte ich, wie sie bei jedem potenziellen Kandidaten den schwachen Punkt suchten, der es ihnen ermöglichte, die Schlinge enger zu ziehen.

Ich ging wie auf Wolken. Nicht wenige Menschen in meiner Umgebung warnten mich und versuchten, mich zu einer kritischeren Haltung zu bewegen. Aber ich sah alles nur mit den Augen des Werkes, konnte nichts anderes mehr wahrnehmen. Alles, was von draußen kam, war schon wie gefiltert durch die Anschauung des Werkes. Sie formulierten das ziemlich deutlich:“ Alles und jeder, der gegen das Werk spricht, kommt vom Teufel. Er ist schlecht! Du musst deine Ohren vor ihm verschließen!“ Meine Eltern durchlebten abwechselnd Phasen von Verbitterung, Verzweiflung und Hass. Aber in meinem jugendlichen Trotz glaubte ich, das im Namen des Evangeliums ertragen zu können. Einige Priester aus der Umgebung wurden eingeschaltet, manche hatten keine Ahnung und glaubten, es ginge um eines der vielen neuen Säkularinstitute. Andere wussten mehr, zogen es aber vor zu schweigen, um in der schwierigen Auseinandersetzung zwischen mir und meinen Eltern nicht Stellung beziehen zu müssen.

Im September 1967 ging ich in aller Stille von daheim weg. So hatten es mir die Leute vom Werk geraten...

Fortsetzung hier

Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Schluss



Nach und nach beunruhigten mich diese Erfahrungen immer mehr. Ich fing an zu zweifeln. Immer wieder dachte ich auch, ich hätte Unrecht, und es wäre der Teufel, der versuchte, mich ins Wanken zu bringen. Es war mir nicht möglich, mit jemandem darüber zu sprechen. Mit wem denn? Mir wurde klar, dass alle Brücken abgebrochen waren. Würde ich mit meiner Verantwortlichen darüber sprechen, konnte ich mir ausrechnen, was mich erwartete. Und mit einem anderen Mitglied der Gemeinschaft zu sprechen, war noch viel riskanter. Ich merkte ja selbst, wie die ein oder andere ab und zu eine schwierige Phase durchmachte, und versuchte dann, so umsichtig wie möglich mit ihnen umzugehen. Ich wollte ihnen nicht noch mehr schaden... Einen Priester um Rat fragen? Das Werk sortierte alle Priester in zwei Gruppen: die „Guten“, die dem Werk wohlgesinnt waren und zum Teil eingeweiht wurden, und die „Schlechten“, die unbedingt gemieden werden mussten. Außerdem erkannte ich, dass ein Außenstehender das Problem nicht begreifen können würde. Nach und nach realisierte ich, dass ich gefangen war. Ich war verzweifelt. Es gab keinen Ausweg. Ich bräuchte ein vielfaches meiner Kraft: erstens, um meine Aufgaben im Werk weiter wahrzunehmen (und meine Aufgaben als Verantwortliche entsprachen mehr als einer Vollzeit-Stelle), außerdem brauchte ich genug Kraft, um ganz allein mit meinen Zweifeln fertig zu werden, so unerträglich sie werden konnten, und schließlich brauchte ich sehr viel Kraft, um mein „Doppelleben“ durchzuhalten. Ich wusste, dass nichts davon bemerkt werden durfte.



Heute, wo ich weit weg vom Werk bin, ist mir klar, dass es durchaus andere Wege und Möglichkeiten gegeben hätte, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Was ich erfahren habe, war das Resultat von Manipulation, ja von Gehirnwäsche: Man kann beim besten Willen nicht mehr normal denken; der Blick auf die Realität ist durch die jahrelange Beeinflussung völlig getrübt. Er ist von Angst geprägt, die als subtiler Faktor alles mitbestimmt. Mir ist klar geworden, wie sehr Sektenmitglieder mit den Schritten zu kämpfen haben, die sie gehen müssen und bei denen ihnen niemand helfen kann. Auch Selbstmordversuche von Menschen in Sekten oder in religiösen Bewegungen mit sektenähnlichen Praktiken wundern mich nicht. Ich selbst spielte oft mit dem Gedanken in dieser Zeit von Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.


Es war August 1974. Da geschah etwas, was so gut wie nie geschah: Mikle Strolz sagte, dass ich eine Woche lang allein in Innsbruck bleiben sollte. Das Werk war emsig mit der Vorbereitung eines Newman-Kongresses in Rom beschäftigt. Die Kontaktadresse für evtl. freiwillige Mithelfer war damals Innsbruck. Ich sollte also da bleiben, um diese Personen aufzunehmen. Damals dachte ich: Das ist die Chance! Ich muss hier weg! Wenn ich es jetzt nicht tue, dann gelingt es nie mehr und dann drehe ich endgültig durch. Was sich damals abspielte ist unmöglich zu beschreiben. Völlig verzweifelt suchte ich Kontakt zu meinen Brüdern. Ich musste eine Telefonnummer finden. Wie macht man das, wenn man sieben Jahre lang nichts mehr voneinander gehört hat? Wahrscheinlich waren sie inzwischen verheiratet, hatten Kinder. Würden sie bereit sein, mir zu helfen? Was sollte ich tun? Nein, besser keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Besser, ich suche mir eine Arbeitsstelle irgendwo in Österreich oder Norditalien. Aber ich besaß ja nichts. Ich kannte niemanden. Doch die Telefonnummer suchen? Als ich über die Auskunft eine Nummer bekommen hatte, hörte ich völlig unerwartet, die Stimme meiner Mutter am anderen Ende der Leitung. Ich kann nicht ausdrücken, was da in mir vorging. Mit einem Mal fiel alles von mir ab. Darf ich zurückkommen? Geht das noch? Was würde meine Mutter sagen? Ja, ich durfte zurückkommen, unter der Bedingung, dass ich das Werk definitiv verlassen würde. Da kam die Angst zurück. Ich beschwor meine Mutter, dass sie absolut niemandem sagen durfte, dass ich sie angerufen hatte. Ich konnte ihr nicht erklären, wie das Kontrollsystem des Werkes funktionierte. Ich konnte ihr nicht erklären, dass es in ihrer unmittelbaren Umgebung Priester gab, zu denen sie zwar Vertrauen hatte, die aber das Werk unterstützten. Ich wollte noch drei Tage in Innsbruck bleiben, denn ich fühlte mich dem Werk gegenüber nach wie vor zur Loyalität verpflichtet. Ich wollte meine Aufgaben für den Newman-Kongress erst zu Ende bringen. Die drei Tage wurden mir zur Hölle. Mir kamen Zweifel. Ich wollte doch nicht flüchten. Und ich konnte oder durfte niemandem etwas sagen. Ich hatte Albträume. Was hatte ich getan? Ich hatte das Werk verraten! Nein, nein, ich hatte richtig gehandelt. Ich würde das Auto nehmen und damit nach Berchtesgaden fahren. Von dort wollte ich alle Dokumente mitnehmen, die ich im Lauf der Jahre unterschrieben hatte, damit das Werk mich damit nicht belangen konnte. Es schoss mir durch den Kopf, dass ein normales Mitglied, diese Möglichkeit nicht hatte. Aber ich mit meiner Stellung im Werk konnte alle meine persönlichen Dokumente, meine Zeugnisse usw. mitnehmen.


Als ich wieder in Innsbruck war, kamen die Zweifel wieder. Die Angst. Aber ich konnte nicht mehr zurück. Ich schloss die Buchhaltung gewissenhaft ab. Ich wusste, dass sie mich den anderen Mitgliedern gegenüber als gewissenlose Person hinstellen würden, die mit viel Geld abgehauen war. Dieses Lied hatte ich ja früher schon gehört. Ich nahm keinen Pfennig mehr mit als das Zugticket kostete. Damit niemand mich sehen würde, beschloss ich den Nachtzug zu nehmen. Als ich ging, konnte ich die Hausschlüssel nicht zurücklassen, falls etwas geschehen würde, was mich zum Umkehren zwingen könnte. Als der Zug schon eine weite Strecke in Deutschland zurückgelegt hatte, warf ich die Schlüssel aus dem Fenster. Ich traute mich nicht geradewegs den Zug nach Brüssel zu nehmen. Vielleicht hatten sie meine Flucht bemerkt und erwarteten mich auf einem der Bahnhöfe auf dem Weg? Nach einem großen Umweg durch Deutschland und die Niederlande kam ich schließlich in Belgien an.


So kam ich wieder nach Hause. Trotz dem heftigen Streit vor sieben Jahren hießen sie mich willkommen. Das war meine Rettung. Die Türen standen wieder weit offen. Sie nahmen mich auf ohne Fragen zu stellen. Sie spürten, dass ich in diesem Moment keine Fragen beantworten und nichts erklären konnte. Sie haben mir die Zeit gegeben, die ich brauchte, um diese Erfahrung zu verarbeiten. Sie haben mir die Chance gegeben, alles wieder ins Lot zu bringen. Es waren ungefähr zwei Jahre, die nötig waren, um mich von den schrecklichen Folgen meiner Erfahrungen im Werk zu lösen. Es wundert mich nicht, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang von solchen Erfahrungen gezeichnet sind. Wie muss es erst Menschen ergehen, die nach mehr als zwanzig Jahren vom Werk „aussortiert“ oder rausgeworfen werden? Wie verarbeiten es Mitglieder, die nach vielen Jahren im Werk zur Ernüchterung kommen? Was tun sie, wenn ihre Eltern, Geschwister oder Bekannten von früher nicht mehr da sind oder nicht bereit, ihnen zu helfen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten?

Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil VI



Ich musste erleben, wie Mitglieder, die für die Zwecke des Werkes weniger geeignet zu sein schienen, aufs Abstellgleis befördert, ja manchmal sogar einfach unverfroren „ausgesetzt“ wurden. Als ich 1967 meine Familie verließ, um ins Werk einzutreten, hielt ich es für eine logische Konsequenz, dass ich den Kontakt mit meinen Eltern abbrach, die sich ja gegen das Werk gestellt hatten. Nach einer gewissen Zeit merkte ich aber, dass auch Eltern, die vom Werk begeistert gewesen waren, aufs Abstellgleis befördert wurden. Jeder Außenstehende wurde vom Werk sortiert, und zwar nach einem einzigen Kriterium: wofür können wir diese Person gebrauchen? Es war nur folgerichtig, dass viele dann „nach Gebrauch“ verworfen wurden. Jeder Außenstehende, der versuchte, weiter ins Werk vorzudringen, der es wagte, mehr Fragen zu stellen als andere oder der es sich gar anmaßte Kritik zu äußern, wurde einfach „aussortiert“. Erschütternd war besonders die Art und Weise, in der das Werk mit Mitgliedern umging, die zweifelten oder die sich das „räsonieren, diskutieren und kritisieren“ nicht ausreden ließen. Es ist mir wichtig, hier von einem Vorfall zu berichten, der mich damals sehr beunruhigte.


Lieve Bommerez, das Mädchen, das gemeinsam mit mir in Rom studiert hatte, hatte ich seit meinem Wechsel nach Innsbruck nicht mehr wiedergesehen. Wie die interne Regel es wollte, fragte ich weder nach ihr noch nach sonst jemandem. Natürlich fragte ich mich selbst, wie es ihr wohl ginge und was sie wohl tue. Das schien mir nichts Verwerfliches: unsere gemeinsame Zeit in Rom hatte uns ja doch verbunden. Eines Tages hörte ich im Gespräch mit der Leitung, dass Lieve Bommerez den Platz einer Verantwortlichen in Rom zugewiesen bekommen sollte. Allerdings ginge es ihr nicht so gut... Was genau nicht „gut ging“ wurde nicht näher erklärt. Aber es wurde ihr ziemlich heftig vorgeworfen, dass sie ohne Zustimmung der Leitung Kontakt mit einem Arzt aufgenommen hätte. Einige Wochen später bekam ich einen besonderen Auftrag: Lieve sollte nach Innsbruck kommen und ich sollte dafür sorgen, dass sie „verwöhnt“ wird: ein Einzelzimmer, Leckereien, entspannende Spaziergänge. Außerdem sollte sie so wenig wie möglich Kontakt mit den anderen Schwestern in Innsbruck haben. Als Lieve in Innsbruck ankam, erkannte ich sie nicht wieder. Sie war sehr abgemagert, hatte einen glasigen Blick und alle Lebenslust und Begeisterung waren aus ihr gewichen. Mir wurde gesagt, dass sie völlig „entgleist“ wäre. „Man“ sollte ihr helfen, wieder auf einen guten Weg zurückzufinden. „Man“ – das waren v.a. Strolz und G. Smet, die abwechselnd stundenlange Gespräche mit Lieve führten. Ich durfte keine persönlichen Gespräche mit ihr führen, meine Rolle bestand ausschließlich darin, sie zu „verwöhnen“. Einige Wochen später, war Lieve „gesund“. Mir kam es vor, als wäre sie zum Roboter geworden. Zum ersten Mal bekam ich Angst und nahm mir vor, sicher niemals jemandem meine Zweifel und Bedenken mitzuteilen.


Was ich hier von Lieve erzählt habe, ist kein Einzelfall. Ich wurde zur Zeugin dafür, wie Menschen mit dieser Methode „umgeformt“ wurden. Ich nenne sie die „Warm-Kalt-Behandlung“. Immer wieder kam es vor, dass Mitglieder mit einer Überzahl von Aufträgen überlastet wurden. Alles musste perfekt sein. Da war es nicht verwunderlich, dass dann und wann jemand Ermüdungserscheinungen zeigte. Unterlief dann einmal ein Fehler, gab es Maßregelungen. Nicht selten wurde die betreffende Person dann eine Zeit lang irgendwo isoliert. Ein Fall ist so heftig, dass er beinahe unmöglich erscheint:


Margarete war eine Zeit lang Verantwortliche in Wien. Auch sie hatte Anfang der 70er Jahre eine wichtige Funktion im Werk inne. Sie war oft mit dem Auto unterwegs, um in ganz Österreich und einem Teil von Deutschland Kontakte zu knüpfen und zu pflegen; außerdem begleitete sie junge Menschen in Wien und hatte eine ganze Reihe weiterer täglicher Aufgaben. Als sie sich einmal in Innsbruck aufhielt nahm sie auch „Mutter“ und Strolz im Auto mit. Dabei gab es einen kleinen Zwischenfall mit der Straßenbahn, durch den das Auto leicht beschädigt wurde. „Mutter“ schien aber einige Tage nach diesem Zwischenfall „sehr krank“ zu sein. Sie musste das Bett hüten. Ich musste sogar nachts an ihrem Bett wachen. Nun habe ich keine besonderen medizinischen Kenntnisse und bin kein Arzt und kann mich von daher auch nicht über ihren damaligen Gesundheitszustand aussprechen, meinem Gefühl nach war da aber nichts. Es durfte auch kein Arzt zu Rate gezogen werden, wer auch immer. „Mutter“ blieb wochenlang im Bett. Und ich musste dafür sorgen, dass niemand sonst erfuhr, dass sie in Innsbruck war. In Absprache mit der neuen Verantwortlichen in Rom wurde vorgegeben, „Mutter“ wäre in Rom. Sogar der Arzt, der dann schließlich telefonisch zu Rate gezogen wurde, musste seine Anweisungen nach Rom melden; und von dort aus wurden sie dann nach Innsbruck weitergegeben. „Mutter“ entschied dann selbst, ob der Doktor richtig gelegen hatte und wählte aus einer Liste diejenigen (homöopathischen) Mittel aus, die sie nehmen wollte. Einige Tage später teilten Strolz und Smet mit, dass Margarete „Ruhe braucht“. Sie sollte „irgendwo“ in Deutschland einen neuen Auftrag bekommen. Und wieder bekam ich Angst, wenn ich daran dachte, was mit mir selbst geschehen könnte. – Nun, zwanzig Jahre später habe ich die „Werksversion“ von diesem Vorfall zu hören bekommen. Ein Ex-Mitglied, das vor einiger Zeit das Werk verlassen hat, erzählte mir, dass damals die Geschichte die Runde machte, ein Mitglied des Werkes habe in Innsbruck durch einen Autounfall einen „Anschlag“ auf „Mutter“ verübt. „Gott sei Dank hat die Vorsehung diesen Plan des Teufels vereitelt“ – war der Kommentar gewesen. Ich konnte meinen Ohren nicht glauben!

Nach und nach beunruhigten mich diese Erfahrungen immer mehr...



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Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil V


Das Werk schien nun nicht mehr die vom Evangelium inspirierte Gemeinschaft zu sein; sie schienen nicht wirklich so sehr um die „Einheit“ bekümmert zu sein, wie sie jedem vorschwärmten. Ich bemerkte, dass zwei Sprachen gesprochen wurden: zuerst gab es die Sprache, die die Verantwortlichen untereinander sprachen, und dann gab es die, in der sie mit den Mitgliedern sprechen mussten. Ich musste bspw. einmal einer Schwester mitteilen, dass sie „von Gott dazu berufen war“, sich um ältere Menschen und ältere Religiosen zu kümmern: Sie sollte das Evangelium in der Altenpflege verwirklichen und da in aller Stille den Geist des Werkes einfließen lassen. Diese schönen Worte verbargen, dass die Leitung eigentlich nicht wusste, was sie mit dieser Schwester anfangen sollten. Sie war wirklich kein Blitzdenker, sondern eher etwas naiv. Ich bekam den Auftrag, sie doch hin und wieder noch in die Gemeinschaft in Innsbruck zurückkommen zu lassen, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der Kontakt zu ihr nach und nach abbrechen würde.


Mir wurde bewusst, dass es im Werk eine Kerngruppe gab, die ganz bewusst Sachen durchsetzten, von denen die Mitglieder keinen blassen Schimmer hatten. Die „Offenheit“, die man aufbringen sollte und die so selbstverständlich vorausgesetzt wurde, schien ausschließlich für die gewöhnlichen Mitgliedern zu gelten, nicht für die Leitung. Ich war z. B. wochenlang damit beschäftigt, eine Wohnung in Berchtesgaden einzurichten, wo alle „Berichte“ der Mitglieder in feuerfesten Behältern aufbewahrt werden sollten. Die Mitglieder, die mit mir in Innsbruck wohnten, durften aber unter keinen Umständen erfahren, wohin ich mich da regelmäßig auf den Weg machte. Später erst fiel mir auf, welchen Symbolwert dieser Ort hatte. Lag unser Archivbunker, mit all den geheimen Informationen über die Mitglieder und viele andere Personen, nicht direkt gegenüber dem Adlerhorst Hitlers?


Ich erlebte, dass immer genug Geld da war, um die Pläne der Leitung zu finanzieren: Telefongespräche, Autofahrten, Porto... es wurde nie zu teuer. Gleichzeitig wurde von den gewöhnlichen Mitgliedern große Sparsamkeit verlangt. Das Projekt einer eigenen Druckerei in Innsbruck, die zu nichts anderem bestimmt war, als die „Worte“ von „Mutter“ zu drucken, verschlang ziemlich große Summen. Was das Papier, die Tinte, die Instanthaltung der Maschinen kostete, spielte dabei keine Rolle. Aber das Budget für die Lebensmittel, die Kleidung und alles, was die Mitglieder benötigten, musste auf ein Minimum heruntergedrückt werden: wir waren ja arm wie das Jesuskind im Stall von Betlehem, nicht? Es wurde mit verschiedenem Maß gemessen. Das merkte ich besonders deutlich während einer der vielen „Krankheitsphasen“ von „Mutter“. Sie war damals in Innsbruck, aber alle mussten im Glauben gehalten werden, sie wäre in Rom. Jeden Tag gab es ein Telefonat mit einem „Doktor“ in Belgien. Die Medikamente, die er per Telefon empfahl, mussten dann zuweilen in München besorgt werden – und das geschah sofort. Zur selben Zeit hatte eines der „normalen“ Mitglieder eine Halsentzündung. Als ich vorschlug, einen Arzt zu Rate zu ziehen, bekam ich von „Mutter“ die liebevolle Antwort: „Lass sie das nur mal aushalten; es ist ganz deutlich eine Versuchung des Teufels, sie muss lernen, ihre Berufung zu verdienen. Ihre Krankheit ist nichts anderes als ein Zeichen ihrer Untreue.“ Damit war es um den schönen Schein getan.


Nun empfand ich noch deutlicher, was mir damals in Villers schon aufgefallen war: es wurde jedes Mal eine gewaltige Energie aufgebracht, wenn ein „Besucher“ ins Haus kam, ganz besonders dann, wenn es um einen einflussreichen Priester, einen Bischof oder sonst jemanden ging, der dem Werk potenziell wohlgesinnt war und irgendwie als Zugang oder Brücke irgendwohin geeignet war, damit die Pläne des Werkes umgesetzt werden konnten. Mir wurde langsam klar, dass nicht Gott einen Plan mit dem Werk in der Kirche hatte, sondern dass das Werk Pläne mit Gott in der Kirche hatte. Und ich erkannte, dass unsere regelmäßigen Berichte die Leitung perfekt in die Lage versetzten, alles und jeden zu kontrollieren. Und wenn es jemand wagte, einem anderen Mitglied gegenüber einmal Zweifel oder Kritik an der Gemeinschaft zu äußern, ging er damit immer zugleich das Risiko ein, dass der andere es in seinem Bericht melden würde. Das war ein erstickendes System. Mir wurde klar, dass die ganze Kraft, das Geld, die Begabungen, die Zeit, - alles, investiert wurde, um die Fassade des Werkes aufzubauen. Was das eigentliche Ziel des Werkes war, war mir aber noch nicht klar... 


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Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil IV


Ich verließ Rom. Man sagte mir, dass ich wieder nach Villers kommen sollte. Dort bekam ich eine Aufgabe in der Druckerei. In Villers herrschte eine andere Atmosphäre als in Rom. Die Regionalverantwortliche dort erklärte mir gleich ohne alle Umschweife, dass in Rom eine verkehrte Lebensweise gepflegt worden wäre; die Mitglieder hätten dort zu viel Entspannung gehabt und der Geist des Werkes wäre nicht immer gewahrt worden. Ich fragte nicht, was mit den anderen geschah, die mit mir in Rom studiert hatten – oder mit der Regionalverantwortlichen von Rom. Man sagte mir nur, dass ich dazu „geformt“ werden würde, selbst eine Verantwortliche zu werden. Das erfüllte mich mit Stolz, sodass ich mit doppeltem Eifer ans Werk ging. Und die Regionalverantwortliche ließ mich weiterhin spüren, dass ich auch hier wieder eine bevorrechtigte Stellung einnahm, ich wäre „besonders berufen“, „das verstehen nur wenige“, „du kannst das“.


Immer wieder war ich bei den Gesprächen der Hauptverantwortlichen in Villers zugegen. Der „Rat“ nahm für gewöhnlich die Mahlzeiten nicht gemeinsam mit den normalen Mitgliedern ein. Es war eher selten, dass die „Großen“ einmal am Tische der „Kleinen“ Platz nahmen. Hier nun lernte ich jemanden kennen, der im Werk eine sehr große Rolle spielen sollte: Mikle Strolz (Maria Katharina Strolz). Ich war im Ungewissen darüber, woher sie kam. Auch durfte ich keine Fragen stellen. Eines war aber klar: sie ging nicht den gewöhnlichen Weg der neu Eingetretenen im Werk. Ihre Vertrauensposition bei „Mutter“ war von Anfang an eine ganz besondere. Es lag auf der Hand, dass sie eine Führungsrolle im Werk einnehmen würde. Verantwortliche, die schon viele Jahre Vertraute von „Mutter“ gewesen warn, mussten nun zurück auf den „zweiten Rang“.


Einige Monate später wurde ich als Verantwortliche in Innsbruck eingesetzt. Ich sollte Suzanne de Maesschalck ersetzen. In den Gesprächen der Hauptverantwortlichen war in letzter Zeit viel Kritik an Suzanne laut geworden. Offensichtlich hatte es schon in den Jahren zuvor Schwierigkeiten zwischen ihr und „Mutter“ sowie zwischen ihr und anderen älteren Mitgliedern gegeben. Außerdem hatte ich verstanden, dass sie früher eine wichtige Rolle gespielt hatte und dass sie für das Werk viele Kontakte zu einflussreichen und vermögenden Personen unterhielt. Aber sie passte nicht mehr ins Kader, ja sie war zur Last geworden, anscheinend vor allem für Mikle Strolz. Die Angriffe auf Suzanne wurden in bestimmte Phrasen gekleidet, wie etwa „Sie ist dem Geist des Charismas untreu geworden. Sie hat das Geheimnis des Königs verraten. Sie lebt die Hingabe im Werk nicht mehr“. Obwohl ich nicht genau wusste, worum genau es in diesem Streit zwischen Suzanne und dem Rest der Leitung ging, wurde mir allmählich klar, dass das alles Tarnung war. Tatsache war: Suzanne war im Weg. Sie musste aus ihren Reihen verschwinden. Während meiner Ausbildung im Werk hatte ich viel über die schrecklichen Praktiken kommunistischer Regime lesen müssen. Was ich jetzt erlebte, schien mir aber regelrecht von dort her zu kommen. Was mit Suzanne geschah, war wie aus einem kommunistischen Programmbuch entnommen. Das war die reinste „Säuberung an der Spitze“. Es tat mir leid, weil ich Suzanne immer bewundert hatte. Ich wurde nachdenklich, aber zugleich behielt ich Vertrauen zur Gemeinschaft und setzte mich weiter für sie ein. Die Gemeinschaft in Innsbruck schilderte man mir als einen großen Trümmerhaufen, den Suzanne zurückgelassen hatte. Dort sollte ich alles wieder in Ordnung bringen. Ich sollte die dort arbeitenden Mitglieder begleiten, eine Druckerei auf die Beine bringen und Kontakt mit den Priestern halten, die dem Werk gegenüber wohlgesinnt waren. Außerdem sollte ich Kontakt halten mit den Mitgliedern, die „draußen“ arbeiteten, sie regelmäßig für ein Wochenende oder ein paar Tage einladen, und dafür sorgen, dass sie regelmäßig ihren finanziellen Beitrag leisteten. Ganz besonders sollte ich potenzielle neue Kandidaten betreuen, um zu beweisen, dass ich auch „Mutter“ sein könnte für das Werk. Und ganz selbstverständlich sollte ich alles regelmäßig nach Villers berichten bzw. dorthin, wo die „internationale Leitung“ gerade war. Strolz hatte darin bereits eine zentrale Stellung inne.


Wann genau es geschah, kann ich kaum sagen. Es ist eher das Ergebnis vieler kleiner Vorkommnisse, die mir nach und nach die Augen für die Realität geöffnet haben, in der ich mich befand. Ich kann es kaum beschreiben. Menschen, die das nicht selbst erfahren haben, werde ich es kaum veranschaulichen können: Allmählich wurde ich mir bewusst, in was für einem erstickenden Mechanismus ich gefangen war – ich gemeinsam mit vielen anderen. Vor allem das, was anderen angetan worden ist, hat mir die Augen geöffnet. 


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Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil III


Als ich einige Monate im Werk war, hatte ich also nur noch Kontakt zu Menschen, die vom Werk gutgeheißen worden waren. Was diese Menschen anging, sollte ich nur „für sie beten“ und damit beweisen, dass ich für das Werk „Frucht tragen“ konnte. Später wurde mir klar, was für ein Druck dadurch ausgeübt wird, dass man diesen „Beweis“ bringen muss: man setzt fieberhaft alles in Bewegung, um Kandidaten für das Werk zu finden und beginnt selbst Druck auf sie auszuüben.


Je länger ich im Werk war desto mehr wurde mir auch bewusst, was für eine mysteriöse Atmosphäre um „Mutter“ aufgebaut wurde. Wenn einer ihrer Besuche geplant war, dann befand sich alles im Haus in nervöser Agitation. Sie wurde angebetet. Jedem wurde eingebläut, wie außergewöhnlich es war, in ihrer Nähe sein zu dürfen. Wenn sie sprach, musste alles in den Hintergrund treten und jeder musste schweigen.


Das Werk nahm mich immer mehr in Beschlag. Automatisch filterte ich alles, wie sie es mir vorschrieben. Nach wie vor war ich mit einigen anderen in Rom in einer bevorrechtigten Position; und obwohl ich das merkte, war ich überzeugt, dass jedes Mitglied seinen eigenen Auftrag hatte. Menschen kamen und gingen, aber keines der „einfachen“ Mitglieder stellte Fragen. Es galt ja die Regel: Persönliches wird ausschließlich mit dem Verantwortlichen besprochen. Untereinander über persönliche Angelegenheiten zu sprechen gehört sich nicht; es kann die eigene Berufung gefährden. Mich machte das alles immer noch nicht skeptisch.


Mit Erfolg hatte ich meine Studien in Rom abgeschlossen und war voller Eifer, nun meine Talente in den Dienst des Werkes zu stellen, das nach dem Zweiten Vatikanum die Rettung der Kirche war. Im Laufe der Zeit hatte ich aber – immer auf Anordnung der Verantwortlichen – einiges zu Papier gebracht. Zum Beispiel musste ich jedes Jahr von neuem schriftlich darum ansuchen, weiterhin Mitglied des Werkes bleiben zu dürfen. Außerdem unterschrieb ich ein Dokument, in dem ich mich zum Verzicht auf meinen ganzen Besitz bereit erklärte, und zwar sowohl gegenwärtig (ich hatte ja gar nichts) als auch „zukünftig“. Später erfuhr ich, dass das Werk Gott-weiß-woher mehr über den Besitz meiner Eltern wusste als ich selbst. Außerdem hatte ich – wie jeder andere auch – eine Monatskarte, auf der ich alle meine Ausgaben festhalten und mitteilen musste! Das reichte von den „Lebenshaltungskosten“ bis hin zu Reisekosten, obwohl alle Reisen nur auf Anordnung gemacht wurden, andere waren ja gar nicht möglich. Für alles gab es feste Summen: Bücher, Seife, Kleidung... bis ins Kleinste. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, dass die Gesamtsumme dieser Monatskarten nach einigen Jahren beträchtlich hoch war. Als ich mein Studium beendete, musste ich nun also unterschreiben, dass ich dem Werk sämtliche Ausgaben erstatten würde, würde ich das Werk jemals verlassen. Das war nur eine Formalität, sagte die Verantwortliche, wir vertrauten einander ja... man wüsste aber nie, was in dieser schlechten Zeit nicht alles geschehen könnte. Ich merkte nicht einmal, dass ich alles trotzdem im Auftrag des Werkes tat. 


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Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil II


Gemeinsam mit vier anderen, die neu in die Gemeinschaft eingetreten waren (unter ihnen war auch Lieve Bommerez), erhielt ich in Villers eine vier Wochen dauernde Formung. Anschließend kamen Lieve und ich nach Rom; wir sollten dort am Institut „Regina Mundi“ ein Aufbaustudium machen. Damals schon gab es einige Kleinigkeiten, die mich hätten stutzig machen können, für die ich aber anscheinend blind war... z. B. musste ich bei der Gründerin, die von allen nur „Mutter“ genannt wurde, schriftlich darum anfragen, nach Rom gehen zu dürfen, obwohl sie das ja selbst beschlossen hatte. Das Werk brachte mich dazu, selber schriftlich um Erlaubnis zu bitten, das tun zu dürfen, was sie mir zuvor aufgetragen hatten zu tun. Falls ich Schwierigkeiten bekäme, würde ich dem Werk niemals nachweisen können, dass sie es waren, die mich nach Rom geschickt hatten. Ein anderes Beispiel: Tagelang lagen mir verschiedene Mitglieder damit in den Ohren, dass sie nach und nach so weit gekommen waren, alles „abzugeben“, wie glücklich sie sich fühlten, „eins“ mit den anderen und wie unwohl sie sich gefühlt hatten, solange sie nicht alles abgegeben hatten usw. Was mich betraf, so hatte ich von daheim nur Kleidung mitgebracht, einige Bücher und ein paar Erinnerungsgegenstände. Eines Tages beschloss ich, auch das Letzte davon abzugeben, und selbst da verlangte meine Lokalverantwortliche von mir, es ihr schriftlich zu geben, dass ich das selbst wünschte. Ich begriff damals noch nicht, welches Spiel da gespielt wurde, das kam erst später.


Wir studierten an Regina Mundi, wo man einen Magister in Religionswissenschaft machen konnte. An diesem Institut konnten auch Frauen studieren, was damals an der Gregoriana noch nicht möglich war. 
Der Unterricht erfolgte in vier Sprachen. Das Leben war wunderbar, alles war, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich durfte studieren, und das bereitete mir große Freude. Zwei andere Studentinnen und ich wurden von einer ganzen Reihe Aufgaben befreit. Dabei sahen wir aber, dass andere Mitschwestern Tag und Nacht hart arbeiteten. Aber man brachte uns bei, dass jedes Mitglied seinen eigenen Auftrag hat und man darüber nicht diskutieren soll; es war eine Angelegenheit zwischen der Leitung und dem einzelnen Mitglied. Von nun an wurden wir mit der Grundregel des Werkes vertraut gemacht: nicht räsonieren, nicht diskutieren, nicht kritisieren. 


Es gab noch andere fundamentale Ideen, die uns ständig eingebläut wurden. Oft beruhten Gespräch nur auf Schlagworten wie: „Die Welt ist schlecht. Der Kommunismus ist der größte Feind, der Teufel selbst. Die Kirche wird ihrer Sendung nicht gerecht. Es gibt viele Verräter in der Kirche. Das Werk hat viele Feinde. Wer nicht für das Werk ist, ist vom Teufel. ‚Mutter’ hat eine göttliche Sendung, gefasst in die Worte vom ‚Geheimnis des Königs’“ – eigentlich wusste aber niemand genau, was mit dem letzten Ausdruck gemeint war.


Nach einer gewissen Zeit wurde ich aufgefordert regelmäßig schriftlich mitzuteilen, wie ich dachte, wie ich „in meiner Berufung wachse“, ob ich Schwierigkeiten hatte, ob ich etwas über eine Mitschwester mitzuteilen hatte... Dieser Auftrag bereitete mir echte Schwierigkeiten. Ich kam nicht dazu, jede Woche so einen Bericht über mich selbst aufs Papier zu bringen – und vielleicht hat mich das auch ein Stück weit gerettet. Später habe ich nämlich erfahren, dass andere, die ihre „Schwierigkeiten“ mitgeteilt haben, sich verletzlich machten; die Leitung konnte sie leicht isolieren und auf sie einreden bis die „Schwierigkeiten“ gelöst waren. Wer Kritik äußerte, Zweifel oder Bedenken hatte, dem wurde schnell klar gemacht, dass das Versuchungen des Teufels waren. Dieser alte Drache würde alles in Bewegung setzen, um das Werk zu Fall zu bringen und deswegen müsste „Mutter“ dann immer wochenlang schwere Krankheit und Leiden ertragen, um diese Versuchungen der Mitglieder niederzuringen. Das haben sie uns damals weisgemacht.


Es brauchte ca. drei bis vier Monate, um alle Kontakte mit Angehörigen, Freunden und Bekannten abzubrechen. Das Werk wurde uns als eine Familie vorgestellt: „Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander...“ Warum soll ich als junges Mitglied, dann nicht zulassen, dass man meine Briefe öffnet? Meine Verantwortliche hatte ja von Gott die Berufung, zu entscheiden, was gut für mich wäre... und so brach ich allmählich den Kontakt zu diesem oder jenem ab, weil sie ja „nicht zum Geist des Werkes passen“... Alle meine Briefe wurden geöffnet. Die Lokalverantwortliche nahm sie unter die Lupe und bestimmte, wem ich antworten durfte und wem nicht. Wenn ich zurückschreiben durfte, las sie alles durch und „besprach“ es mit mir, selbst wenn es sich auf ein paar Allgemeinplätze beschränkte. Ohne, dass es mir selbst bewusst war, war mein Schreibstil innerhalb kürzester Zeit mit dem Wortschatz des Werkes durchsetzt. Später erfuhr ich, dass meine Freunde diese fromme und unpersönliche Schreiberei nicht begreifen konnten. Durch dieses unpersönliche Getue, lösten sich viele Kontakte bald von selbst auf. Mit anderen Freunden musste ich wiederum unbedingt in Kontakt bleiben. Damals verstand ich noch nicht, warum – jetzt weiß ich es. Es waren nämlich Menschen, die potenziell vom Werk beeinflussbar waren; und die durfte ich sogar für ein Wochenende nach Villers einladen.


Es ging sogar so weit, dass Briefe zurückgehalten wurden. Das habe ich bei einer Begebenheit aus dem Jahr 1974 auf besonders krasse Weise erfahren: regelmäßig musste ich verschiedene Dokumente und Schriften des Werkes von einem Haus in ein anderes bringen, um sie dort sicher aufzubewahren. Einmal glitt mir ein ganzer Stapel Papiere aus den Händen. Alles war über den Boden verstreut. Als ich sie wieder sorgfältig zusammenlas, fiel mein Blick auf einen Umschlag mit der Handschrift meiner Mutter. Sollte ich es wagen, den Brief zu öffnen? Nein, das durfte ich nicht. Ich suchte nach dem Stempel: der Brief war zwei Jahre alt, er war an mich adressiert. Ihn zu lesen, wäre Ungehorsam, ich würde mich selbst strafen. Also legte ich den Brief wieder fein säuberlich zwischen die anderen Papiere, ohne ihn gelesen zu haben. Aber es ließ mich nicht los. Was konnte meine Mutter mir geschrieben haben? Ich durfte einfach nicht daran denken. Der Brief war eine Prüfung, er sollte zeigen, ob ich dem Werk treu war. Aber einige Tage später hielt ich es doch nicht mehr aus. Ich ging hin und öffnete ihn. Meine Mutter hatte ihn 1972 geschrieben. Sie schrieb, dass mein Vater schwer erkrankt war und flehte mich an, mich zu melden. Ich hatte diesen Brief nie erhalten! Und das war nur ein Vorfall.


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Schwester im Werk 1952 bis 1968 - Teil III




Von den Ex- Mitgliedern der zweiten Generation, also von denen, die nach uns „fliehen“ konnten, erfuhren wir, dass Mikle Strolz (Maria Katharina Strolz bzw. „Mutter“ Katharina) eine würdige Nachfolgerin Verhaeghes ist. Wir erfuhren von ihnen, dass sie gleichsam in einer Diktatur gelebt hatten. Wir, die schon zehn  Jahre draußen waren, verstanden, dass es so hatte kommen müssen. Uns wurde nun klar, warum „Mutter“ niemals eine geschriebene Regel wollte und warum jeder Versuch, eine Regel zu verfassen misslang. Sie ließ es schlicht und einfach misslingen. Für die Außenwelt war eine Regel aber wichtig, ging es doch darum unter einem Etikett laufen zu können. Ihr war es völlig egal. Heimliche Bewunderung empfand sie dagegen für jeden großen Namen. Vom Geheimdienst Hitlers war sie geradezu besessen. Die „drei Pfeiler“, das „nicht räsonieren, nicht diskutieren, nicht kritisieren“, die 1972 entstanden, waren gewissermaßen aus den Lehren von Lenin, Stalin, Mao und Hitler destilliert.

Die Gründerin gab zu, dass sie Gedankengut von anderen stehlen musste. Sie selbst hat nie studiert. Indem sie aber eine „Berufene“ studieren ließ,  bspw. eine Promotion in Kanonischem Recht oder einer anderen Wissenschaft, konnte sie ihre Auszeichnungen und Bücher für sich beanspruchen. Die Mitglieder mussten mit ihrem Blut unterschreiben, dass sie ihre Abschlüsse nie gebrauchen würden. Es gehörte alles ihr, auch wenn sie nichts davon verstand. Es entsprach ihrer Gewohnheit hier und dort etwas aus anderen Regeln abzukupfern, oder sie bediente sich der Kenntnisse von einem ihrer Mitglieder.

Mikle Strolz setzt diese Praxis fort. Sie wacht über die Mitglieder, die für sie arbeiten. Sie befiehlt ihnen, Berichte über die Priester, Prälaten oder Bischöfe zu schreiben, bei denen sie sie arbeiten lässt.  Alles was sie will, ist zu erfahren, was diese geweihten Männer so alles von sich geben. Jedes Mitglied ist dazu verpflichtet jeden Tag einen Bericht abzufassen über alles, was es hört und sieht. Strolz will wissen, was in den höchsten kirchlichen Kreisen geschieht. Ständig ist sie unterwegs und sucht sich dort, wo sie gerade hinkommt, beliebig ihre Opfer aus. Opfer, das heißt Mitglieder, die stets aus heiterem Himmel einen völlig neuen Auftrag bekommen. Sie lauert auf den Erlös von Heiligtümern und ist auf den Besitz ihrer Mitglieder aus. So saßen sie z. B. bis 1995 am Eingang des Wallfahrtsortes Banneux in Belgien. Frau Strolz braucht nämlich viel Geld: für sich selbst, für ihre Familie und für Schweigegeld. Ein Ex- Mitglied bekam z. B. 200.000 Belgische Franken (das sind umgerechnet ca. 5.000 €) von ihr, damit sie niemandem etwas von ihren Erfahrungen im Werk erzählte. Dabei schöpft sie aus dem, was Mitglieder an Geld und Eigentum mitbringen. Wenn diese etwas nicht schnell und willig genug abgeben, bestraft sie sie, auch indem sie sie für kürzere oder längere Zeit wegsperren lässt. Einige Mitglieder lässt sie sogar für krank erklären und lässt sie endgültig wegschließen. Das wolle sie selbst nicht so, wehrt sie in solche Fällen ab, aber „es liegt in der Familie des Mitgliedes“. Wie muss es erst Mitgliedern ergehen, die nach zwanzig, dreißig Jahren alleine draußen stehen?

Wir begriffen nun auch, warum Mikle die ersten zwanzig Jahre des Werkes unter Verhaeghe vergessen machen wollte. Die ersten Mitschwestern, die tagelang einen Teil Belgiens durchqueren mussten, um Geld für das Werk zu sammeln, wissen auch sehr genau, was mit diesem Geld geschah. In verschiedenen Bistümern gibt es Akten mit Aussagen von Ex- Mitgliedern aus dieser Zeit. Mikle forderte systematisch von den Bistümern alle diese Akten an. Um sie verschwinden zu lassen? Diese Mitschwestern haben wie „Arbeiterameisen“ den Besitz des Werkes finanziert. Einige haben es mit ihrem Leben bezahlt, weil sie auf ihren Sammeltouren solche Entbehrungen in Kauf nehmen mussten. Bei unseren Zusammenkünften erzählten sie, dass damals jeden Montag eine Gruppe von zehn jungen Frauen in verschiedene Richtungen losgezogen ist. Ganz Belgien musste durchquert werden, keine Straße durfte vergessen, kein Haus ausgelassen werden. Und das eine ganze Woche lang. Samstagsnachmittags erwartete man sie mit der aufgetragenen Summe zurück. War noch nicht genug gesammelt, mussten sie noch einmal los, um den fehelenden Betrag in der Umgebung aufzutreiben. Dass die Mitglieder dabei viele Abenteuer und Diskussionen mit der Polizei durchstehen mussten, ließ Verhaeghe kalt. Zudem mussten sie das alles ohne Transportmittel bewältigen. Sie gingen dabei große Risiken ein. Schlafen und Essen wurde auf ein Minimum beschränkt. Sie wussten nie, ob sie am nächsten Abend einen Schlafplatz haben würden. Soviel Liebe und Kraft musste man als Mitglied für die Gemeinschaft übrig haben.
Strolz will diese Zeit ein für alle Mal vergessen machen. Sie erklärt noch immer ungerührt, dass die Mitglieder von alledem nichts verstanden hätten. Sie kann die Ereignisse derart geschickt umdeuten, dass die heutigen Mitglieder Verhaeghe für eine Heilige halten. Außerdem will Mikle mit den älteren Mitgliedern nicht belastet werden, nur die alte „Mutter“ braucht sie noch, um ihren Weg gehen zu können. Sie hat für „Mutters“ Tod bereits alles vorbereitet.

Unsere größte Sorge gilt den Mitgliedern, die immer noch im Werk sind. Es gibt wohl einige, die herauswollen, die aber von ihren Eltern und Geschwistern nicht aufgefangen werden können. Außerdem ist es sehr schwierig, Kontakt zu einem Mitglied des Werkes zu bekommen. Ihr Verhalten kann tatsächlich sehr befremdend und unverständlich sein. Alles, was wir raten können, ist: Wenn Sie ein Familienmitglied im Werk haben, führen Sie ein vernünftiges, erwachsenen Gespräch mit ihm/ihr. Machen Sie niemals Vorwürfe und bleiben Sie immer offen für ihn/sie, wie befremdend das Verhalten auch erscheinen mag. Früher oder später kommen sie doch nach dem Erbe sehen. Oder sie kommen, um für ihr heiliges Werk zu betteln. Nutzen Sie auch diese Gelegenheiten nicht, um sie zu verletzen. Vielleicht haben sie durchaus den Mut, die Gemeinschaft zu verlassen. Machen Sie sich bewusst, dass sie nirgendwohin gehen können. Sie wegzuschicken wäre ganz falsch. Wenn jemand das Werk verlässt, denkt er in der ersten Zeit, dass er ein „Teufel“ ist, der „das Licht verraten hat“. So nennt man das im Werk, mit derlei Sprache werden die Mitglieder indoktriniert und verunsichert. Wir, die Ex-Mitglieder, haben vertrauen gelernt. Wir vertrauen der Vorsehung, nicht durch das Werk, aber durch unsere Familien und Freunde, die uns verstanden und uns aufgefangen haben. Wir sind dankbar für diese Befreiung und wünschen sie von Herzen all jenen, die noch im Werk sind.