Was will dieser Blog?

Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.
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Das Werk als Familie Gottes. Ideal und Realität.


Das Werk als Familie Gottes.

Ideal und Realität



‚Das Werk‘ ist von Gott als eine Familie Gottes gewollt, in welcher alle Mitglieder, zu einem Leib zusammengefügt und durch eine hierarchische und klare Ordnung getragen, die Gnade der heiligen Taufe und Firmung und der anderen Sakramente zu einer tiefen Entfaltung bringen wollen.
Konst III, 1.


Mitglieder im engeren Sinn sind jene Frauen und Männer, die durch das Schließen des „Heiligen Bündnisses in den drei evangelischen Räten“ in der geistlichen Familie „Das Werk“ dem dreifaltigen Gott geweiht werden und so zum Leben und zur Heiligkeit der Kirche auf ihre Weise beitragen. Sie werden Mitglieder des „Werkes“ genannt. Die Erwählung zum gottgeweihten Leben in der Gnade der evangelischen Räte begründet unter ihnen eine wahre Gleichheit in der gemeinsamen Würde und Berufung zum Aufbau ihrer geistlichen Familie. Für die Mitglieder im engeren Sinn ist das „Heilige Bündnis“ auch ein „Bündnis mit der Gemeinschaft“ (M.J.V.), das ihre ganze Person an „Das Werk“ bindet.
Konst. III, 7.

Der Grundgedanke in der Rede von der "geistlichen Familie" ist, dass Das Werk als neue Form des geweihten Lebens auch eine neue Struktur und ein neues Selbstverständnis braucht. Von Anfang an hätten die Schwestern sich eher als eine "Familie" begriffen, nicht als ein "Institut".


Das Werk als Familie Gottes. Das Ideal.


"Familie" ist ein reicher Begriff, der viele emotional aufgeladene und tendenziell positive Konnotationen in sich trägt: in der Familie ist man "daheim", man erfährt Nähe und Geborgenheit, also eine menschliche Gemeinschaft die weit über die formelle Kooperation hinausreicht, die man am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Leben erfährt. In der Familie wird man als ganzer Mensch wahrgenommen, in seiner Individualität und ist auch als solcher gefordert. Was zählt ist, wer man ist, nicht was man leistet. Kurz: in der Familie macht man (idealerweise) die Erfahrung, vorbehaltlos geliebt zu sein, ohne sich verstellen zu müssen. Streit und Missverständnisse sind dabei nicht ausgeschlossen, sondern haben ihren Platz, werden aber getragen von einem ungleich stärkeren gegenseitigen Grundvertrauen.

Weil es Gott immer um den ganzen Menschen geht, den er in seiner Individualität geschaffen hat, den er liebt und umfassend erlöst und damit zur umfassenden Gemeinschaft und vertrauensvollen Beziehung zu anderen befähigt, scheint "Familie" ein passender und schöner Begriff für eine Gemeinschaft des geweihten Lebens zu sein, wo Menschen das Leben miteinander teilen, die sich in den besonderen Dienst an Gott und dem Nächsten gerufen wissen.


Das Werk als Familie Gottes. Beobachtungen.


Zunächst macht es stutzig, wenn man liest, dass "Familiengefühl" für Beinert ein Merkmal fundamentalistischer Gruppen ist. "Familie" ist tatsächlich ein vager Begriff, besonders wenn er eine Struktur beschreiben soll, in der nicht miteinander verwandte, erwachsene Menschen zusammenleben.

Familienmetaphorik eignet sich hervorragend dazu, eine Atmosphäre aufzubauen, wie sie in "verschworenen" Gruppen herrscht, eine Atmosphäre, die klar draußen und drinnen trennt, in der Verschwiegenheit nach außen herrscht und unbedingtes Vertrauen gefordert werden kann, eine Atmosphäre, in der Menschen sich manipulieren lassen und Abhängigkeiten und Missbrauch verschleiert werden können.

Tatsächlich kann im Werk keine Rede von echtem "Familienleben" sein. Individualität wird nicht respektiert, geschweige denn gefördert. Spontaneität ist unerwünscht. Freundschaften und persönliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern sind ausdrücklich verboten und werden ggf. sanktioniert. Das liegt in der Logik des dualistischen Menschenbildes des Werkes und seiner einseitigen Spiritualität. Im Noviziat wird die Persönlichkeit gebrochen, der Einzelne wird in seiner normalen Entwicklung gehemmt und (äußerlich wie innerlich) abhängig gemacht. Die Rede vom Werk als "Familie" klingt da geradezu zynisch.

Welche Funktion hat die Rede von der "Familie" dann?

(1) Mit dem Eintritt ins Werk wird das neue Mitglied von seiner eigenen Familie getrennt, und zwar möglichst weitgehend bzw. vollständig. Dies geschieht mit dem Verweis auf seine "neue Familie". Das Werk hätte nun alle Funktionen der "alten Familie" übernommen.

(2) Durch den Begriff "Familie" wird unbedingtes Vertrauen suggeriert: Als Familie hat man keine Geheimnisse voneinander, man spricht alles miteinander ab, man zieht sich nicht zurück, redet über alles - damit wird der Einzelne emotional in Bedrängnis gebracht und veranlasst, sich selbst völlig zu öffnen, wie er es früher gegenüber seinen Eltern oder Angehörigen getan hat. Allerdings bleibt diese Öffnung einseitig und geschieht nur gegenüber den Verantwortlichen, die ihrerseits nicht viel preisgeben. Der Einzelne kann sich also in Wirklichkeit nicht frei mitteilen. Was er sagt, macht ihn verwundbar. Er erfährt - im Gegensatz zu einer echten Familie - nicht, was in der Gemeinschaft wirklich vor sich geht. Von den Menschen, mit denen er zusammenlebt, weiß er sehr wenig und darf nicht nach ihnen fragen. Dennoch wird dem Einzelnen vermittelt: wenn du Vertrauen zu uns (den Verantwortlichen) hast und uns alles sagst, dann ist das die Nähe, die zu einer Familie gehört; und wir kümmern uns um dich, wenn wir dir "helfen" mit deinen Gefühlen "richtig" umzugehen. So werden die Mitglieder zugleich manipuliert und emotional abhängig...

(3) Der Begriff "Familie" hat keine Grenzen und Maßstäbe. Das einzelne Mitglied kann sich nicht auf eine bestimmte Lebensform oder Aufgabe berufen, um derentwillen er eingetreten wäre. Das Werk hält sich so alle Türen offen: es kann ein Mitglied zu einem kontemplativen Leben bestimmen oder zu einem Einzelleben alleine, weit weg vom nächsten Zentrum. Es kann einem Mitglied eine Berufsausbildung ermöglichen oder auch nicht. Es kann ein Mitglied Geld verdienen lassen oder nicht. Alles ist möglich, wie in einer Familie eben. Und die "Eltern" müssen sich den "Kindern" gegenüber nicht rechtfertigen.


Das Heilige Bündnis. Ideal und Realität.


Das Heilige Bündnis


In den Konstitutionen heißt es:

Die Eingliederung neuer Mitglieder in die geistliche Familie „Das Werk“ erfolgt durch das Schließen des „Heiligen Bündnisses“ mit dem Herzen Jesu. Diese Form der Eingliederung entspricht dem Wesen des Charismas, das auf das Wirken Gottes in der Heilsgeschichte und auf das Geheimnis der Kirche ausgerichtet ist. Das „Heilige Bündnis“ ist „ein wesentliches und konstitutives Element des Charismas „Das Werk“, welches Gott seiner Kirche für die Nöte dieser Zeit schenken wollte“ (M.J.V.). Das „Heilige Bündnis“, das die Mitglieder schließen erinnert sie daran, dass Gott einen Bund mit dem Volk Israel und in Christus den Neuen und Ewigen Bund mit der Kirche geschlossen hat. Es bringt die Gnade der Sakramente im Licht der Berufung des „Werkes“ zu weiterer Entfaltung.

 - Konst. IV,1. 

Die Bezeichnung „Heiliges Bündnis“, die im „Werk“ als Bezeichnung für jede Form der Bindung an die Gemeinschaft gebraucht wird, wurzelt in einer mystischen Erfahrung, die Verhaeghe am Hochfest des Herzens Jesu im Jahr 1934 gehabt haben soll:

Es war ihr, als ob die göttliche Liebe von ihrem Herzen Besitz ergreifen würde. Von dieser Liebe durchdrungen, gab sie sich dem Herrn für das Wohl der Kirche hin: ‚Das Jawort, das ich damals dem Herrn gab, war wie ein ‚Heiliges Bündnis’ mit dem gottmenschlichen Herzen Jesu, das sich fortwährend hinopfert in seinem Leib, der Kirche.’“

- Strolz/Willi, Sie liebte die Kirche. Mutter Julia und die Anfänge der geistlichen Familie „Das Werk“. Eigenverlag, Bregenz 2005,  104.


Verhaeghe knüpft damit bewusst an den biblischen Begriff des „Bundes“ an:

Das ‚Heilige Bündnis‘ sollte aufs Neue den Sinn für die Heilsgeschichte wecken, jene Heilsgeschichte, durch die hindurch der kleine Rest der Gläubigen in einem Martyrium der Läuterung und Liebe durch die Zeit pilgerte, um das Kommen Christi vorzubereiten. Christus hat einen Neuen Bund mit seiner Kirche geschlossen, mit seiner Braut, indem er das Bündnis des Alten Testamentes ergänzte und vollendete.
 - Zitat Verhaeghes, in: L. Scheffczyk, Wesensmomente des Charismas, Eigenverlag Das Werk.



Das Heilige Bündnis. Das Ideal.


Der Bund als sehr reicher biblischer Begriff für die tiefe und persönliche Beziehung Gottes zu den Menschen scheint sehr passend das zu beschreiben, was Menschen vollziehen, die sich für ein Leben in den drei evangelischen Räten entscheiden oder auch auf eine andere Art ihren Glauben bewusst und engagiert leben wollen. Sie stellen sich in die Reihe derer, die im Alten und Neuen Bund Gottes Ruf gefolgt sind und besinnen sich auf ihre Taufe, die sie bewusst leben wollen. Der Begriff „Bündnis“ drückt also mehr aus und erscheint passender als etwa „Profess“ oder „Gelübde“.



Das Heilige Bündnis. Die Realität.


Tatsächlich aber ist das Bündnis nicht einfach nur ein anderer Begriff für dieselbe Sache, also für die Gelübde, die alle Religiosen vollziehen, sondern bezeichnet etwas anderes.

Wenn Verhaeghe das Bündnis im Werk bewusst mit dem Alten und Neuen Bund in Verbindung bringt, ist Skepsis angebracht. Sie entlehnt nicht nur den Begriff, sondern meint tatsächlich, dass das Heilige Bündnis im Werk die Gnadengaben des Alten und Neuen Bundes "vollendet". In diesem Sinne sagt sie auch, das Bündnis würde in den Mitgliedern die Taufgnade "weiter entfalten":


Durch das Sakrament der Taufe hat das Licht des Glaubens in uns Einzug gehalten. Zugleich nährt und stärkt uns die Kirche durch die anderen Sakramente. Das ‚Heilige Bündnis’ bringt alle diese Gnaden zu weiterer Entfaltung und schließt alles in sich, was wir im ‚Werk’ als Familie Gottes sind und brauchen.
 - Zitat Verhaeghes in der Fußnote zu Konst. IV, 1.

Das "Heilige Bündnis" wird also als ganz besondere Gnadengabe betrachtet, die allein dem „Werk“ anvertraut ist. Verhaeghe gerät angesichts des Bündnisses ins Schwärmen: Das Bündnis sei „etwas so Herrliches und Wunderbares, dass es alle Gedanken und jede menschliche Erkenntnis übersteigt“ (Sie liebte die Kirche, 127) und „wir werden erst im Himmel die Größe des Bündnisses schauen“. Das Bündnis ist also im Verständnis des Werkes eine "besondere Gnadengabe" mit pseudo-sakramentalem Charakter.

Der Verdacht, Das Werk könnte sich als eine Art "wahrer Kirche" in der Kirche fühlen, wird dadurch verstärkt, dass das "Heilige Bündnis" auch rechtliche Relevanz besitzt: Es ist die Eingliederung bzw. Bindung der Mitglieder an die Gemeinschaft, und zwar nicht nur für die Religiosen im Werk, sondern auch für Assoziierte aller Lebensstände, für Laien, Familien, Priester, Bischöfe und Angehörige anderer Ordensgemeinschaften und Institute, die sich durch das Schließen des „Heiligen Bündnisses“ an „Das Werk“ binden können.


Es gibt eine Vielzahl an Formen, in denen das Bündnis geschlossen wird, je nachdem, zu welchem Stand man gehört und auf welcher "Stufe" der Eingliederung man steht, schließt man der Reihe nach verschiedene Bündnisse. Allen Formen gemein ist der Vollzug: Das Bündnis wird durch das Vorlesen des Bündnistextes im liturgischen Rahmen geschlossen. Dieser Text ist in Gebetsform geschrieben und enthält das Versprechen, sich an „Das Werk“ und seine Führung zu binden. Mit Ausnahme des feierlichen "Heiligen Bündnisses in jungfräulicher Liebe", dem zweiten Bündnis, das die Religiosen schließen, und das zugleich mit der Ablegung des Gelübdes der Keuschheit als erstem der drei evangelischen Räte verbunden ist, werden alle Bündnisse geheim, unter Ausschluss der Öffentlichkeit sowie ohne Wissen der eigenen Gemeinschaft geschlossen. Beteiligt sind dann nur die Verantwortlichen des Werkes und das betreffende Mitglied selbst inkl. dem beliebig kleinen oder großen Kreis an Personen, den die Leitung der Gemeinschaft einweihen will. 


Das "Heilige Bündnis in jungfräulicher Liebe" wird dagegen umso aufwendiger und prächtiger gefeiert, meist in einer großen Pfarrkirche unter Anwesenheit einer großen Feiergemeinde. In der Regel steht der Zeremonie ein Bischof vor. Die Feier dient dem Knüpfen von Kontakten und der Öffentlichkeitsarbeit des Werkes. Die Bischöfe, die den Feiern der letzten Jahre vorgestanden sind, waren: am 11.11.2007 in Rom: Kardinal Carlo Caffarra, Erzbischof von Bologna; am 18.7.2009 in Bregenz: Dr. Gregor Maria Hanke, Bischof von Eichstätt; am 29.9.2010 in Bregenz: Dr. Franz Scharl, Weihbischof von Wien; am 14.5.2011 in Halle (Belgien): André-Joseph Leonard, Erzbischof von Mechelen-Brüssel; am 1.10.2011 in Dadizele (Belgien): Giacinto Berloco, Apostolischer Nuntius in Belgien; am 20.4.2013 in New York: Kardinal Timothy Dolan, Erzbischof von New York.


Ein weiterer heikler Umstand ist, dass allein die Leitung des Werkes entscheidet, wer zu welchem Zeitpunkt zu welchem Bündnis zugelassen wird. Mitglieder, die nicht völlig loyal erscheinen bzw. dem Druck nicht standhalten, der in der Formung auf sie ausgeübt wird, werden auf diese Weise von der endgültigen Eingliederung und damit der rechtlichen Besiegelung ihrer Mitgliedschaft im Werk de facto ausgeschlossen. Sie werden nur Jahr um Jahr zum wiederholten Schließen des "zeitlichen Bündnisses"zugelassen. Damit haben sie auch keinen Rechtsanspruch gegenüber dem Werk, offiziell (d.h. etwa in den Listen der römischen Behörden) scheinen sie nie als Mitglieder der Gemeinschaft auf und erhalten bei ihrem Austritt kein Indult - und dies alles obwohl sie u. U. über zehn Jahre im Werk waren, obwohl sie selbst in der Überzeugung leben, volle Mitglieder des Werkes zu sein und obwohl sie oft harte körperliche Arbeit und unzumutbare psychische Belastungen ertragen haben.


Diese Praxis steht im Widerspruch zur Intention des Kirchenrechts: Sie führt dazu, dass die Mitglieder keine Rechtssicherheit bezüglich ihres Status innerhalb der Gemeinschaft haben. Die entsprechende Regelung in den Konstitutionen des Werkes, die sich an den entscheidenden Stellen auf das Eigenrecht beruft (das bis vor wenigen Jahren noch nicht geschrieben war und von keinem gewöhnlichen Mitglied der Gemeinschaft eingesehen werden kann), ermöglicht das willkürliche Vorgehen der Leitung des Werkes in der Eingliederung ihrer Mitglieder:


18 - Für das Schließen des „ewigen Bündnisses“ in den drei evangelischen Räten bzw. die definitive Eingliederung in „Das Werk“ gelten folgende Richtlinien:
a. Es gibt Mitglieder, die nach einer tiefgehenden Läuterung in verhältnismäßig kurzer Zeit für das „ewige Bündnis“ reif werden, das sie für ewig in „Das Werk“ eingliedert.

b. Es gibt Mitglieder, die aufgrund ihrer Entwicklung und der Zeitverhältnisse einen längeren Weg zurücklegen müssen, bis sie die für das „ewige Bündnis“ notwendige Reife erlangen. Darum soll offen bleiben, wieviele Jahre nach dem ersten Schließen des „Bündnisses in den drei evangelischen Räten“ diese Mitglieder das „ewige Bündnis“ schließen.

c. Es gibt Mitglieder, die für ein „ewiges Bündnis“ auch nach längerer Zeit nicht reif werden. Sie werden aber spätestens acht Jahre nach dem Schließen des „Bündnisses in den drei evangelischen Räten“ endgültig eingegliedert. Nach der definitiven Eingliederung in „Das Werk“ kommen ihnen gewisse Rechtswirkungen des „ewigen Bündnisses“ zu, die im Eigenrecht dargelegt sind. Es ist möglich, dass Mitglieder, die definitiv eingegliedert sind, später das „ewige Bündnis“ schließen, wenn sie die dafür notwendige Reife erlangt haben.

Die Entscheidung darüber, ob ein Mitglied zum „ewigen Bündnis“ zugelassen oder definitiv eingegliedert wird, liegt bei der zuständigen internationalen Leitung oder deren Bevollmächtigten nach Anhören der Verantwortlichen des betreffenden Mitgliedes.
 
19 - Zulassung zum Schließen des „ewigen Bündnisses“ – Ein Mitglied kann das „ewige Bündnis“ schließen, nachdem es ihm von der zuständigen internationalen Leitung angeboten wurde und es in Freiheit dazu bereit ist. Voraussetzung dafür ist, dass es das Charisma in mündiger Weise zu leben vermag und durch ausdauernden Einsatz bewiesen hat, dass es auch inmitten fordernder Aufgaben die Treue hält und zum liebevollen Dienen bereit ist. Es muss auch fähig sein, in das sühnende Leiden des Herrn um seiner Kirche willen einzutreten und die geistliche Vater- und Mutterschaft in Freiheit, Freude und Hingabe zu leben. Zudem wird vorausgesetzt, dass es die authentische Entwicklung des „Werkes“ in Liebe zum Charisma und im Geist der Unterscheidung mitträgt. Das „ewige Bündnis“ kann frühestens drei Jahre nach dem Schließen des „Bündnisses in den drei evangelischen Räten“ geschlossen werde. Ausnahmen bedürfen der Erlaubnis der internationalen Leitung.

 - Konst. IV, 18 und 19.

Die drei Pfeiler. Ideal und Realität.

Die drei Pfeiler

Ideal und Realität


Die Mitglieder des ‚Werkes’ müssen sich bewusst bleiben, dass sie ihre Berufung in der Kirche und für die Kirche nur in der Kraft der drei göttlichen Tugenden verwirklichen können. Sie öffnen sich für jene Gnade, die Mutter Julia das Licht der ‚drei Pfeiler’ nennt: ‚Vergessen wir nie, dass die ‚drei Pfeiler‘ ein drängender Aufruf sind, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zu leben’. Dadurch werden die Berufenen von der unerlösten Ichgebundenheit befreit, erneuern ihr Denken und werden fähig, ihre Auserwählung zum ‚Heiligen Bündnis’ in Einheit mit Gott und untereinander zu leben. (...) Die Gnade der „drei Pfeiler“ leben, heißt für sie: ‚Im Frieden des Glaubens das Leben wagen, ohne egoistisch in Gedanken um sich selbst zu kreisen. In Freude auf Gottes Vorsehung vertrauen, ohne sich auf fruchtlose Diskussionen und Wortgefechte einzulassen. In Dankbarkeit und Liebe dienen, ohne durch lieblose Kritik der Einheit zu schaden (J.Verhaeghe).                                                            - Konst. I,1

Dieser Text handelt von den drei Pfeilern, der Grund-Maxime des Werkes. Die drei Pfeiler sind das Mittel, mit dem die Mitglieder des Werkes manipuliert werden. Die Rede ist von einer Art Bekehrung, genauer von einer "Mentalitätsbekehrung", die Mitglieder und Assoziierte des Werkes durchlaufen müssen. Tatsächlich handelt es sich dabei um Denk- und Redeverbote, um eine umfassende Anonymisierung und Instrumentalisierung von Menschen im Dienst an einer Ideologie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das ganze "Gottesvolk" zu erreichen:    

Unsere Bekehrung und unsere Heiligung müssen dazu beitragen, den Abfall im Gottesvolk aufzuhalten, wo immer es möglich ist, und die schmerzliche Agonie des Mystischen Leibes zu lindern.

 - Zitat Verhaeghes im 2. Kapitel der Konstitutionen, Anm. 25.

Die drei Pfeiler. Das Ideal.


Die drei Pfeiler sind eine Art "Übersetzung" der drei göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Im Werk werden sie umgeformt zur Maxime: nicht räsonieren, nicht diskutieren, nicht kritisieren. Es sind Prinzipien, die höchste geistige Selbstverleugnung verlangen und höchsten inneren Frieden verheißen: glauben, hoffen und lieben anstatt um sich selbst zu kreisen, alles zigmal zu überdenken, endlos zu diskutieren und immer und überall herumzukritisieren, einfach akzeptieren, was gesagt und verlangt wird, die Dinge einfach annehmen und tun. Einfach zu vertrauen, sich wie ein Kind in die Obhut jener zu begeben, die die Gemeinschaft leiten, aus einer scheinbar so übersteigert kritik- und diskussionssüchtigen Gesellschaft herauszutreten und innerlich still zu werden, einfach zu glauben und zu tun, was einem gesagt wird - das verheißt inneren Frieden und das kann eine große Faszination ausüben.


Die drei Pfeiler. Beobachtungen.

Jeder einigermaßen nüchterne Zeitgenosse wird mit unmittelbarer Skepsis auf die Maxime "nicht räsonieren, nicht diskutieren, nicht kritisieren" reagieren. Die Parallelen zur Propaganda menschenverachtender Regime drängen sich allzu sehr auf, sodass wirklich das Gefühl aufkommen kann, die drei Pfeiler wären gewissermaßen aus den Lehren von Lenin, Stalin, Mao und Hitler destilliert. Wo Denken, Nachdenken, offene Diskussion und Kritik verboten werden, werden Menschen nicht nur ihre fundamentalsten menschlichen Grundfreiheiten genommen, es ist auch davon auszugehen, dass diejenigen, die diese Verbote erdacht haben und sie durchsetzen, diese Unfreiheit ausnutzen, dass das von ihnen errichtete System nur solange bestehen kann als die Menschen darin es auch tatsächlich nicht wagen, selbst zu denken, zu diskutieren und ihre Kritik offen auszusprechen.

Besonders bitter ist, dass die "drei Pfeiler" vorgeben eine Auslegung der drei göttlichen Tugenden zu sein. Tatsächlich sind sie eine fundamentale Umdeutung, eine Verkehrung der göttlichen Tugenden in ihr Gegenteil. Glaube, Hoffnung und Liebe setzen Freiheit und Beziehung voraus, sie werden erst dort möglich und blühen nur dann auf, wenn Menschen aus eigenem Entschluss, eigener Reflexion und eigenem Willen sie ergreifen. Glauben kann niemals das Resultat eines Denkverbots sein, genauso wenig wie Liebe das Ergebnis eines Kritikverbotes sein kann.

Dazu kommt: Was hier bedingungslos geglaubt, gehofft und geliebt werden soll, ist ja nicht mehr Gott selbst, sondern die Leitung des Werkes und ihre Anordnungen. Auch dies ist eine Parallele zu totalitären Regimen: angeblich geht es um eine Weltanschauung. Tatsächlich geht es um die Machtansprüche der Regierenden, die sich der Kontrolle durch ihre Untergebenen entziehen, um ein System völliger Unfreiheit und Kontrolle aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Der Willkür der Leitung ist damit Tür und Tor geöffnet. Unter Berufung auf Gott, an dessen Stelle die Verantwortlichen gegenüber den Mitgliedern der Gemeinschaft stehen, können sie alles verlangen, alles beurteilen, alles verschweigen ohne, dass dem einzelnen Mitglied eine Rechtfertigung dafür bliebe, die Dinge anders zu sehen, anders zu empfinden oder schlicht nicht zu verstehen. In den Augen Verhaeghes hat das einzelne Mitglied schlicht keinen Anspruch darauf, zu verstehen, was das Werk ist und worum es geht. Es soll auch nicht darüber nachdenken. Ihm bleibt nichts als dem Werk einfach zu "dienen":

Den Plan des ‚Werkes‘ können wir einzig und allein von Gott her verstehen. Er ist Leiter und Plan zugleich. Deshalb müssen wir alle eigenen Gedanken und Vorstellungen über ‚Das Werk‘ fallen lassen, um diesem göttlichen Plan dienen zu können. 

 - Zitate Verhaeghes, in: L. Scheffczyk, Wesensmomente des Charismas, Eigenverlag Das Werk. 


Die Mitglieder müssen alles bedingungslos hinnehmen. Während die Leitung alles von ihnen weiß und alle Fragen stellen darf, alles verlangen darf, ist für das Mitglied selbst schon das Nachdenken darüber (räsonieren) eine Sünde: mit unserem begrenzten menschlichen Verstand den Willen Gottes (d.h. den Willen der Verantwortlichen) begreifen zu wollen sei vermessen.

Wie extrem die drei Pfeiler umgesetzt werden, erfährt man erst in der alltäglichen Praxis im Werk, in dem tatsächlich ein subtiles System permanenter Angst und Kontrolle herrscht:

Des Räsonierens macht man sich schon schuldig, wenn man nachdenkt: über eine Anordnung, die man befolgen soll, über einen Entschluss des Rates, über einen Satz Verhaeghes. Man muss also noch nicht einmal den Mund auftun. Wenn jemand unter dem Verdacht steht, dass er eine Anordnung nicht verstehen kann, dass ihn das Gefühl quält, sie könnte falsch sein, dann wirft man ihm vor, dass er räsoniert. Das ist gleichbedeutend mit einem schwerwiegenden Vorwurf und kann quälend lange Gespräche mit den Verantwortlichen nach sich ziehen, denen gegenüber man sich rechtfertigen muss.

Des Diskutierens mach man sich schuldig, wenn man Fragen stellt, nachhakt, Alternativvorschläge macht. Auch diese müssen nicht ausgesprochen werden, es genügt, wenn man sie für sich selbst erwägt und ein Dritter das mitbekommt oder auch nur einen entsprechenden Verdacht hegt. Besonders schlimm ist das Vergehen natürlich dann, wenn man gemeinsam mit anderen Mitgliedern bzw. in ihrem Beisein, solche Fragen stellt. Dann muss man damit rechnen, von Verantwortlichen unmittelbar zur Rede gestellt, bedroht und evtl. bestraft zu werden.

Des Kritisierens macht man sich schuldig, wenn man von irgendetwas im Werk bewusst eine andere Ansicht vertritt. Auch das muss man noch nicht öffentlich tun. Es genügt, wenn man für sich allein der Ansicht ist, etwas oder jemand wäre verkehrt, hätte falsch entschieden oder gehandelt etc. Das Schlimmste von allem ist offene Kritk, insbesondere das "Austauschen von Kritik" unter Mitgliedern. Auch das kann nonverbal sein: ein Augenverdrehen ob einer zweifelhaften Äußerung eines Verantwortlichen genügt, um zur Rede gestellt und mit Strafen bedroht zu werden. Wird man erst beim Gespräch mit einem anderen Mitglied erwischt, kann man damit rechnen, in stundenlangen Gesprächen  zur Rede gestellt, bedroht, bestraft, evtl. auch versetzt zu werden und unter verschärfter Beobachtung zu bleiben.  

Mitglieder des Werkes erfahren all das täglich. Die Maxime geht ihnen in Fleisch und Blut über. Die geistige Enge, die Angst vor Rügen und die Willkür der Verantwortlichen ist für sie normal geworden. Dass es besser ist, keine Fragen zu stellen, ist selbstverständlich. Ex-Mitglieder erholen sich in der Regel erst langsam davon. Auch Jahre nach dem Austritt kann man sich noch bei der Frage ertappen: darf ich das denken?


Zusammenleben von Männern und Frauen im Werk. Ideal und Realität.

Das Zusammenleben von Männern und Frauen im Werk.

Ideal und Realität



Die gottgeweihten Männer und Frauen des „Werkes“ müssen sich bewusst bleiben, dass die fruchtbare gegenseitige Ergänzung nur dann möglich ist, wenn sie sich von der Gnade des „Heiligen Bündnisses“ durchdringen lassen und die Vorrangstellung der Jungfräulichkeit im konkreten Leben beachten. Sie sollen in Treue und Entschiedenheit den Weg der Nachfolge gehen, denn „die Komplementarität in der geistlichen Vater- und Mutterschaft, wie sie im ‚Werk‘ gesehen und gelebt werden muss, setzt eine tiefe Läuterung und Heilung von den ungeregelten Begierden der sündigen Natur in Gottes barmherziger Liebe voraus. Diese gegenseitige Ergänzung ist ein wahres Gnadengeschenk Gottes an die heilige Kirche und kann ohne diese Voraussetzung nicht in der von Gott gewollten Weise fruchtbar werden“ (M.J.V.).

Die gottgeweihten Männer und Frauen streben danach, einander in Vertrauen, Offenheit und Herzlichkeit, mit Achtung und Ehrfurcht zu begegnen. Sie achten auf einen gottgeweihten Lebensstil, meiden unreifes Verhalten und unmündige Anlehnung, halten Rechnung mit den Neigungen der menschlichen Natur und üben jene Aszese, die das gottgeweihte Leben fordert. Sie helfen sich gegenseitig, ihre jungfräuliche Liebe zu schützen und sie zu einer aufbauenden Kraft für ihre geistliche Familie und für andere Menschen werden zu lassen. Die gegenseitige Ergänzung von gottgeweihten Frauen und Männern soll für viele Menschen ein Zeugnis für das segensreiche Zusammenwirken von Männern und Frauen im Dienst der Kirche sein.
Konst III, 41.

De facto leben im Werk erst seit den 90er Jahren Männer und Frauen zusammen. Damals hatte das Werk noch keine Päpstliche Anerkennung und keine eigene Inkardination. Die ersten Priester waren Diözesanpriester und mussten von ihren Bischöfen für das Werk freigestellt werden. Anfang der 90er gab es zudem schon eine kleine Gruppe Seminaristen, die in Rom studierten, mit dem Ziel Priester des Werkes zu werden. Sie wohnten damals noch nicht mit den Schwestern im selben Haus (die Piccola Casa wäre dafür zu klein gewesen). Erst ab Mitte der 90er gab es das "Collegium Paulinum", in dem dann erstmals Männer und Frauen ständig miteinander lebten. 1999 wurde das Werk in der Diözese Rom anerkannt, 2001 folgte die Päpstliche Anerkennung und damit die eigene Inkardination. Heute leben Männer und Frauen in mindestens fünf Niederlassungen zusammen, wenn auch meistens in verschiedenen Gebäuden, Trakten oder Etagen.


Das Zusammenleben von Männern und Frauen. Das Ideal.

Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen ("männlich" und "weiblich" nach dem Hebräischen Text der Bibel). In ihrer Verschiedenheit bereichern sich die Geschlechter gegenseitig. Das gilt für jeden Bereich des menschlichen Lebens, auch für das geweihte Leben. Auf allen Ebenen des Ordenslebens können Männer und Frauen einander etwas geben: im Gebet, in der Pastoral (besonders in der Familienpastoral), in der täglichen Arbeit usw. Dabei begegnen sie einander mit herzlichem Vertrauen und mit der gebührenden Ehrfurcht, die Menschen gegenüber angemessen ist, die Ehelosigkeit gelobt haben. - Eine Ehrfurcht, die ihre Zusammenarbeit nicht behindert, im Gegenteil, sie trägt und fördert.


Das Zusammenleben von Männer und Frauen. Beobachtungen.

Im obigen Text fällt sofort auf, dass er von warnenden Hinweisen ganz durchzogen ist: unbedingte Voraussetzung ist die "Heilung der ungeregelten Begierden der sündigen Natur", gewarnt wird vor "unreifem Verhalten" und "unmündiger Anlehnung", vor den "Neigungen der menschlichen Natur", die nur durch "jene Aszese, die das gottgeweihte Leben fordert" in den Griff zu kriegen wäre.
Tatsächlich wäre der (von erfahrenen Ordensleuten, Psychologen und Pastoraltheologen wie bspw. Sandra Schneiders oder Wunibald Müller) empfohlene Umgang von Priestern und Ordensleuten mit dem anderen Geschlecht der einer bewussten und reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit: wer bin ich als Mann/Frau? Was bedeutet es mir Mann/Frau zu sein? Welchen Raum gebe ich meinem Mann-/Frausein in meiner Berufung, in der Begegnung mit anderen, in meiner Arbeit? - Auch als Ordensmann/frau muss man sich zunächst bewusst machen, dass man Mann oder Frau ist und sein darf. Dazu muss man dann Wege finden, in denen das Bedürfnis, als Mann oder Frau geliebt zu sein und lieben zu dürfen auf eine der eigenen Berufung angemessene Weise zum Zuge kommt. Auch der Ordensmann/die Ordensfrau braucht geistig und emotional erfüllende Begegnungen, die die eigene Persönlichkeit (die tief von der Geschlechtlichkeit geprägt ist) berührt und ihre Entwicklung anregt. Die Ehelosigkeit ist der Verzicht auf eine ausschließliche, auf körperliche Vereinigung und Nachkommenschaft angelegte Partnerschaft. Sie ist nicht der Verzicht auf die eigene sexuelle Identität, auf menschliche Liebe und Freundschaft.


Im Werk wird die menschliche Natur nicht als Grundlage, sondern als Hindernis für die geweihte Berufung angesehen. Folgerichtig wird auch sexuelle Identität nicht integriert, sondern so weit wie irgend möglich unterdrückt und von außen kontrolliert. Dies gilt insbesondere bei den Frauen: sie müssen im Werk ihre Weiblichkeit ablegen; die einzig "legitime" Weise des Frauseins liegt nun in der "natürlichen" Neigung zur Hausarbeit. Im Zusammenleben mit den Priestern sind sie in erster Linie eine "Gefahr". Ständig steht die Sorge darum im Raum, dass sie so gekleidet sind und sich so verhalten, dass sie möglichst wenig als Frauen wahrgenommen werden. Es herrscht eine strenge Kleiderordnung: Sie müssen Unterkleider und wadenlange Röcke tragen, Schuhe und Blusen, die oft eine Nummer zu groß sind. Die Haare werden kurz geschnitten oder hochgesteckt.


Die Patres und Brüder müssen mitteilen, sobald sie eine "Versuchung" spüren, weil eine Schwester ihnen sympathisch oder attraktiv erscheint (umgekehrt auch, das kommt aber relativ selten vor). Dann setzt sich eine aufwendige Maschinerie in Gang: der Verantwortliche des betreffenden Bruders setzt sich mit der Verantwortlichen der betreffenden Schwester in Verbindung, ggf. werden noch die international Verantwortlichen informiert. Die "gefährliche" Schwester wird zurechtgewiesen, vermehrt beobachtet, ggf. versetzt, beide werden unter Druck gesetzt - häufig ohne, dass auch nur einer von beiden wirklich etwas im Sinne hatte, die Schwester weiß in der Regel nicht einmal, um wen es denn ging bzw. worum es überhaupt ging, sie erfährt nur, dass sie eingeschüchtert wird. Auch für den Bruder gibt es keine konstruktive Auseinandersetzung mit den dahinter liegenden Gefühlen und Sehnsüchten, vielmehr wird alles daran gesetzt, sie zu zerstören. Sie werden als sündhaft betrachtet.


Dies hat fatale Folgen für die Psyche: Wo diese Ur-Sehnsüchte des Menschen zerstört werden, geraten das Gefühlsleben und die Identität durcheinander und werden verwundet. Die Liebesfähigkeit kann sich nicht entwickeln, man verlernt, sich in andere einzufühlen und miteinander zu kommunizieren; das Selbstvertrauen leidet massiven Schaden. Männer wie Frauen werden in ihrer Identität und in der Begegnung mit anderen Menschen massiv verunsichert und entwickeln dabei verschiedene Bewältigungs- und Vermeidungsstrategien: Rückzug (geduckte Haltung, ausweichender Blick, leise Stimme), Kontroll- und Machtorientierung (der Versuch, den Umgang mit andere zu kontrollieren, ohne Gefühle und Signale verstehen zu müssen, das Bedürfnis, sich durchsetzen zu können, um nicht unterzugehen), Ersatzsuche (vermehrte Identifizierung und "Belohnung" in Nebenbereichen: Putzfimmel, Suche von Freundschaften in der Pastoral, geheime Hobbys). Alle diese Strategien können eine Steigerung bis zum pathologischen Befund erfahren: Depressionen, suizidäres Verhalten, Süchte, Psychosen, Essstörungen, psychosomatische Erkrankungen...


Logischerweise suchen sich die nicht integrierten sexuellen Triebe früher oder später ihre eigenen Wege. Dort, wo keine Sanktionen drohen, wie bspw. im Internet, oder auf der Ebene des Unbewussten, in Phantasien und Gedankenspielen, die das alltägliche anonyme Miteinander überlagern und sich auch von den vielen Kleiderschichten der Schwestern nicht abhalten lassen. Wenn es in dieser Atmosphäre aufgestauter Lust dann tatsächlich zu sexuellen Übergriffen kommt, kann der Täter darauf vertrauen, dass sein Opfer sich scheuen wird, zu sprechen; falls er/sie es doch tut, kann er in jedem Fall darauf vertrauen, dass der Gemeinschaft ihr Image wichtiger ist als seine Bestrafung oder der Schutz der anderen Mitglieder. Ja, Patres, die dafür bekannt sind, dass sie sich nicht immer im Griff haben, sind sogar davor sicher, dass man sie auf derlei Verfehlungen anspricht - die Furcht, es könnte tatsächlich Vorfälle gegeben haben, mit denen sich die Leitung dann befassen und Konsequenzen für den (vielleicht verdienten) Mitbruder zu ziehen hat, ist zu groß. Man will sich nicht damit auseinandersetzen, lieber schickt man Schwestern in Psychotherapie, entlässt sie aus der Gemeinschaft oder zahlt ihren Familien "Schweigegeld".

Noviziat, Ausbildung Formung. Ideal und Realität.


Noviziat, Ausbildung und Formung.


Ideal und Realität.
Das Noviziat im „Werk“ hat zum Ziel, dass die Novizen nach den Prinzipien des „Werkes“ und seiner Spiritualität auf ein Leben in den evangelischen Räten in der Gnade des „Heiligen Bündnisses“ mit dem Herzen Jesu vorbereitet werden. Die Novizen sollen zu jenem Gesinnungswandel hingeführt werden, den der Apostel Paulus mit folgenden Worten zum Ausdruck bringt: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12,1-2). Das Wort Noviziat erinnert die Novizen daran, dass sie zu einer umfassenden Bekehrung und Neuwerdung in Christus berufen sind. Durch ihr Streben nach Heiligkeit (vgl. 2 Kor 7,1) tragen sie zur Heiligkeit der Kirche bei.

Die Novizen betrachten die geistliche Familie „Das Werk“ als ihre neue Familie, die sie mehr und mehr lieben sollen (vgl. Mk 3,31-35). Sie müssen bereit sein, in der Kraft des Glaubens ihre bisherige Lebenswelt zu verlassen (vgl. Mk 1,16-20; Lk 9,62), um in ihrer neuen Familie in die Schule Jesu zu gehen, seine Freunde zu werden und für ihre Sendung als Gottgeweihte vorbereitet zu werden. Um des Herrn willen sollen sie Gewohnheiten und Mentalitäten aufgeben, die mit der Nachfolge Christi nicht vereinbar sind.
 - Konst. V, 1 und 3. 


Die Formung im Werk, wie sie hier am Beginn des 5. Kapitels der Konstitutionen beschrieben wird, ist ganz getragen von der Absicht, die neuen Mitglieder im Geiste der Spiritualität des Werkes zu erziehen. Das heißt nicht einfach nur, dass sie eine Ausbildung erhalten oder eine Spiritualität kennenlernen, dass sie in eine neue Lebenswelt eintauchen und lernen, sich in ihr zurechtzufinden und sich in sie einzubringen. Es heißt vielmehr, wie das schon im Pauluszitat aus dem Römerbrief deutlich wird: den Wandel des Denkens. Außerdem eine Bekehrung im Sinne einer "schmerzhaften" Selbstverleugnung, wie das das Zitat Verhaeghes nahelegt, das in der Fußnote zum eben zitierten Text enthalten ist:

Wir leben in einer Mentalität, die bewusst oder unbewusst die Dinge vom Ich aus betrachtet, in einer Mentalität, die das Licht über die Folgen der Ursünde in uns mit allerlei Motiven und beschönigenden Namen trübt. Wenn wir Gott lieben mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und mit allen unseren Kräften (vgl. Dtn 6,5), dann werden wir der heilenden Selbstverleugnung kein Hindernis entgegensetzen, wenn uns auch der läuternde Schmerz nicht erspart bleiben wird; doch dieser gereicht uns zum Heil.
 - Zitat Verhaeghes in der Fußnote zu Konst. V, 3.


Das Noviziat. Das Ideal.

In die Nachfolge Jesu einzutreten und sich zu diesem Zwecke einer Gemeinschaft anzuschließen, die ein eigenes Charisma besitzt, heißt nicht nur einen neuen Lebensabschnitt beginnen, es heißt das eigene Leben von Grund auf neu auszurichten, sich vertrauensvoll und bedingungslos dem Willen Gottes zu überlassen, die Konfrontation mit sich selbst und den eigenen Fehlern und Schwächen nicht zu scheuen und sich gerne zurechtweisen und helfen zu lassen, um dem Ideal der eigenen Berufung immer mehr zu entsprechen, um immer hellhöriger zu werden für den Willen Gottes, um immer sicherer auf dem Weg des geweihten Lebens voranzuschreiten und anderen Menschen immer besser Orientierung geben zu können.

Man wird zu einem anderen Menschen, legt alte Gewohnheiten ab und nimmt neue an, verliert alte Bekanntschaften und macht neue, verliert alte Ansichten und gewinnt neue Einsichten. Man kleidet sich anders, spricht anders, lebt anders, denkt anders - ist anders, man ist ein neuer Mensch geworden. 

Das Noviziat. Beobachtungen.


Zur Skepsis veranlasst hier vielerlei: die Rede vom "Neuen Denken", von der "neuen Familie", von der "umfassenden Bekehrung, von der Pflicht "Gewohnheiten" und "Mentalitäten" aufgeben zu müssen. An und für sich kann all dies vernünftig und angebracht sein. Inwieweit es das ist, hängt aber von den konkreten Umständen ab: ist der Einzelne frei? Ist es er selbst, der sich zu diesem neuen Denken und Leben hinentwickelt oder wird es ihm von außen aufgedrängt? Werden seine Bedenken und Gefühle ernstgenommen? Was genau heißt "neues Denken" und wie kommt man dazu? Welche Gewohnheiten müssen aufgegeben werden? usw. 

So wie die "Formung neuer Mitglieder" im Werk vor sich geht, gleicht sie eher der Umerziehung von Menschen, die in eine Sekte geraten sind. Die Schritte sind dieselben: 

Isolation. Zuerst wird das neue Mitglied von seiner bisherigen Umwelt so weit wie möglich abgeschnitten und isoliert, oft wird es in ein anderes Land verschickt (von Österreich nach Rom, von Deutschland nach England, von Belgien nach Jerusalem); alle "Kontakte" (alte und evtl. neu dazu gewonnene) werden nun von der Gemeinschaft kontrolliert und "besprochen", sodass einige sofort aufgegeben werden müssen und andere nur noch unter bestimmten Bedingungen zugelassen sind; Telefonate mit den Eltern etwa, dürfen nur selten und nur nach vorheriger Nachfrage stattfinden, der Inhalt der Gespräche muss mitgeteilt und Briefe müssen vorgelegt werden. Innerhalb kürzerster Zeit hat das neue Mitglied im Werk keinen freien Zugang zu seiner Familie, Freunden und Bekannten mehr. Die Kontakte werden oberflächlich. Das neue Mitglied ist erfolgreich einzig auf seine "neue Familie" angewiesen, eine andere hat es nicht mehr. Es ist von der Außenwelt isoliert. 

Diese Isolation findet ihre Fortsetzung innerhalb der Gemeinschaft, da persönlicher Austausch zwischen den Mitgliedern nicht möglich ist. Freundschaften und persönliche Gespräche sind verboten. "Öffnen" darf sich das einzelne Mitglied nur gegenüber "seinem" Verantwortlichen. Damit beginnt der nächste Schritt der "Formung":

Manipulation. Dem Verantwortlichen kann das Mitglied nicht nur alles sagen: es muss. Regelmäßige Berichte werden gefordert, wöchentliche, monatliche, jährliche. Über alles, insbesondere über das eigene Innenleben muss Rechenschaft abgelegt werden, ebenso wie über evtl. "Auffälligkeiten" bei anderen - über alles, auch über die Gefühle und Eindrücke des Novizen beansprucht der Verantwortliche Deutungshoheit. Zugleich wird das "Ideal" kommuniziert: der Eliteanspruch, die Bekehrung hin zum "neuen Menschen", die bedingungslose Hingabe, das Vertrauen zu den Verantwortlichen, Askese und Selbstverleugnung, Eifer und Ausdauer beim Arbeiten, Folgsamkeit und "Strahlkraft" - das alles wird erwartet. Wer es nicht schafft, wird gerügt. Jedes neue Mitglied möchte dieses Ideal erfüllen, es strahlt - auch dann, wenn es sich nicht wirklich glücklich fühlt, ist fleißig, auch wenn ihm die Kraft ausgeht, übt Selbstverleugnung z. T. über die Maßen, bringt Vertrauen auf, selbst dann, wenn ihm etwas merkwürdig vorkommt, beschwert sich nicht, auch wenn es sich verletzt fühlt - bis es nicht mehr kann. Dann kommt der nächste Schritt:

Psychischer Druck. Wer nicht mehr kann, wird unter Druck gesetzt. Er glaubt zunächst, dass er selbst Schuld ist, dass es die Erbsünde in ihm ist, seine schlechten Neigungen, seine gefallene Natur. Nicht alle schaffen es, sich von diesem Vorwurf zu befreien und ihre aller normalsten Empfindungen zu verteidigen: Erschöpfung, weil zuviel gearbeitet werden muss; Einsamkeit, weil keine persönlichen Kontakte möglich sind; Verletzung, weil die eigenen Gefühle und Fähigkeiten nicht wahrgenommen werden etc. Die Verantwortlichen lassen das alles nicht gelten, sondern verweisen auf die vermeintlich mangelnde Gottesliebe und Einsatzbereitschaft des Mitgliedes, sie machen Druck, setzen Fristen, drohen mit Vertrauensentzug und zeigen sich enttäuscht. - Manche Menschen brechen an diesem Punkt zusammen und werden aus der Gemeinschaft "geworfen". Andere verlassen die Gemeinschaft. Wer an diesem Punkt den Weg aus der Gemeinschaft nicht findet, wird zu einem gebrochenen Menschen. Er muss damit leben und lässt es zu, dass sein Innerstes ständig von Außen kontrolliert und vergewaltigt wird. Solche Mitglieder "funktionieren" im System der Gemeinschaft, sie lassen sich ohne Rücksicht auf ihre Gefühle, ihre Persönlichkeit und Begabungen hier und dort hin- und her versetzen, lassen sich alles nehmen, alles mit sich machen und tun nie den Mund auf. Zugleich sind sie aber gerade deswegen auch nur begrenzt im Kontakt mit der Außenwelt einsatzfähig, viele arbeiten ausschließlich intern.

Missbrauch. Wer einmal so gebrochen ist, ist kaum mehr in der Lage, sich zu wehren oder überhaupt nur seine eigenen Empfindungen selbst wahrzunehmen. Er hat sein normales Gefühlsleben, sein eigenes Denken und Wollen verloren, hat es abgewöhnt bekommen und findet keine Zugang mehr zu sich selbst, geschweige denn zu anderen. Er weiß nicht, wie er auf andere wirkt, er weiß ja nicht einmal mehr, wie er sich selber fühlt: er hat alle Maßstäbe verloren, weil der einzige Maßstab das Wort seiner Verantwortlichen ist. Deshalb ist dem Einzelnen sein eigener Zustand ab einem bestimmten Punkt auch nicht mehr bewusst. Das heißt: er ist in jeder Hinsicht missbrauchbar. 

Dazu kommt, dass er auch rechtlich völlig ausgeliefert ist: er hat keine Ansprüche gegenüber dem Werk, weil er niemals wirklich endgültig als Mitglied aufgenommen wird (solange noch irgendeine Gefahr besteht, dass er zu sich kommen und die Gemeinschaft verlassen könnte). Dennoch unterzeichnet er jedes Jahr von Neuem, dass er freiwillig in der Gemeinschaft bleiben will, dass er freiwillig seinen ganzen Besitz aufgegeben hat und das Werk alles erben wird, was er jemals evtl. besitzt. Er darf mit niemandem reden, niemand darf mit ihm reden, er darf kein Tagebuch führen und nicht einmal darüber nachdenken, wie er sich fühlt. Alles, was mit ihm geschieht, wird vom Werk gedeutet und erklärt, und er muss die Deutung des Werkes annehmen. Er tut das auch, weil er es so gelernt hat: er hat gelernt, seinen eigenen Wert von der Beurteilung seiner Verantwortlichen abhängig zu machen und nichts anderes mehr zu wollen, als ihnen zu entsprechen, egal, was mit ihm geschieht. - Das ist das Ziel des Noviziates: aus Menschen willenlose Werkzeuge zu machen.



Zielsetzung des Werkes



Die Zielsetzung nach dem ersten Kapitel der Konstitutionen

Ideal und Realität


Die Zielsetzung der geistlichen Familie „Das Werk“ besteht darin, zum Lob und zur Verherrlichung des dreifaltigen Gottes und zum Heil der Menschen ein Abglanz des Geheimnisses der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zu sein und ihre übernatürliche Schönheit als Leib Christi und als Familie Gottes zu bezeugen. Durch ihr Sein und Wirken in Verbundenheit mit Gott und in Einheit untereinander wollen die Mitglieder dazu beitragen, dass die Menschen das Geheimnis der Kirche tiefer erfassen und in der Liebe zu ihr angesichts der Zeichen der Zeit gestärkt werden. (Konst. I,2)

Dieser Text über die Zielsetzung des Werkes enthält keinen Hinweis darüber, in welchen Bereichen Mitglieder der Gemeinschaft engagiert sind. Das Werk hat tatsächlich kein spezifisches Apostolat. Verhaeghe hielt es sogar für gefährlich, ein spezifisches Apostolat zu haben, da sie darin ein Hindernis für echtes geistliches Leben der Mitglieder sah. Sie schrieb dazu:

Gott will, dass das Werk von jedem ‚sogenannten Apostolat‘ Abstand nimmt, das im Volke Gottes zu einer weitverbreitenden Mentalität geworden ist... Es ist eine Art Apostasie unserer Zeit, ein Abgleiten, das mit ungesunden, ja sogar krankhaften und unkontrollierten Mächten, mit Begierden und Bedürfnissen gepaart geht, die für Zeiten des Glaubensabfalls typisch sind. Nicht selten ist es ein Aktivismus, der der Selbstverwirklichung freie Bahn gibt, ein Betrügen des eigenen Gewissens, wie es in einem Volke sichtbar wird, das vor allem das sucht, was den Ohren schmeichelt, wie der heilige Paulus sagt... Menschen dieser Art schienen mir so fest an ihre ‚ich-gebundenen‘ Talente und Fähigkeiten gefesselt zu sein, weil sie diese anbeten und sich darin auch anbeten lassen... Es kam mir vor,... als wären sie willenlose Werkzeuge der bösen Werke, getrieben durch ihre Leidenschaften, durch alle Spielarten von Hochmut und Eigenliebe.
  
   -   Zitat Verhaeghes aus: L. Scheffczyk, Wesensmomente des Charismas der geistlichen Familie "Das Werk", Eigenverlag Das Werk.

Zielsetzung. Das Ideal.


Mitglieder des Werkes definieren sich nicht über das, was sie tun, sondern über die innere Haltung, aus der sie leben. Sie nennen das ihre Seins-Berufung, die sie meist charakterisieren als „ein Abglanz der Kirche sein“. Fragt man dann weiter nach konkreten Tätigkeiten, bekommt man in der Regel zu hören: „Wir tun alles, was der Kirche dient“.


Das Ideal, das durch diese scheinbare Offenheit erzeugt wird, suggeriert eine große Dynamik und Bandbreite: da teilen Menschen aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Begabungen und Berufen das tägliche Leben miteinander, erfüllen ganz verschiedene Aufträge, getragen vom einen gemeinsamen Ideal: der Kirche dienen. 


Das kann durchaus anziehend erscheinen, weil es das Gemeinschaftsleben in den Mittelpunkt stellt. Im Werk wird oft davon gesprochen, dass die Mitglieder in den Zentren Kirche für die Menschen wieder erfahrbar machen sollen, als Heimat und Familie, jenseits von Bürokratie und ideologischen Grabenkämpfen. Wer hier zu Besuch ist, erlebt eine strahlende junge Kirche, eine schöne Liturgie mit mehrstimmigem Gesang und ein gutes Essen mit mehreren Gängen. Dadurch sollen Menschen das Schöne an der Kirche erfahren: Kirche als eine Familie Gottes.




Zielsetzung. Beobachtungen.
Die Skepsis entzündet sich an der Frage: Wozu existiert eine Gemeinschaft, deren Mitglieder keine andere Zielsetzung haben als alle katholischen Gläubigen?


Tatsächlich hat das Ideal noch eine tieferliegende Dimension, die in der letzten Zeile des oben zitierten Textes angedeutet wird: Menschen sollten in der Liebe zur Kirche angesichts der Zeichen der Zeit gestärkt werden.


Wer gewohnt ist die Zeichen der Zeit positiv als die Stimme Gottes in der Geschichte zu deuten, wird diese Zeile wohl anders verstehen als sie im Werk gemeint ist. „Zeichen der Zeit“ steht im Grunde für die Moderne und Postmoderne, in der Sprache Verhaeghes ist es die Zeit der „Ismen“. Sie schreibt dazu, die Mitglieder des Werkes sollen 
ein Abglanz des Mysteriums der Kirche sein, um die Wunden zu heilen, die in der ganzen Welt und selbst innerhalb der Kirche durch so viele ‚Ismen‘ geschlagen worden sind. 
   -   Zitat Verhaeghes aus: L. Scheffczyk, Wesensmomente des Charismas der geistlichen Familie "Das Werk", Eigenverlag Das Werk.



Diese Ismen sind: Humanismus, Kommunismus, Individualismus, Feminismus, Liberalismus, Atheismus – Geisteshaltungen, die die vermeintlich so klare metaphysische Ordnung vorangegangener Jahrhunderte auflösen, Gott in Frage stellen, den Menschen in den Mittelpunkt rücken und Freiheit statt Heiligkeit zum obersten Prinzip erheben. Das sind Strömungen, die in den Augen Verhaeghes die Kirche angreifen, gegen die die Gläubigen geschützt und der Glaube verteidigt werden muss. 
Wo das Werk also Kirche in ihrer Schönheit bezeugt, lebt es eine Kirche vor, in der es keinen modernen Zeitgeist gibt und die so die volle Geborgenheit des Glaubens bieten kann, mitten in unserer Zeit und den Verunsicherungen, die ein gläubiger Mensch in ihr durchleidet.

Für einen jungen gläubigen Menschen kann dieses Ideal einer Kirche im Kleinen mit der entsprechend verheißenen Geborgenheit, Glaubensheimat und Lebendigkeit sehr anziehend sein, wie ein ehemaliges Mitglied es beschreibt:

Bei den Zusammenkünften herrscht Freude unter den vielen jungen Menschen. Man bekommt ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Man fühlt sich daheim. Aber es ist zu schön, zu gut. Im Nachhinein begriff ich, dass diese Atmosphäre bewusst geschaffen wird. Sie kommt nicht aus dem Herzen, sondern wird erzwungen.  
 - Rik Devillé, Het Werk. Een katholieke Sekte?, Leuven 1996, 85.
Trägt man sich erst einmal mit dem Gedanke, ins Werk einzutreten, erscheint es außerdem naheliegend, dass man als Mitglied der Gemeinschaft nicht nur viele sehr verschiedene und interessante Menschen kennenlernen, sondern auch entsprechend der eigenen Begabungen eingesetzt und gefördert werden würde, was sich im Nachhinein als bitterer Irrtum herausstellt.
Skepsis weckt auch schon die Zielsetzung des Werkes selbst, da sie tatsächlich einen ungeheuerlichen Anspruch verrät. Wenn das Werk als Gemeinschaft ein „Abglanz der Kirche“ sein will, meint das nicht einfach eine Selbstverständlichkeit, in dem Sinne, dass es sich mit der katholischen Kirche, ihren Prinzipien und ihrer Sendung identifiziert, wie das alle Gemeinschaften in der Kirche tun. Das Werk betrachtet vielmehr als seine eigentliche Sendung, Abglanz der Kirche zu sein, und zwar gegenüber den anderen Gliedern der Kirche. Hier legt sich der Verdacht nahe, dass das Werk tatsächlich für sich beansprucht eine Art „wahrer Kirche“ in der Kirche zu sein, die den übrigen Gliedern der Kirche erst zeigen muss, wie Kirche-Sein geht, weil sie es der Auffassung des Werkes nach nämlich nicht richtig leben. Dieser Verdacht wird schon durch den Hinweis auf die „Zeichen der Zeit“ im obigen Text, aber auch durch zahlreiche Texte Verhaeghes erhärtet, wie bspw.:

In seiner Güte und Barmherzigkeit, die von seiner Gerechtigkeit umfangen ist, hat Gott es gewollt und zugelassen, dass ich in diesem Licht innerlich schauen und dann auch in zunehmendem Maße von außen her feststellen durfte, in welchem Maße sein Volk von ihm sich abgewandt hat und zum Heidentum zurückgekehrt ist... Von den Strahlen dieses Lichtes durchdrungen wurde mir eine tiefe Liebe zur Kirche eingegossen; es erfüllte mich ein feuriger Eifer für sie, meine Mutter, zu deren Familie ich gehören darf. Die gleiche Liebe erfüllte mich für meine Brüder und Schwestern, vor allem für die Ärmsten, die in Gefahr sind, verloren zu gehen. Ich wurde zutiefst zu einer Bekehrung und Läuterung meines ganzen Wesens hingezogen, die es ermöglichen sollte, dass ich meine Sendung als Glied des Mystischen Leibes in der Treue zu diesem Licht erfüllen könne, das sich mir mit Kraft und voller Güte und Barmherzigkeit, die zugleich auch Gerechtigkeit ist, offenbarte. 
  -   Zitat Verhaeghes aus: L. Scheffczyk, Wesensmomente des Charismas der geistlichen Familie "Das Werk", Eigenverlag Das Werk.


Die Rede ist von den Wunden der Kirche, die die Mitglieder des Werkes heilen sollen, vom Todeskampf der Kirche, in den sie durch das Eindringen des Zeitgeistes, des Liberalismus und Humanismus geraten ist und aus dem Gott sie befreien will, indem er sich des Werkes als Werkzeug bedient. Das Mittel dafür ist die Spiritualität des Werkes. 


Diese Spiritualität besteht in der vollkommenen Reinigung des einzelnen Mitgliedes von den Spuren des Zeitgeistes. Um das zu erreichen, werden den Mitgliedern in der „Formung“ persönliche Züge so weit wie möglich abtrainiert, Wille und Verstand werden gebrochen. Schließlich bleibt also von der Verheißung familiären Zusammenlebens und menschlicher Vielfalt nichts übrig.