Was will dieser Blog?

Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.
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Das eigene Leben wieder in die Hand nehmen

Beitrag von Doris Wagner bei den journées annuelles von AVREF, am 16. April 2016. 
(Aus dem Englischen übersetzt)

Als ich „meine Gemeinschaft“ 2011 verließ, war ich unmittelbar mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Ich musste mich irgendwie finanzieren, irgendwo wohnen etc. Viel wichtiger war aber etwas anderes: Ich stand vor der Herausforderung zu verstehen, was geschehen war. Meine Verantwortlichen hatten sich doch um mich gekümmert, oder etwa nicht? Im Werk bekam ich geistliche Begleitung, ein Zimmer und Verköstigung. Als ich eintrat, wollte ich doch zu dieser Gemeinschaft gehören. Ich hatte eine Berufung, oder nicht? Ich wollte mein Leben in den Dienst Gottes stellen. Was war eigentlich schief gegangen?

Im Rückblick auf meine Zeit im „Werk“ gab es einen Moment, in dem mir offensichtlich Unrecht geschehen war. 2008 hat ein Verantwortlicher mich mehrmals vergewaltigt. Er kam in mein Zimmer, zog mich aus, obwohl ich ihm sagte, dass er das nicht durfte und vergewaltigte mich, während ich vor Angst wie gelähmt war. – Eine Vergewaltigung ist eine extrem schmerzliche Erfahrung: Jemand setzt sich bewusst über deine Gefühle hinweg und übertritt deine körperlichen und emotionalen Grenzen. Er drückt dir seinen Willen auf, dringt in dich ein, während du völlig aufgelöst, apathisch und hilflos bist.

Als das geschah, war ich außer Stande zu begreifen, was vor sich ging. Später hat mir diese traumatische Erfahrung auf seltsame Art geholfen zu verstehen, was mir geschehen war, und zwar nicht nur in diesem Moment, sondern die ganze Zeit. Im „Werk“ wurde nicht nur mein Körper vergewaltigt, sondern auch mein Gefühlsleben, mein Intellekt, mein Glaube, alles, was mich ausmachte und was ich war. Meine Verantwortlichen setzten sich bewusst und andauernd über meine Grenzen hinweg und drangen in mein Denken, mein Fühlen, meine Gottesbeziehung, in die intimsten Schichten meines Selbst ein.

Ich erinnere mich an viele Momente, in denen das deutlich wurde. Zum Beispiel kam meine Verantwortliche in den ersten Monaten nach meinem Eintritt mit einem Vorwurf auf mich zu: Ich hatte in letzter Zeit öfter ein trauriges Gesicht. Seltsamerweise hatte ich selbst nichts davon gemerkt, dass ich traurig war. Aber es kümmerte sie nicht, was ich fühlte. Sie wollte nur, dass ich ein Lächeln aufsetzte. Wichtig war nicht, was ich fühlte, sondern dass ich glücklich aussah und dass ich dachte, ich wäre glücklich. Ich konnte auch gar nichts anderes denken, weil wir ständig zu hören bekamen, was für ein Glück es doch wäre, im „Werk“ zu sein. Die Folge war, dass ich nur noch mit einem Lächeln auf dem Gesicht herumlief. Ich lächelte, auch noch am Morgen nach der ersten Vergewaltigung. Ich lächelte auch noch nach meinem Austritt. Es dauerte, bevor ich in der Lage war, diese Grimasse abzustreifen – und noch heute wird mir schlecht, wenn ich Leute mit diesem Dauerlächeln im Gesicht zu sehen bekomme.

Meine Verantwortlichen sprachen viel über Jungfräulichkeit, über Jungfräulichkeit des Herzens und Jungfräulichkeit des Geistes. Man sagte mir, ein ohne Erlaubnis gelesenes Buch wäre wie ein unehelich empfangenes Kind. Gleichzeitig bombardierten sie uns förmlich mit Worten und Texten von „Mutter Julia“. Es gab keinen einzigen Tag, es gab kaum eine Stunde, in der ich nicht gezwungen war „Mutter Julia“ oder meinen Verantwortlichen zuzuhören. Sie nahmen mir alles, was meine Individualität und persönliche Freiheit hätte stützen können, um dann in mein Denken, Fühlen, Glauben und Handeln einzudringen. Während sie vorgaben, meine geistige Jungfräulichkeit zu schützen, behandelten sie mich in Wirklichkeit wie eine Prostituierte, der sie sich aufzwangen, wie es ihnen gerade beliebte.

Wenn man ein solches Missbrauchssystem verlässt, steht man vor einer gewaltigen Herausforderung. Als ich die Gemeinschaft verließ, war ich immer noch so sehr in den Gewohnheiten und Zwängen des Gemeinschaftslebens, in meiner Rolle als dauerlächelnde, arbeitende und betende Schwester gefangen, dass ich erst einmal praktisch genauso weiterlebte, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte.

Die meisten Menschen mit Missbrauchserfahrungen neigen dazu, sich die Rolle zu eigen zu machen, die ihnen die Leute, die sie missbraucht haben, aufgedrängt haben. Sie fühlen sich wertlos, haben keine Selbstachtung, kein Selbstvertrauen und sind nicht im Kontakt mit sich selbst und ihren Gefühlen. Sie riskieren, sofort in die nächste Missbrauchssituation zu geraten. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, muss man sein eigenes Selbst wiederentdecken, den eigenen Verstand, die eigenen Gefühle, die eigene Gottesbeziehung, sogar den eigenen Körper. Sei vorsichtig, wenn du das tust, höre genau hin auf deine innere Stimme, lass dir Zeit!

Einige von euch, die heute hier sind, stehen vielleicht vor dieser Herausforderung. Ich möchte Folgendes zu euch sagen:
1.    Denke immer daran, dass du ein wunderbarer, liebenswerter Mensch bist! Wiederhole diese Worte, sag zu dir selbst immer wieder: Ich bin liebenswert!
2.    Zögere nicht eine Sekunde, den intellektuellen und geistlichen Müll, mit dem man dich vollgestopft hat, aus deinem Denken und deinem Herzen zu entfernen. Nicht eine Sekunde!
3.    Komm wieder in Tuchfühlung mit dir selbst. Langsam. Schritt für Schritt. Trau dich, wieder selbst zu denken, selbst zu beten, mit deinen eigenen Worten, und stell dich deinen Gefühlen. Trau dich zu weinen, zu trauern, zu streiten, zu kämpfen, zu lachen, zu tanzen, und vor allem: zu lieben!

Kurz: Nimm dein Leben wieder in deine eigenen Hände. Dann – und nur dann – wirst du es auch in wieder in den Dienst anderer stellen können.

Austritt - praktische Tipps

Wer aus dem „Werk“ austritt, wird in aller Regel nicht über seine Rechte aufgeklärt. Im Gegenteil. Laut Konstitutionen steht er auf einer Stufe mit Judas. Dem austretenden Mitglied wird das Gefühl gegeben, versagt zu haben, schuldig zu sein, seine Berufung verfehlt zu haben und tief in der Schuld der Gemeinschaft zu stehen. Die Verantwortlichen beeilen sich, das austretende Mitglied ein Dokument unterschreiben zu lassen, in dem es erklärt, keinerlei Ansprüche mehr gegenüber dem „Werk“ zu haben. Das austretende Mitglied unterschreibt dieses Dokument in einem Zustand völliger Unkenntnis über die Ansprüche, die es tatsächlich gegenüber dem „Werk“ besitzt. Alleine schon aus diesem Grund ist das Dokument juristisch anfechtbar. Es wäre besser, es nicht zu unterschreiben. Austretende Mitglieder haben aber in aller Regel keine Wahl. Sie fühlen sich den Verantwortlichen verpflichtet und haben keine Ahnung davon, wie das Ausscheiden aus einem Institut des geweihten Lebens nach den Maßstäben des Kirchenrechts vor sich geht. Informationen hierüber kann es von seinen Verantwortlichen auch nicht erwarten, von einem Handeln gemäß christlicher Nächstenliebe (wie der Can. 702 CIC sie fordert) ganz zu schweigen.

Mitgliedern, die aus dem „Werk“ austreten wollen, sei folgendes empfohlen:

  1. Die Verantwortlichen werden dich nach gewohnter Manier bearbeiten. Gleich, ob sie dich „hinausschmeißen“ oder du von dir aus gehen willst: Sie werden dir erklären, dass du austrittst, weil du etwas falsch gemacht hast, was auch immer. Wahrscheinlich sagen sie dir, dass du das Charisma nicht tief genug verstanden hast, dass du nicht wirklich bereit warst, dich zu bekehren, dass du nicht stark genug warst, dass du dich nicht einfügen konntest etc. Lass sie reden. Glaube ihnen nicht. Auf diese Weise schaffen sie die Grundlage dafür, dass du dich im Moment des Austritts „schuldig“ fühlst. Tatsächlich kannst du einfach gehen! Wenn du zu der Erkenntnis gelangt bist, dass du nicht ins „Werk“ berufen bist, ist es kein Scheitern, kein Verrat und keine Sünde auszutreten. Es ist einfach der nächste Schritt auf dem Weg, den Gott dich führt.
  2. Wahrscheinlich sagen sie dir auch, dass du ihnen etwas schuldig bist, weil du ja jahrelang Kost und Logis „umsonst“ bekommen hast und sie vielleicht Geld für Reisen und Ausbildung ausgegeben haben. Fall nicht darauf herein: Du hast alles „im Auftrag“ getan. Sie haben also nur ihre eigenen Projekte finanziert. Ganz zu schweigen davon, dass sie für dein Essen und deine Unterkunft verhältnismäßig wenig ausgegeben haben. Wer seine Mitglieder mit Altkleidern einkleidet und mit geschenktem Brot, Restesuppe und „aiuto ce“ ernährt, sollte nicht so tun, als würde er Unsummen für sie ausgeben.
  3. Du solltest wissen, was dir zusteht: Der Can. 701 § 1 CIC legt zwar fest, dass dir für die Arbeit, die du jahrelang für das „Werk“ geleistet hast, nichts zusteht. Der § 2 desselben Canons sagt aber: „Das Institut jedoch soll Billigkeit und evangelische Liebe gegenüber dem ausgeschiedenen Mitglied walten lassen.“ Du hast also einen Anspruch darauf, dass das „Werk“ dir einen vernünftigen Übergang in ein normales selbstständiges Leben ermöglicht. Du sollst dich nicht verschulden müssen, nicht unter der Armutsgrenze leben müssen und nicht bei anderen betteln müssen, dass sie dir aushelfen: Das „Werk“ muss diesen Übergang finanzieren. Bestehe darauf. Sei dir bewusst, dass du relativ hohe Ausgaben für neue brauchbare Kleidung, für Möbel, für Umzugskosten, für evtl. vorübergehende Unterkunft etc. haben wirst und dass es leicht ein halbes Jahr oder länger dauern kann bis du dich selbst finanzieren kannst. 1.000 oder auch 3.000 Euro reichen hierfür nicht aus! Erkundige dich, welche Summe du realistischerweise benötigen wirst! Lass nicht deine Eltern für das aufkommen, was das „Werk“ dir schuldet! Wenn das „Werk“ dir den Übergang in ein selbstständiges Leben finanziert, ist das kein Almosen! Es ist ihre Pflicht. Handele das aus! Lass dir nicht einreden, dass im Grunde du ihnen etwas schuldig bist. Das Gegenteil ist der Fall.
  4. Du musst unbedingt wissen, dass das „Werk“ gesetzlich verpflichtet ist, Nachzahlungen in die Rentenversicherung für dich zu leisten. Gemeinschaften des geweihten Lebens müssen in Österreich und Deutschland nicht in die Rentenkasse einzahlen. Sie müssen aber Mitglieder, die ausscheiden, nachversichern. Noch ein Grund, nicht zu unterschreiben, dass du mit dem Austritt auf alle Ansprüche gegenüber der Gemeinschaft verzichtest. Die Rentenversicherung hat Service-Hotlines, unter denen du dich informieren kannst.
  5. Lass dir ein Dokument mitgeben, aus dem hervorgeht, von wann bis wann du Mitglied des „Werkes“ warst. Du solltest etwas haben, womit du überhaupt nachweisen kannst, dass du im „Werk“ warst. Außerdem brauchst du das für den Antrag auf Kontenklärung bei der Rentenversicherung.
  6. Noch etwas: Das „Werk“ hat dir gegenüber höchstwahrscheinlich gegen grundlegende Normen des kirchlichen Rechts und des zivilen Rechts verstoßen. Mach dir das bewusst. Sie schulden dir etwas, nicht nur weil sie als deine Oberen Verantwortung für dich haben und weil sie von dir und deinem Einsatz in der Gemeinschaft profitiert haben und davon, dass du deinen Besitz, deine Kontakte und deine Selbstbestimmung aufgegeben hast. Sie schulden dir darüber hinaus auch auf moralischer Ebene etwas, weil sie dir Rechte vorenthalten und in deine persönlichen Freiheiten eingegriffen haben, weit über das legitime Maß hinaus. Sie stehen tief in deiner Schuld.
  7. Ändere dein Testament! Im „Werk“ hast du wahrscheinlich ein Testament schreiben müssen, mit dem du alles, was du jemals verdienen oder erben wirst, dem „Werk“ vermacht hast. Solange du kein neues Testament machst, bleibt das alte formal gültig. Ein neues Testament kannst du ganz einfach handschriftlich aufsetzen
  8. Vernetze dich mit anderen Ex-Mitgliedern. Auf diese Weise erfährst du nicht nur hilfreiche Tipps für die erste Zeit nach dem Austritt, sondern bekommst auch Einblicke in die Geschichte des „Werkes“, die helfen können, zu verstehen, was du erlebt hast. Außerdem fragst du dich vielleicht, was aus dem ein oder anderen geworden ist.
  9. Das „Werk“ wird wahrscheinlich mit dir in Kontakt bleiben wollen. Sei dir bewusst, dass das nicht aus Sorge oder Zuneigung geschieht. Du darfst ja nicht mit den normalen Mitgliedern in Kontakt bleiben, mit denen du dich gut verstanden hast. Sondern es wird ein Verantwortlicher abgestellt, der „im Auftrag“ mit dir in Kontakt bleibt. Sie wollen dich weiter beeinflussen und kontrollieren. Du musst nicht zustimmen. Sag einfach, dass du keinen weiteren Kontakt mit den Verantwortlichen wünschst. Akzeptiere nicht einfach, dass du mit anderen Mitgliedern keinen Kontakt haben darfst. Nach dem Austritt bist du nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet!

Nach dem Austritt vor dem Nichts

Angehörige von Ordensgemeinschaften und anderen Gemeinschaften des geweihten Lebens sind bezüglich ihrer Mitgliedschaft nicht so frei, wie man meinen möchte. Für viele kommt ein Austritt nicht in Frage, selbst wenn sie ihn wünschen, weil sie nach einem Austritt finanziell praktisch vor dem Nichts stehen.

Das gilt vor allem für Schwestern in fortgeschrittenem Alter. Während Patres relativ leicht in eine Diözese wechseln und dort weiterhin als Priester wirken können und in jeder Hinsicht abgesichert sind, haben Schwestern große Schwierigkeiten, den Wechsel in ein Berufsleben zu finden und eine ausreichende Altersversorgung zu erwirtschaften. 

Wenn - wie im "Werk" - manche Schwestern in der Gemeinschaft keine Berufsausbildung erhalten haben oder eine Ausübung ihres Berufes lange zurückliegt, verschärft sich die Lage für Betroffene noch erheblich.

Zwar gibt es eine gesetzliche Pflicht zur Nachversicherung von ausgeschiedenen Ordensangehörigen, diese fällt aber mitunter so gering aus, dass ehemalige Schwestern im Pensionsalter kaum davon leben können bzw. der Staat die Bezüge aufstocken muss.


Warum hast du dich nicht gewehrt?

Wer aus dem Werk (oder ähnlichen Gruppen) ausgetreten ist und seine Erfahrungen aufarbeitet, bekommt oft eines zu hören: Warum hast du dich nicht gewehrt? Warum bist du nicht früher gegangen? Der Einzelne fragt sich das vor allem selbst: warum habe ich mir das alles solange gefallen lassen? Warum habe ich ihnen vertraut?

Grundregeln sozialer Interaktion ausgehebelt


Auf diese Frage gibt es keine leicht nachzuvollziehende Antwort. Der Grund dafür, dass es beinahe unmöglich ist, sich aus diesen Gruppen zu befreien, auch und gerade dann, wenn sie einem schaden, liegt darin, dass grundlegende Regeln sozialer Interaktion in Gruppen wie dem Werk ausgehebelt sind.

Dazu gehören insbesondere persönliche Freiheiten, wie: die Legitimität eigener Ziele, die Artikulation eigener Wahrnehmung, freie Kommunikation und persönliche Beziehungen, Denk- und Redefreiheit. - Aber auch so grundlegende Dinge wie Besitz, Selbstorganisation, Freizeit. In gesunden Verhältnissen sind diese Freiheiten selbstverständlich vorausgesetzt und (weitgehend) gewährleistet. Im Werk gibt es sie nicht. Das wird allerdings nicht direkt formuliert (sonst würde ja niemand dort eintreten und kaum jemand das Werk verteidigen), sondern es gibt eine spirituelle Umdeutung, eine Ideologie, die diese Entrechtung und Abhängigkeit des Einzelnen verschleiert.

M. a. W.: Im Werk herrscht eine eigene Logik. Es herrschen andere Ideale, andere Gesetze, andere Mechanismen, die alle die Opfer rechtfertigen, die das einzelne Mitglied bringen muss, die Kritik an der Leitung unmöglich machen, die Widerstand nicht aufkommen lassen.

Praktisch bedeutet das: das einzelne Mitglied hat so gut wie keine Möglichkeit, sich zu wehren, wenn ihm direkt oder indirekt geschadet wird.

Ein Beispiel


Ein Beispiel kann das verdeutlichen: eine junge Schwester, die eine hervorragende Matura abgelegt hat und gerade erst eingetreten ist, arbeitet seit ihrem Eintritt täglich zehn Stunden in der Küche, unterbrochen nur von Mahlzeiten (bei denen sie "ausschöpfen" muss) und den Gebetszeiten, zu denen sie auf kürzestem Wege von der Küche in die Kapelle gerade noch rechtzeitig kommt, um hinterher direkt wieder in die Küche zurückzueilen. Sie ist ständig übermüdet, hat keine freie Zeit (außer die Sonntagnachmittage, an denen sie mit den anderen Schwestern geistliche Vorträge hören muss) und fast keinen Kontakt zu ihrer Familie mehr.

Warum wehrt sie sich nicht? Wie könnte sie sich wehren?

1. Sie wird sich nicht wehren, weil sie gar nicht merkt, dass ihr Unrecht geschieht.
Sie ist glücklich. Sie denkt nicht daran, dass ihr Leben als Schwester anders aussehen könnte bzw. müsste. Manchmal vermisst sie vielleicht ihre Familie. Aber sie wischt jeden negativen Gedanken sofort weg. Ihr Vertrauen in ihre Verantwortlichen ist vollkommen. Ihr Bewusstsein, sich Gott ganz hingeschenkt zu haben, berauscht sie. Sie glaubt an das Ideal der "bedingungslosen Hingabe" und weiß sich, weil sie alles hingegeben hat, besonders von Gott geliebt. - Sie denkt nicht im Traum daran, dass ihre "Verantwortlichen" Pflichten ihr gegenüber verletzten, dass sie ein Recht auf Urlaub und auf eine ihren Begabungen entsprechende Ausbildung hat. Sie unterscheidet nicht zwischen dem Willen Gottes und dem Willen ihrer Verantwortlichen. Sie hat schon mit ihrem Eintritt alle eigenen Ziele und Überlegungen aufgegeben. Kurz: Sie ist bereits dabei, grundlegende soziale Kompetenzen zu verlieren: sie identifiziert sich so vollständig mit der Gruppe, dass sie ihre eigenen Emotionen nicht mehr richtig wahrnimmt und ausdrückt (Müdigkeit/Erschöpfung, Sehnsucht nach ihren Eltern).

2. Sie wird gut behandelt.
Vielleicht spürt sie doch, dass sie übermüdet ist und teilt das ihrer Verantwortlichen mit. Ihre Verantwortliche reagiert "verständnisvoll" und erlaubt ihr, am nächsten Tag bis um 6:30 "auszuschlafen". Sie ist dankbar (der klitzekleine Gedanke, dass "ausschlafen bis um 6:30" lächerlich ist, dringt kaum bis in ihr Bewusstsein vor - das würde sie niemals über die Lippen bringen). Ihre Mitschwestern, die tapfer "durcharbeiten" können, erscheinen ihr nun noch bewundernswerter. Sie will keinesfalls hinter ihnen zurückbleiben, sondern sich und vor allem ihrer Verantwortlichen beweisen, dass sie genauso hingabebereit sein kann. Ihr wahres Glück besteht schließlich darin, eine "gute Schwester" zu sein. Wenn die Müdigkeit bleibt, wird sie um jede Stunde mehr Schlaf extra nachfragen müssen. Das wäre ihr zu peinlich... und tatsächlich: sie fühlt sich bald nicht mehr so müde! Tatsächlich bleibt ihre Erschöpfung bestehen, sie spürt sie aber nicht mehr. Sie hat den Kontakt zur ihren eigenen Emotionen verloren.

3. Sie wird vertröstet.
Vielleicht denkt sie aber auch, dass sie nicht dafür Matura gemacht hat, um dann Tag für Tag in der Küche zu stehen. Und vielleicht traut sie sich sogar, ihrer Verantwortlichen diesen Gedanken mitzuteilen. Und tatsächlich: ihre Verantwortliche reagiert auch jetzt "verständnisvoll": Wir wissen, dass du sehr begabt bist und du kannst sicher sein, dass wir deine Begabung brauchen. Gott hat Großes mit dir vor. Betrachte deine Arbeit in der Küche als Vorbereitung auf deine zukünftigen Aufgaben. - Vielleicht traut sie sich sogar zu fragen, wann sie denn etwas anderes tun darf und was. Dann wird sie als Antwort bekommen: das wissen wir selbst noch nicht, aber Gott wird es zu seiner Zeit zeigen. - Damit ist sie zufrieden. Gott selbst und dass er durch die Verantwortlichen spricht, kann sie nicht in Frage stellen, denn das ist die Grundlage ihrer Berufung.

4. Sie muss noch viel lernen.
Vielleicht ist sie aber noch viel selbstbewusster und sagt ihrer Verantwortlichen nicht nur, dass sie übermüdet ist und für andere Aufgaben besser geeignet wäre, sondern wundert sich auch, dass sie überhaupt in die Küche gesteckt worden ist und wagt es, direkt nachzufragen, warum und wie lange noch. Wenn sie eine erfahrene Verantwortliche hat, wird die auch jetzt noch "verständnisvoll" reagieren (obwohl sie beunruhigt sein wird). Ihr wird dann signalisiert, dass es normal ist, dass sie das jetzt empfindet, sie ist ja auch gerade erst eingetreten und muss noch viel lernen. Das geweihte Leben bedeute bedingungslose Hingabe und nur in dem Maß, in dem man seine eigenen Wünsche bereit ist aufzugeben, wird man darin glücklich. Solche Dinge wie Müdigkeit, Erholung, Matura, Begabungen treten dahinter zurück, sie werden relativ. Dass sie glaubt, wegen ihrer Matura nicht in der Küche stehen zu sollen, verrät nicht nur mangelnde Demut, sondern vor allem rein menschliches Denken  (und wer weiß, wenn sie sich bewährt hat, könne man ihr ja in Zukunft durchaus andere Aufgaben anvertrauen). Auch in der Küche geschehe im Verborgenen Großes und Gott könne man nur an dem Platz dienen, an den er einen stellt. Allein Gott dienen mache wahrhaft glücklich alles andere ist Schein-Glück etc. - Wenn sie ein gewisses Maß an Vertrauen gegenüber ihrer Verantwortlichen hat und es sich mit ihr nicht verscherzen will, wenn sie an ihre eigene Berufung glaubt, wird sie sich vermutlich zumindest vorerst darauf einlassen, es wenigstens zu probieren, ihre "eigenen Wünsche und Gedanken" aufzugeben. Kurz: sie riskiert, eine grundlegende soziale Kompetenz zu verlieren: eigene Ziele zu verfolgen.

5. Sie muss sich bekehren/ wird vom Teufel versucht/ist eine Gefahr für Das Werk.
Vielleicht geht sie aber auch ganz anders vor und teilt ihre Zweifel nicht der Verantwortlichen mit, sondern spricht mit jemand anderem darüber, mit einer Mitschwester, ihren Eltern oder Freunden von früher. Die Mitschwester wird sich diesem Kommunikationsversuch verweigern und sie mehr oder weniger streng ermahnend an ihre Verantwortliche verweisen. Ihre Eltern und Freunde werden schockiert sein. Alle möglichen Ansprechpartner werden sich aber höchstwahrscheinlich an die Leitung des Werkes wenden, in jedem Fall wird ihre Verantwortliche erfahren, dass sie mit Dritten gesprochen hat. Nun ist ihre Verantwortliche alarmiert. Sie reagiert nicht mehr verständnisvoll, sondern irritiert. Ja, sie ist von der Schwester enttäuscht, die so wenig Vertrauen zeigt. Wenn sie nicht lerne, sich an die Grundregeln des Gemeinschaftslebens zu halten (von denen die erste ist, dass man Zweifel nur mit dem persönlichen Verantwortlichen bespricht), dann könne sie auf Dauer nicht im Werk bleiben und man müsse sie wegschicken. Damit setze sie ihre eigene Berufung aufs Spiel, die für sie der einzige Weg zu Gott und damit zum Glück ist. Ob sie denn nicht merkt, dass es der Teufel war, der sie zu diesem Verhalten verführt hat, weil er ihre Gottesbeziehung zerstören will? Alles, was ihre Berufung im Werk gefährdet, zerstört auch ihr Glück. - Solange sie das glaubt, wird sie sich kaum wehren können, im Gegenteil: sie wird erschrocken sein, weil ihr nicht bewusst war, was für einen schrecklichen Fehler sie gemacht hat. In Zukunft wird sie alle Fragen allein mit ihrer Verantwortlichen besprechen. Sie will ihr Lebensglück nicht aufs Spiel setzen.

Die einzige Möglichkeit: das Ganze in Frage zu stellen.


Wie könnte sich jemand im Werk also wehren? Im Grunde besitzt er nur eine einzige Möglichkeit, nämlich die Zurückweisung des gesamten ideologischen Überbaus. Dies stellt einen unmöglichen Kraftakt dar. Jeder hat schließlich einen Grund, aus dem er eingetreten ist. Und je mehr man dafür aufgegeben hat, je mehr gefühlt davon abhängt, dass man diese Berufung hat und sie verwirklichen kann, desto unmöglicher ist es, sie in Frage zu stellen.

Es gibt eine ganze Reihe Mitglieder im Werk, die große Zweifel an der Leitung der Gemeinschaft, an der Kompetenz ihrer persönlichen Verantwortlichen, an der Spiritualität und dem Selbstverständnis des Werkes hegen. Auch wenn die meisten nur kleine Einblicke in die Leidensgeschichten ihrer Mitbrüder und Mitschwestern haben und längst nicht das ganze Ausmaß der Verantwortungslosigkeit ihrer Leitung kennen. Aber kaum einer wird ernsthaft an seiner Berufung und am "Charisma" des Werkes zweifeln. Sie bleiben, weil sie glauben, dass Gott will, dass sie im Werk sind und weil sie hoffen, dass das Werk sich zum Besseren verändern kann.

Dieser Glaube an die eigene Berufung und an das "Charisma" des Werkes ist absolut unangreifbar. Die Frage, ob Gott mich vielleicht zu etwas anderem berufen haben könnte, und mehr noch die Frage, ob das Charisma wirklich "die Antwort Gottes auf die Not unserer Zeit" ist, sind tabu. - Oft auch noch Jahre nach dem Austritt.


Wie schafft man es, zu gehen?


Die Loslösung vom Werk hängt nicht davon ab, dass man zuerst den Glauben an das Werk ganz aufgibt. Das ist - wie oben beschrieben - praktisch unmöglich. Vielmehr sind vom Werk unabhängige Referenzpunkte die Bedingung für eine Loslösung vom Werk. Nur wenn es "da draußen" noch etwas oder jemanden gibt, zu dem das Mitglied Vertrauen fassen kann, kann die ideologische Käseglocke durchbrochen werden und der Einzelne seine Freiheit wiedererlangen.

Solche Referenzpunkte sind in erster Linie Menschen, aber auch Medien und Orte, die als Träger einer "heilsamen Atmosphäre" einen Hintergrund bilden, vor dem das eigene Leben im Werk überhaupt erst als bedrückend erfahren werden kann. Diese Referenzpunkte müssen sich ihrer Rolle für die Emanzipation des Mitgliedes nicht bewusst sein. Es ist sogar besser, wenn sie nicht aktiv versuchen, das Mitglied vom Werk zu lösen (das könnte es als beängstigend empfinden und sich erneut manipuliert fühlen). Es genügt, wenn sie da sind und dem Mitglied ein anderes Lebensgefühl vermitteln. Wichtig ist, dass es selbst Subjekt seiner Befreiung wird, und Ansprechpartner da sind, sobald es selbst beginnt über seine Erfahrungen im Werk und einen möglichen Austritt zu sprechen.

Sobald der Austritt ernsthaft erwogen wird, braucht das Mitglied aktive Unterstützung von außen. Es benötigt eine möglichst sichere und unaufgeregte Umgebung für die allererste Zeit nach dem Austritt und eine gute Alternative für ein "Leben danach", eine berufliche Option, finanzielle Sicherheit und vor allem ein soziales Netz, das es auffangen kann. Ein "guter" und sicherer Ausstieg ermöglicht eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Zeit im Werk, eine relativ rasche Wiederaneignung von sozialen Schlüsselkompetenzen und Selbstsicherheit und den Wiedereinstieg in ein "normales" selbstbestimmtes Leben. Gott sei Dank schaffen auch viele, die diese Hilfe nicht in dem eigentlich benötigten Umfang zu Verfügung haben, diesen Übergang. Wir hoffen aber, dass alle, die den Mut haben, sich aus dem Werk und ähnlichen Gemeinschaften zu befreien, die Hilfe finden, die sie brauchen. Denken Sie dabei auch an Ansprechpartner, die wir auf unserer Linkliste anführen.









Umgang mit Austretenden

Werbick nennt als Merkmal fundamentalistischer Gemeinschaften "Intoleranz gegenüber 'Abweichlern'". Auch für Sekten ist aggressiver Umgang mit Abweichlern und ausscheidenden Mitgliedern typisch. Dazu gehören massiver Druck, der auf austrittswillige Mitglieder ausgeübt wird, das Vorenthalten der Rechte, die Mitgliedern während und nach ihrem Ausscheiden zustehen, der Anspruch der Deutungshoheit über die Motive des ausscheidenden Mitglieds diesem selbst und allen anderen Mitgliedern der Gemeinschaft gegenüber und der Versuch der Kontrolle der ausgeschiedenen Mitglieder auch noch lange Zeit nach deren Austritt, sowie das Kontaktverbot zwischen Ausgetretenen und aktiven Mitgliedern.

Ideologische Grundlegung: der Verrat des Judas
Im Werk ist das alles schon ideologisch grundgelegt. Ein Austritt gilt als die größte Katastrophe, die größtmögliche Untreue eines Mitgliedes und wird als "Abfall" nicht nur vom Werk, sondern von der eigenen Berufung und damit vom Ruf Gottes, d.h. von Gott selbst verstanden. Das zeigt z. B. das Kapitel 11 der Konstitutionen "Verlassen und Entlassen". Gleich zu Beginn dieses Kapitels werden die "Verleugnung des Petrus" und der "Verrat des Judas" als Metaphern für das Ausscheiden von Mitgliedern aus dem "Werk" bemüht. Vgl. Kapitel XI - Verlassen und Entlassen
Dementsprechend gestaltet sich auch der Umgang mit austrittswilligen, austretenden und ausgetretenen Mitgliedern:

Wer austritt ist selbst schuld
Sobald ein Mitglied spürbar auf Distanz zur Ideologie der Gemeinschaft geht, wird es z. T. massiv unter Druck gesetzt. Dies ist selbst dann der Fall, wenn die Gemeinschaft selbst auf das Ausscheiden des Mitgliedes hinwirkt. Bspw. werden mitunter Mitglieder, die zu krank sind, um zu arbeiten, aus der Gemeinschaft hinausgedrängt, nicht aber, ohne ihnen einzuschärfen, dass sie selbst die Schuld daran trügen, dass sie der Berufung nicht würdig seien oder ihre Berufung verspielt hätten, dass sie nicht fest genug an die Berufungsgnade geglaubt hätten und darum krank geworden seien etc. Dem ausscheidenden Mitglied wird klar gemacht, dass es außerhalb der Gemeinschaft nicht mehr glücklich werden könnte, dass es nun ohne die Bündnisgnade leben müsse usw. Dass die Verantwortlichen weiterhin den Kontakt zum ausgetretenen Mitglied halten wollen wird als großzügige Geste dargestellt, tatsächlich ist es der Versuch die möglichst weitgehende Kontrolle auch über ausgetretene Mitglieder zu behalten.

Erzwungener Verzicht auf alle Ansprüche gegenüber dem Werk
Sobald der Entschluss zum Austritt feststeht, wird dem Mitglied ein Dokument zur Unterschrift vorgelegt, in dem es heißt, dass es von nun an keinerlei Ansprüche mehr gegenüber dem Werk habe und zwar "insbesondere vertraglicher, rechtlicher, assikurativer oder finanzieller Art". Das Mitglied kennt seine Rechte zu diesem Zeitpunkt nicht, es kennt nicht einmal das 11. Kapitel der Konstitutionen. Dazu ist es extrem zermürbt von den vorangehenden oft tagelangen Gesprächen und seinen eigenen Skrupeln. Es kann niemanden um Rat fragen und hat nur noch einen Wunsch: so schnell wie möglich das Werk zu verlassen. Also unterschreibt das Mitglied.

Lächerliche Summe und Schweigegeld
In der Regel wird dem ausscheidenden Mitglied sogar ein Geldbetrag mitgegeben, der aber lächerlich gering ist und kaum die Lebenshaltungskosten für mehr als einen Monat decken kann. Mehr "Glück" haben allenfalls Mitglieder, die aufgrund ihrer Erlebnisse in der Gemeinschaft (Missbrauch, Medikamentenmissbrauch, Vorenthaltung ärztlicher Hilfe mit daraus resultierenden bleibenden Gesundheitsschäden) eine potenzielle Gefahr für das Werk darstellen: sie erhalten u. U. einen Zusatzbetrag, der im vierstelligen Bereich liegen kann: ein Schweigegeld.

Kein Austrittsindult
Im Kapitel 11 der Konstitutionen (vgl. Link oben) heißt es, dass das Ausscheiden von Mitgliedern mit "zeitlichen Gelübden" gemäß dem "Eigenrecht" geregelt wird. Dieses Eigenrecht - falls es überhaupt schon geschrieben ist - kennt aber kein Mitglied. Ein Indult, also eine Entlassungsurkunde, wie sie vom Kirchenrecht vorgesehen ist, steht nur Mitgliedern mit "ewigen Gelübden" zu. Das Werk lässt aber, entgegen kirchenrechtlicher Regelung, nur in Ausnahmefällen und nach sehr langer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, Mitglieder zu den ewigen Gelübden, d.h. zum "ewigen Hl. Bündnis" zu. So scheiden selbst Mitglieder, die mehr als 10 Jahre zum Werk gehört haben ohne Indult aus, also ohne jemals de iure Mitglieder des Werkes gewesen zu sein und werden gemäß einem vom Werk selbst geschriebenen Eigenrecht behandelt, das sie nie zu Gesicht bekommen.

Keine Nachzahlung von Pensionsbeiträgen
Konsequent vorenthalten wird Ex-Mitgliedern des Werkes die gesetzlich vorgeschriebene Nachzahlung von Pensionsbeiträgen. Institute des geweihten Lebens müssen in den meisten europäischen Ländern wie Deutschland, Österreich und Italien nicht in die Rentenversicherung einzahlen, da sie sich selbst um ihre Mitglieder im Pensionsalter kümmern. Dafür sind sie aber gesetzlich verpflichtet ausscheidende Mitglieder nachzuversichern. Die dadurch entstehenden Kosten sind allerdings sehr hoch, insbesondere für Mitglieder, die 10 Jahre und mehr in der Gemeinschaft waren. Angesichts der gesetzlichen Vorschrift, der ohnehin unsicheren Renten und der Schwierigkeit nach dem Austritt (oft ohne nennenswerte Ausbildung, die man im Werk nicht erhält) einen Arbeitsvertrag mit einigermaßen einträglichem Lohn zu finden, ist das Vorenthalten dieser Nachzahlungen ein Verbrechen.

Die Deutungshoheit über den Austritt liegt bei den Verantwortlichen
Nach dem Austritt des Mitgliedes erfinden die Verantwortlichen eine Austritts-Legende, die sie den anderen Mitgliedern jeweils in vier-Augen-Gesprächen erzählen. Diese handelt immer davon, dass das betreffende Mitglied selbst schuld an seinem "Scheitern" sei. Von evtl. Missbrauch, Krankheiten, berechtigten Zweifeln und dem Versagen der Verantwortlichen ist keine Rede. Mal heißt es, er oder sie habe Schwierigkeiten mit einem der ev. Räte gehabt oder habe das "Charisma" nicht "in seiner Tiefe" verstanden, mal heißt es, er oder sie sei nicht bereit gewesen, sich von der Eigenliebe, vom Stolz oder sonst etwas zu bekehren. Manches mal heißt es auch, jemand sei einfach nicht "reif" genug gewesen. In jedem Fall aber ist allen Mitgliedern der Kontakt zu den Ausgetretenen verboten. Das gilt selbst dann, wenn es sich um leibliche Geschwister handelt.

Das Werk verfolgt Ex-Mitglieder
Auch wer ausgetreten ist, wird weiterhin von seinen ehemaligen Verantwortlichen kontaktiert und verfolgt. Das kann in einzelnen Fällen bis hin zum Stalking gehen, sodass Ex-Mitglieder schon polizeiliche Hausverbote für bestimmte Personen erwirken mussten, um sich von ihnen zu befreien. Das Werk will möglichst viel über seine ehemaligen Mitglieder wissen. Verantwortliche melden sich bei Ex-Mitgliedern oder deren Verwandten und Freunden und zeigen sich besorgt und anteilnehmend am weiteren Schicksal ihrer ehemaligen Mitglieder, eine Geste, die angesichts des vorausgegangenen psychischen Drucks und der vorenthaltenen Rechte zynisch wirkt und sich als Heuchelei entlarvt. Das Werk tut sehr viel, um sicherzustellen, dass Ex-Mitglieder der Gemeinschaft nicht gefährlich werden können. Sie schrecken auch vor der offenen Verleumdung von einzelnen ehemaligen Mitgliedern, die ihnen besonders gefährlich werden könnten, nicht zurück, sie verleumden also gerade ihre größten Opfer, weil deren Geschichten am meisten Sprengstoff in sich tragen. Bis vor Kurzem hat das Werk damit erfolgreich verhindern können, dass Geschichten seiner Ex-Mitglieder an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn das dennoch einmal geschehen ist, wie Mitte der 90er in Belgien, hat es sich zum Opfer einer "Verfolgungswelle" stilisiert.