Was will dieser Blog?

Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.
Posts mit dem Label Fundamentalismus - bedenkliche Tendenzen im Werk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
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Missbrauch der Beichte

Jedem, der den Umgang mit dem Sakrament der Versöhnung im Werk und die Bestimmungen des kirchlichen Gesetzbuches über dieses Sakrament kennt, werden sofort eine Reihe von Missbräuchen auffallen, die im "Werk" Tradition haben.

Keine freie Wahl

Mitglieder des "Werkes" haben keine freie Wahl.

  • Sie können ihren Beichtvater nicht selbst wählen, denn der wird ihnen in aller Regel zugewiesen, meistens handelt es sich dabei um Mitbrüder in leitender Verantwortung.  
  • Sie können vor allem ihren geistlichen Begleiter nicht frei wählen, denn das ist in aller Regel der oder die persönliche Verantwortliche. Bei Novizen und Novizinnen ist es der Novizenmeister oder die Novizenmeisterin. Persönliche geistliche Gespräche mit Außenstehenden oder anderen Mitgliedern sind tabu.
  • Sie können den Zeitpunkt der Beichte nicht selbst wählen, weil eine monatliche Beichte vorgeschrieben ist.
  • Im Grunde können sie auch ihr Bekenntnis nicht frei formulieren, weil die Gewissenserforschung nicht frei geschieht, sondern durch Vorträge und persönliche Gespräche von außen gesteuert und inhaltlich vorgegeben wird.

Dagegen heißt es in Can. 630 §1: "Die Oberen haben den Mitgliedern die gebührende Freiheit zu lassen in bezug auf das Bußsakrament und die geistliche Führung, jedoch unter Wahrung der Ordnung des Instituts." 
Und in Can 985: "Der Novizenmeister und sein Gehilfe sowie der Rektor eines Seminars oder einer anderen Erziehungseinrichtung dürfen sakramentale Beichten ihrer Alumnen, die sich im selben Haus aufhalten, nur hören, wenn die Alumnen in Einzelfällen von sich aus darum bitten."

Zwang zur Gewissenseröffnung


  • Jedes Mitglied des Werkes ist seinen Oberen zur Gewissenseröffnung verpflichtet. Es muss seinem Verantwortlichen, das ist die Person, die die äußere Leitung über dieses Mitglied inne hat (zuweilen ist das zugleich der Beichtvater), regelmäßig in Gesprächen sowie schriftlich das eigene Gewissen eröffnen. In der Regel finden wöchentlich solche Gespräche statt. Schriftliche Berichte sind monatlich fällig. 
  • Es gibt nichts, was ein Mitglied seinem Verantwortlichen verschweigen darf

Mit dieser Praxis verstößt das Werk gegen eine grundlegende Norm des CIC, nämlich der Trennung von forum internum und forum externum, die bspw. von folgenden Canones gefordert wird:
Die Mitglieder sollen sich vertrauensvoll an ihre Oberen wenden, denen sie sich frei und von sich aus eröffnen können. Den Oberen ist es aber untersagt, sie auf irgendeine Weise anzuhalten, ihnen das Gewissen zu eröffnen. (can. 630 §5). 
Zur Wahrung des Geheimnisses sind auch alle anderen verpflichtet, die auf irgendeine Weise aus der Beichte zur Kenntnis von Sünden gelangt sind (Can. 983 § 2)Wer eine leitende Stellung einnimmt, darf die Kenntnis von Sünden, die er zu irgendeiner Zeit aus der Entgegennahme einer Beichte erlangte, auf keine Weise bei der äußeren Leitung gebrauchen. (Can. 984 § 2)  

Indiskreter Umgang mit Beichtmaterie und Gewissensdingen

  • Beichtanekdoten. In Vorträgen vor der Gemeinschaft erzählen Verantwortliche regelmäßig aus den Beichten "eines Mitbruders" oder "einer Mitschwester", wobei es in einer kleinen Gemeinschaft wie dem Werk sehr leicht ist, zu erraten, um wen es sich im genannten Beispiel jeweils handelt.
  • Alles, was der Einzelne mündlich oder schriftlich mitteilt, wird weitergereicht. Gewissensdinge des einzelnen Mitglieds werden ohne sein Wissen von seinem Verantwortlichen mit seinem Beichtvater besprochen. Kenntnisse aus der geistlichen Begleitung und der Beichte werden unter den Verantwortlichen der Priester- und Schwesterngemeinschaft sowie unter den verschiedenen Leitungsebenen ausgetauscht, dokumentiert, kommentiert und archiviert. 
  • Gewissenseröffnungen dienen als Grundlage für Entscheidungen in der äußeren Leitung.  In diese Entscheidungen werden Beichtväter grundsätzlich einbezogen.
Dagegen heißt es in Can. 983 § 1: "Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten."Und in Can 984 §1: "Ein Gebrauch des aus der Beichte gewonnenen Wissens, der für den Pönitenten belastend wäre, ist dem Beichtvater streng verboten."
Außerdem: Wer eine leitende Stellung einnimmt, darf die Kenntnis von Sünden, die er zu irgendeiner Zeit aus der Entgegennahme einer Beichte erlangte, auf keine Weise bei der äußeren Leitung gebrauchen. (Can. 984 § 2)  

Vorwürfe nicht widerlegt


Mitglieder des Werkes äußerten sich in Stellungnahmen wiederholt dahingehend, dass die gegen sie erhobenen Vorwürfe nicht den Tatsachen entsprächen. Tatsächlich haben sie aber keinen einzigen gegen sie erhobenen Vorwurf wiederlegt. Auf die meisten Vorwürfe sind sie öffentlich nicht einmal eingegangen. Es gibt daher keinen Anlass, die Vorwürfe als widerlegt anzusehen. Niemand sollte sich von allgemeinen Aussagen wie der obigen überzeugen lassen, sondern lieber folgende Fragen stellen:


  1. Stimmt es, dass Mitglieder des Werkes ihren Beichtvater und ihre geistliche Begleitung nicht frei wählen dürfen/durften?
  2. Stimmt es, dass Forum Internum und Forum Externum in der Regel nicht getrennt werden/wurden?
  3. Stimmt es, dass Mitglieder wöchentliche, monatliche und jährliche Berichte über ihre Gedanken und Gefühle schreiben müssen/mussten?
  4. Stimmt es, dass die Gewissensberichte der Mitglieder unter den Verantwortlichen weitergereicht werden/wurden?
  5. Stimmt es, dass Mitglieder keinen persönlichen Kontakt untereinander haben dürfen, dass Freundschaften verboten sind/waren und ggf. geahndet werden?
  6. Stimmt es, dass neu Eingetretene den Kontakt zu ihren Eltern, Familien und Freunden stark einschränken und von den Verantwortlichen kontrollieren lassen müssen/mussten?
  7. Stimmt es, dass Das Werk gezielt ältere vermögende Menschen umgarnt und Erbschleicherei betreibt/betrieben hat?
  8. Stimmt es, dass Das Werk kranke und schwerkranke Mitglieder im Stich gelassen, unzureichend versorgt und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hat?
  9. Stimmt es, dass das „Heilige Bündnis“, das formal nicht mehr als eine Frömmigkeitsübung oder ein privates Versprechen darstellt, im „Werk“ einen höheren Stellenwert einnimmt als ein Sakrament und dass den Mitgliedern weisgemacht wird, sie wären damit einer ganz besonderen Gnade teilhaftig, die sie in besonderer Weise verpflichtet?
  10. Stimmt es, dass Mitglieder keinen freien Zugang zu den Schriften der Gründerin und zum Eigenrecht des „Werkes“ haben/hatten?
  11. Stimmt es, dass es im Werk geheime Texte, Rituale und andere Praktiken gibt/gab? Stimmt es bspw. dass der Text Die Kirche in der Not unserer Zeit von Verhaeghe stammt?
  12. Stimmt es, dass Das Werk an eine Verfolgung der Kirche durch die Freimaurer, das internationale Judentum, den Islam, das Gendermainstreaming oder andere Gruppen glaubt/geglaubt hat?
  13. Stimmt es, dass die allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Werk abgelehnt wird/wurde?
  14. Stimmt es, dass die Spiritualität des Werkes eine Spiritualität der Leidensverherrlichung und Erziehung zur bedingungslosen Unterordnung unter den Willen der Verantwortlichen ist/war? Stimmt es, dass es für Mitglieder innerhalb der Spiritualität des Werkes keine legitime Berufung auf eigene Bedürfnisse mehr gibt/gab?
  15. Stimmt es, dass im Werk die Ansicht verbreitet wird/wurde, Frauen trügen für sexuelle Übergriffe ihnen gegenüber eine Mitverantwortung?


Alle (Ex-)Mitglieder des Werkes ahnen, warum niemand öffentlich zu diesen konkreten Vorwürfen Stellung nimmt. Sie können ohne Lügen nicht verneint werden. Sie lassen sich aber auch nicht als Missverständnisse bagatellisieren. Es handelt sich um ernste und allarmierende Missstände, insbesondere die Vermischung von Forum Internum und Forum Externum und der Umgang mit den Gewissen der Mitglieder ist jenseits jeder möglichen Verharmlosung oder Relativierung, etwa als „jugendlicher Leichtsinn“ der Leitung.


Der soziale Abgott (Die Kirche in der Not unserer Zeit)

Wie der "Quälteufel" ist auch dieser Text Verhaeghes (Die Kirche in der Not unserer Zeit) streng geheim. Die wenigsten Mitglieder bekommen ihn überhaupt zu lesen. Dennoch werden alle im Geist dieses Textes "geformt". 

Der Humanismus und seine Ideale werden als die größte und gefährlichste Versuchung des Glaubens betrachtet, der durch eine Art Weltverschwörung überall verbreitet wird und der auch die Kirche vor allem im 20. Jh. weithin erlegen ist. Daher hätte sie sich schon weit von Gott und dem "wahren Glauben" entfernt und steht an der Schwelle zur Satansanbetung. Kirche und Welt befinden sich im Todeskampf. Die Mitglieder des Werkes sind auserwählt, ihr in dieser Situation beizustehen.

Das Werk sieht seine Aufgabe darin, die Kirche und den katholischen Glauben vom Humanismus zu reinigen. Nicht Mitmenschlichkeit, soziales Denken und Handeln fordert der christliche Glaube von uns, sondern das Handeln nach Gottes Willen. Übereinstimmungen zwischen beidem sind allenfalls zufällig. Wenn der Wille Gottes (der sich durch die Leitung der Kirche und des Werkes kundtut) verlangt gegen menschliches Mitgefühl zu handeln ist ihm unbedingt Folge zu leisten.

Dieser Maxime liegt offensichtlich ein un-menschliches Gottesbild zugrunde. Durch die Gleichsetzung des "Willens Gottes" mit dem der Oberen wird sie zusätzlich brisant: Mitleid mit anderen erscheint als "soziale Abgötterei" und eine Berufung auf das eigene Gewissen als ein Indiz dafür, dass man vom "humanistischen Glaubensverfall" infiziert ist. Grausames Handeln gegenüber Mitmenschen kann religiös gerechtfertigt werden, ja als gottgewollt erscheinen. Eine Maxime, die sich zerstörerisch auf jede Art von sozialem Zusammenleben auswirken muss, umso mehr auf das in einem hierarchisch strukturierten Institut.

Dass dieser Text Das Werk angreifbar macht, ist der Leitung der Gemeinschaft durchaus bewusst. Deswegen hält sie ihn vor dem Großteil ihrer eigenen Mitglieder zurück, damit er nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

[Im Folgenden veröffentlichen wir uns vorliegende Ausschnitte aus: Das Werk in der Not unserer Zeit. Hervorhebungen stammen von uns]


O ewiges Licht, bleibe bei uns, denn es ist dunkel geworden und Nacht herrscht auf dieser Welt. Wir leben als Berufene in dieser Zeit, um des göttlichen Erbarmens willen werden wir aufgefordert, am Todeskampf Deiner heiligen Kirche teilzunehmen im Jetzt, Hier und Heute. Du selbst hast im Charisma, das Du ins Leben gerufen und dem Du die Ausrichtung gegeben hast, die Art und Weise dieser Teilhabe bestimmt. Mögen wir stets in Treue zu Dir befunden werden, der Du uns gegeben bist. Du hast uns ohne eigenes Verdienst Deine unendliche Barmherzigkeit geoffenbart durch dieses ewige Licht, das Du, Herr, selber bist und das Du durch Dein Kommen auf Erden hast aufleuchten lassen. Amen. [WNZ 7f]

Inmitten unserer Welt von Verbündeten, nicht nur in Sachen Krieg, sondern auch auf geistiger, wissenschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Ebene, bleibt es ein Gnadenstrahl Gottes, daß wir aufgerufen sind, aus einer Mentalität, die nur auf dem Humanen gründet, herauszutreten. Darum habe ich diesen 'sozialen Gott' auch den 'humanistischen Gott' genannt. Es sind zwei Namen für ein- und denselben Abgott, für dieselbe teuflische Inspiration, welche die Kirche und den Glauben zu schwächen und die Geister zu verfinstern trachtet. [...]
'Sie vertauschten die Herrlichkeit des unverfänglichen Gottes mit dem Abbild der Gestalt von vergänglichen Menschen, von Vögeln, Vierfüßlern und Gewürm (Röm 1,23)'. Dieses 'Abbild der Gestalt von vergänglichen Menschen', worüber der heilige Paulus spricht, ist für viele in unseren Tagen der Mensch selbst geworden: sie beten sich selbst an, ihren eigenen Intellekt und Verstand, die Mitmenschen oder die Mitmenschlichkeit. Obwohl dies alles begründet zu sein scheint, ist es ein großer Irrtum, der Geist und Herz der Menschen verfinstert und gefangen hält und dem einzig wahren Gott die Huldigung stiehlt. Es ist die sublimste Form der Abgötterei und die letzte Brücke zur Anbetung Satans selbst. [WNZ 31f]

Auf vielen Ebenen wird bewußt oder unbewußt an einer 'neuen Weltordnung' und 'Welteinheit' mitgearbeitet, die weder die von Gott gedachte, noch die von ihm gewollte Weltordnung ist. Sie entspringt diesem sozialen und humanistischen Abgott, der auf sublime Weise die Menschen betrügt und durch Lügen in Verwirrung bringt. So stellen sie das 'Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit' über die 'Einheit in der Wahrheit', die von Gott für alle Völker und Zeiten in Christus Jesus geoffenbart wurde, der am Höhepunkt der Menschheitsgeschichte gekommen ist. [WNZ 32f]






Absterben

Viele Texte Verhaeghes dokumentieren ihr dualistisches Welt- und Menschenbild. Sie unterscheidet zwischen dem "rein Menschlichen" und dem "Übernatürlichen". Nur Letzteres führt zu Gott, alles Menschliche dagegen führt von Gott weg, ja mehr noch: es wird zum Einfallstor des Teufels.

Der folgende "Brief von Mutter Julia an eine Mitschwester von 1946 oder 1947", der bis heute als "Betrachtungstext" für die Mitglieder der Gemeinschaft verwendet wird, veranschaulicht diese Maxime mit einer erschreckenden Detailliertheit. Was bleibt von einem Menschen übrig, der diese Anweisungen befolgt? Wer sich selbst derart abgestorben ist wird dadurch Gott nicht näher kommen. Er wird vielmehr zu einem willenlosen Werkzeug in der Hand Verhaghes bzw. ihrer Nachfolger(innen). Die "Liebe", die das Ergebnis einer solchen Abtötung ist, verdient den Namen nicht.

[Unterstreichungen und Fettdruck wie im Original]


Aus einem Brief von Mutter Julia an eine Mitschwester von 1946 oder 1947

Die Sinne sind: das Gehör, das Sehvermögen, der Geschmack, das Gefühl.

* Stirb Deinem Gehör ab im Hinblick auf den Genuss von Lob und Schmeichelei, sowie im Hinblick auf das Hören von Gesang, Musik und nutzlosen oder banalen Gesprächen.

* Stirb Deinem Sehvermögen ab im Hinblick auf die Befriedigung der Neugier sowie im Anschauen oder Betrachten von Menschen und Dingen, ebenso beim Lesen von Schriften und Büchern, Plakaten, Zeitungen, Zeitschriften u.s.w.

* Stirb Deinem Geschmacksempfinden ab in der Lust an Speise und Trank (Ernährung), in der Kleidung aus geschmacklichen und ästhetischen Gründen, in [der Empfindlichkeit für] angenehme und unangenehme Düfte oder Gerüche

* Stirb Deinem Gefühl ab in allen Neigungen zu Frohsinn und Trübsal, in Schmerz und Qual, in Beifall oder Widerstand, in körperlichem, materiellem oder geistigem bzw. geistlichem Besitz oder Empfinden.

Ich glaube, hiermit genügend Dinge zur Abtötung der sinnlichen Neigungen angeführt zu haben. Strebe mit Großmut danach, Dich abzutöten oder freizumachen von diesen sinnlichen Neigungen, damit Du, ganz losgelöst von Dir selbst und an Dir selbst, eifrig werden kannst, Gottes Gegenwart zu empfangen und in Dir zu tragen. Vollziehe das Absterben und die Loslösung an Dir selbst, nicht an anderen. Indem Deine Abtötung stärker an Gott und auf Gott hin ausgerichtet ist, wird Deine Selbstanforderung und Selbstzucht zu einer guten, milden und weitherzigen Zuvorkommenheit für den Mitmenschen und Mitbruder aufblühen. Dadurch wirst Du tugendhaft werden im Üben der Liebe.





Umgang mit Austretenden

Werbick nennt als Merkmal fundamentalistischer Gemeinschaften "Intoleranz gegenüber 'Abweichlern'". Auch für Sekten ist aggressiver Umgang mit Abweichlern und ausscheidenden Mitgliedern typisch. Dazu gehören massiver Druck, der auf austrittswillige Mitglieder ausgeübt wird, das Vorenthalten der Rechte, die Mitgliedern während und nach ihrem Ausscheiden zustehen, der Anspruch der Deutungshoheit über die Motive des ausscheidenden Mitglieds diesem selbst und allen anderen Mitgliedern der Gemeinschaft gegenüber und der Versuch der Kontrolle der ausgeschiedenen Mitglieder auch noch lange Zeit nach deren Austritt, sowie das Kontaktverbot zwischen Ausgetretenen und aktiven Mitgliedern.

Ideologische Grundlegung: der Verrat des Judas
Im Werk ist das alles schon ideologisch grundgelegt. Ein Austritt gilt als die größte Katastrophe, die größtmögliche Untreue eines Mitgliedes und wird als "Abfall" nicht nur vom Werk, sondern von der eigenen Berufung und damit vom Ruf Gottes, d.h. von Gott selbst verstanden. Das zeigt z. B. das Kapitel 11 der Konstitutionen "Verlassen und Entlassen". Gleich zu Beginn dieses Kapitels werden die "Verleugnung des Petrus" und der "Verrat des Judas" als Metaphern für das Ausscheiden von Mitgliedern aus dem "Werk" bemüht. Vgl. Kapitel XI - Verlassen und Entlassen
Dementsprechend gestaltet sich auch der Umgang mit austrittswilligen, austretenden und ausgetretenen Mitgliedern:

Wer austritt ist selbst schuld
Sobald ein Mitglied spürbar auf Distanz zur Ideologie der Gemeinschaft geht, wird es z. T. massiv unter Druck gesetzt. Dies ist selbst dann der Fall, wenn die Gemeinschaft selbst auf das Ausscheiden des Mitgliedes hinwirkt. Bspw. werden mitunter Mitglieder, die zu krank sind, um zu arbeiten, aus der Gemeinschaft hinausgedrängt, nicht aber, ohne ihnen einzuschärfen, dass sie selbst die Schuld daran trügen, dass sie der Berufung nicht würdig seien oder ihre Berufung verspielt hätten, dass sie nicht fest genug an die Berufungsgnade geglaubt hätten und darum krank geworden seien etc. Dem ausscheidenden Mitglied wird klar gemacht, dass es außerhalb der Gemeinschaft nicht mehr glücklich werden könnte, dass es nun ohne die Bündnisgnade leben müsse usw. Dass die Verantwortlichen weiterhin den Kontakt zum ausgetretenen Mitglied halten wollen wird als großzügige Geste dargestellt, tatsächlich ist es der Versuch die möglichst weitgehende Kontrolle auch über ausgetretene Mitglieder zu behalten.

Erzwungener Verzicht auf alle Ansprüche gegenüber dem Werk
Sobald der Entschluss zum Austritt feststeht, wird dem Mitglied ein Dokument zur Unterschrift vorgelegt, in dem es heißt, dass es von nun an keinerlei Ansprüche mehr gegenüber dem Werk habe und zwar "insbesondere vertraglicher, rechtlicher, assikurativer oder finanzieller Art". Das Mitglied kennt seine Rechte zu diesem Zeitpunkt nicht, es kennt nicht einmal das 11. Kapitel der Konstitutionen. Dazu ist es extrem zermürbt von den vorangehenden oft tagelangen Gesprächen und seinen eigenen Skrupeln. Es kann niemanden um Rat fragen und hat nur noch einen Wunsch: so schnell wie möglich das Werk zu verlassen. Also unterschreibt das Mitglied.

Lächerliche Summe und Schweigegeld
In der Regel wird dem ausscheidenden Mitglied sogar ein Geldbetrag mitgegeben, der aber lächerlich gering ist und kaum die Lebenshaltungskosten für mehr als einen Monat decken kann. Mehr "Glück" haben allenfalls Mitglieder, die aufgrund ihrer Erlebnisse in der Gemeinschaft (Missbrauch, Medikamentenmissbrauch, Vorenthaltung ärztlicher Hilfe mit daraus resultierenden bleibenden Gesundheitsschäden) eine potenzielle Gefahr für das Werk darstellen: sie erhalten u. U. einen Zusatzbetrag, der im vierstelligen Bereich liegen kann: ein Schweigegeld.

Kein Austrittsindult
Im Kapitel 11 der Konstitutionen (vgl. Link oben) heißt es, dass das Ausscheiden von Mitgliedern mit "zeitlichen Gelübden" gemäß dem "Eigenrecht" geregelt wird. Dieses Eigenrecht - falls es überhaupt schon geschrieben ist - kennt aber kein Mitglied. Ein Indult, also eine Entlassungsurkunde, wie sie vom Kirchenrecht vorgesehen ist, steht nur Mitgliedern mit "ewigen Gelübden" zu. Das Werk lässt aber, entgegen kirchenrechtlicher Regelung, nur in Ausnahmefällen und nach sehr langer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, Mitglieder zu den ewigen Gelübden, d.h. zum "ewigen Hl. Bündnis" zu. So scheiden selbst Mitglieder, die mehr als 10 Jahre zum Werk gehört haben ohne Indult aus, also ohne jemals de iure Mitglieder des Werkes gewesen zu sein und werden gemäß einem vom Werk selbst geschriebenen Eigenrecht behandelt, das sie nie zu Gesicht bekommen.

Keine Nachzahlung von Pensionsbeiträgen
Konsequent vorenthalten wird Ex-Mitgliedern des Werkes die gesetzlich vorgeschriebene Nachzahlung von Pensionsbeiträgen. Institute des geweihten Lebens müssen in den meisten europäischen Ländern wie Deutschland, Österreich und Italien nicht in die Rentenversicherung einzahlen, da sie sich selbst um ihre Mitglieder im Pensionsalter kümmern. Dafür sind sie aber gesetzlich verpflichtet ausscheidende Mitglieder nachzuversichern. Die dadurch entstehenden Kosten sind allerdings sehr hoch, insbesondere für Mitglieder, die 10 Jahre und mehr in der Gemeinschaft waren. Angesichts der gesetzlichen Vorschrift, der ohnehin unsicheren Renten und der Schwierigkeit nach dem Austritt (oft ohne nennenswerte Ausbildung, die man im Werk nicht erhält) einen Arbeitsvertrag mit einigermaßen einträglichem Lohn zu finden, ist das Vorenthalten dieser Nachzahlungen ein Verbrechen.

Die Deutungshoheit über den Austritt liegt bei den Verantwortlichen
Nach dem Austritt des Mitgliedes erfinden die Verantwortlichen eine Austritts-Legende, die sie den anderen Mitgliedern jeweils in vier-Augen-Gesprächen erzählen. Diese handelt immer davon, dass das betreffende Mitglied selbst schuld an seinem "Scheitern" sei. Von evtl. Missbrauch, Krankheiten, berechtigten Zweifeln und dem Versagen der Verantwortlichen ist keine Rede. Mal heißt es, er oder sie habe Schwierigkeiten mit einem der ev. Räte gehabt oder habe das "Charisma" nicht "in seiner Tiefe" verstanden, mal heißt es, er oder sie sei nicht bereit gewesen, sich von der Eigenliebe, vom Stolz oder sonst etwas zu bekehren. Manches mal heißt es auch, jemand sei einfach nicht "reif" genug gewesen. In jedem Fall aber ist allen Mitgliedern der Kontakt zu den Ausgetretenen verboten. Das gilt selbst dann, wenn es sich um leibliche Geschwister handelt.

Das Werk verfolgt Ex-Mitglieder
Auch wer ausgetreten ist, wird weiterhin von seinen ehemaligen Verantwortlichen kontaktiert und verfolgt. Das kann in einzelnen Fällen bis hin zum Stalking gehen, sodass Ex-Mitglieder schon polizeiliche Hausverbote für bestimmte Personen erwirken mussten, um sich von ihnen zu befreien. Das Werk will möglichst viel über seine ehemaligen Mitglieder wissen. Verantwortliche melden sich bei Ex-Mitgliedern oder deren Verwandten und Freunden und zeigen sich besorgt und anteilnehmend am weiteren Schicksal ihrer ehemaligen Mitglieder, eine Geste, die angesichts des vorausgegangenen psychischen Drucks und der vorenthaltenen Rechte zynisch wirkt und sich als Heuchelei entlarvt. Das Werk tut sehr viel, um sicherzustellen, dass Ex-Mitglieder der Gemeinschaft nicht gefährlich werden können. Sie schrecken auch vor der offenen Verleumdung von einzelnen ehemaligen Mitgliedern, die ihnen besonders gefährlich werden könnten, nicht zurück, sie verleumden also gerade ihre größten Opfer, weil deren Geschichten am meisten Sprengstoff in sich tragen. Bis vor Kurzem hat das Werk damit erfolgreich verhindern können, dass Geschichten seiner Ex-Mitglieder an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn das dennoch einmal geschehen ist, wie Mitte der 90er in Belgien, hat es sich zum Opfer einer "Verfolgungswelle" stilisiert.


Festungsdenken und Kriegsmetaphorik


Hintergrund: Der heilige Krieg

Festungsdenken und Kriegsmetaphorik sind nach Beinert Merkmale fundamentalistischer Gruppen. Beides hängt eng zusammen, ist die Festung doch selbst ein aus kriegsstrategischen Gründen errichtetes Gebäude. Der Hintergrund beider Merkmale ist die vermeintliche ständige Bedrohung, der fundamentalistische Gruppen sich ausgesetzt sehen und die selbst einen guten Teil ihrer Gruppen-Identität ausmacht bzw. zur Radikalisierung der Gruppe führt. Die Bedrohung wird dabei meist als übermächtig empfunden. Das heißt, sie hat entweder übermenschlichen (dämonischen) Charakter oder sie geht von der überwältigenden Mehrheit der Weltbevölkerung aus - oder beides zugleich: ein übermenschliches dämonisches Wesen hat den Großteil der Menschheit im Griff und möchte sich auch des "kleinen Restes" der betreffenden Gruppe bemächtigen. Diese sieht sich also im Krieg gegen eine Übermacht, die sie nur durch eiserne Disziplin, unermüdlichen Kampf und den Zugang zu verborgenen Kraftquellen oder ähnlichem besiegen kann.

Eine solche Weltsicht hat destruktive Auswirkungen auf die Psyche der Mitglieder, sie kann dazu führen, dass die Gruppe sich nicht mehr an Recht und Gesetz gebunden fühlt und dass sie vor Gewaltanwendung nicht zurückscheut.


Festungsdenken und Kriegsmetaphorik im Werk

Verhaeghe war geprägt vom Bewusstsein, dass Das Werk im Kampf zwischen Gut und Böse (s. Dualismus) eine entscheidende Rolle spielt. Ihre Sprache ist oft von Kriegsmetaphorik durchzogen. Auf sie zurückgehende Axiome dieser Art prägen bis heute das alltägliche Leben, Denken und Handeln im Werk. Nur zwei Beispiele dafür:

Zur Kriegsmetaphorik

Fais donner la garde! Verhaeghe hat diesen Spruch wohl einer Szene in einem Buch entnommen: In dem Moment, in dem das Leben des Königs auf dem Spiel steht, ruft er diesen Satz aus: die Leibgarde des Königs wird zum Einsatz gebracht, um ihn zu schützen. Das Werk war in den Augen Verhaeghes eine solche Leibgarde für die Sache des Königs, also für Christus und alles, was sie mit ihm verbunden hat: seine Kirche, seine Wahrheit, usw. dort, wo Christus selbst angegriffen würde, sollte Das Werk wie seine Leibgarde agieren, um ihn zu verteidigen und für ihn zu kämpfen. Der Spruch ist auf Karten gedruckt und in allen Zentren des Werkes verbreitet worden. Auch wenn er heute weniger verbreitet ist, als noch zu Lebzeiten Verhaeghes, ist er allen Mitgliedern bekannt. Vor allem ist der darin ausgedrückte Anspruch in der Gemeinschaft lebendig.

Zum Festungsdenken

Die Klostermauern des "geläuterten Gewissens". Auf Verhaeghe geht die Aussage zurück: "ich gebe euch keine anderen Klostermauern als die eures geläuterten Gewissens". Diese Maxime wird vom Werk selbst als höchst fortschrittlich betrachtet: die Mitglieder tragen keine Tracht, sie leben nicht in Klausur, sondern können auch außerhalb der Niederlassungen eingesetzt werden, sodass sie nicht durch Klostermauern vor der Welt "geschützt" werden, sondern durch ihr "geläutertes Gewissen". Tatsächlich offenbart diese Aussage aber ein Festungsdenken, das für das Werk ganz besonders typisch ist. Die Aussage dieses Axioms ist in Wirklichkeit nicht: handelt in der Welt entsprechend eurem Gewissen, sondern: ihr seid in der Welt in permanenter Gefahr und könnt ihr nur entrinnen, wenn ihr euer Gewissen "läutern" lasst, d.h. wenn ihr euer Denken und Wollen vom Werk verändern lasst, wenn ihr denkt und wollt, was das Werk euch sagt, dass ihr denken und wollen sollt. Tut ihr das nicht, seid ihr dem Feind ausgeliefert.


Der allgegenwärtige gute Kampf

Der biblische Begriff des "guten Kampfes" wird im Werk geradezu inflationär gebraucht. Allerdings wird er weder vor dem Hintergrund seines Entstehungskontextes reflektiert noch in seiner Verwendung im Werk hinreichend geklärt, sodass fraglich bleibt, in welchem Sinn diese Metapher vom Werk verstanden wird. Besorgniserregend ist die Häufigkeit und der Kontext, in dem dieser Begriff verwendet wird: Gekämpft wird gegen Satan und seine Werke, gegen "den Feind", gegen die eigenen "Leidenschaften"...  - so scheint die Metapher im Werk ziemlich wörtlich genommen zu werden und im Dienst des dualistischen Welt- und Menschenbildes zu stehen. Die oben geäußerten negativen Folgen eines solchen Denkens, stehen damit auch für das Werk und seine Mitglieder zu befürchten.

Stellen, in denen der "gute Kampf" in den Konstitutionen vorkommt:


Im „Gehorsam des Glaubens“ (Röm 16,26) schenken sie sich Gott, indem sie sich in der Kraft der Gnade Ihm mit Verstand und Willen unterwerfen und seine Offenbarung mit ganzem Herzen annehmen. So wird die Wahrheit Gottes sie immer mehr durchdringen und ihre begrenzten Einsichten und Erkenntnisse auf die eine Wahrheit hin ausrichten. Ihr Leben in der Berufung soll gekennzeichnet sein vom ständigen Bemühen, Grenzen und Schwächen im Glauben zu übersteigen. Dadurch verherrlichen sie Gott und empfange seine übernatürliche Kraft und Weisheit. Im Glauben sollen sie das göttliche Leben zur Entfaltung bringen und im Kampf gegen das Böse siegen (vgl. 1 Joh 5,4).
-  Konst. II,12 
Von Gideon und seinen Mitstreitern lernen sie [die Mitglieder des Werkes], im Kampf gegen den Feind menschliche Ängste im Glauben zu überwinden und ihr Vertrauen mehr auf Gottes Macht und die Einheit untereinander als auf die Anzahl der Kämpfenden zu setzen.
Konst. II,13



Waffen im Kampf gegen Satan – Die Angehörigen des „Werkes“ glauben, dass Christus die Macht Satans am Kreuz überwunden hat (vgl. Joh 12,31) und sie in der Taufe Anteil am Sieg Christi erhalten haben. Im Kampf gegen Satan (vgl. Eph 6,10-13), der danach strebt, sie in der Liebe erkalten zu lassen und von Christus zu trennen, vertrauen sie auf die übernatürlichen Waffen, die ihnen geschenkt sind: die Anbetung des allmächtigen und heiligen Gottes, den Schutz und die Fürsprache Marias, die Hilfe des Erzengels Michael, die drei göttlichen Tugenden, das „Heilige Bündnis“, das Gebet und die Buße, das Wort Gottes, die Sakramente und die Sakramentalien, die Gnade der Einheit mit der Kirche und untereinander sowie den Segen der Priester.
Konst. II,44



Als die Mutter des Sieges ist sie [Maria] ihnen [den Mitgliedern des Werkes] im guten Kampf nahe.
 
Konst. II,52



Sie vertrauen dem Erzengel Michael die Familie des „Werkes“ und die ganze heilige Kirche im Kampf gegen die Macht Satans an.
Konst. VIII,14



Das Sakrament der Firmung befähigt sie [die Mitglieder des Werkes], den guten Kampf zu kämpfen und in der Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis die Treue zu Christus, zu seiner Kirche und zu ihrer Berufung zu bewahren.
 
Konst. VIII,20



„Das Werk“ muss im Geist der Unterscheidung auf die seelischen, geistigen und geistlichen Nöte des „kleinen Restes“ (vgl. Jes 10,21; Röm 11,1-12) hinhören und ihm die Geborgenheit einer geistlichen Familie schenken171. „Es sind damit alle jene gemeint, die in den Zeichen der Zeit treu den guten Kampf um den wahren Glauben kämpfen, die den Glauben an den dreieinigen Gott in ihrem Leben entsprechend der Überlieferung der Apostel und Propheten zu verwirklichen und zu bewahren suchen, sowie alle jene, die sich zu der heiligen Kirche als dem Mystischen Leib Christi, zu ihrer Hierarchie, ihrer Lehre und den Sakramenten in vollem Umfang bekennen“
Konst. IX,25
Wie der Gute Hirt die Herde vor Räubern und Dieben schützt, so sollen die Verantwortlichen den ihnen Anvertrauten beistehen und sie verteidigen, wenn sie Angriffen von außen oder von innen ausgesetzt sind. Sie zeigen ihnen Wege auf, wie sie Uneinigkeit vermeiden sowie in Versuchungen und im Kampf gegen unerlöste Leidenschaften mit Gottes Hilfe siegen können. Zugleich haben sie den Auftrag, ihre geistliche Familie vor Gefahren zu schützen, damit sie nicht die Klage des Propheten Ezechiel trifft: „Ihr seid nicht in die Bresche gesprungen. Ihr habt keine Mauer für das Haus Israel errichtet, damit es am Tag des Herrn im Kampf standhalten kann“ (Ez 13,5).
Konst. X,9
Sie blicken auf Maria und auf den Apostel Johannes, die Jesus Christus bis unter das Kreuz gefolgt sind. Vertrauensvoll erbitten sie deren Fürsprache, damit sie in Stunden der Prüfung nicht schwach oder ihrer Berufung untreu werden. Ihr ganzes Leben lang sollen sie die Tugend gläubiger Wachsamkeit bewahren, damit sie mit Gottes Gnade den guten Kampf bestehen, in der Versuchung standhalten und die ewige Herrlichkeit erlangen.
Konst. XI,1



Da auch die Berufenen im guten Kampf auf dem Weg der Bekehrung die Versuchung erfahren können, zwei Herren zu dienen, ist es ihre Pflicht, „das allzu Menschliche abzulegen und ́Christus anzuziehen`(vgl. Röm 13,14), um miteinander in anbetender Danksagung im Dienst des Herrn zu stehen“ (M.J.V.).

Konst. XI,5


Arkandisziplin - Geheimlehren und -praktiken

Beinert nennt den Begriff der Arkandisziplin als Kennzeichen fundamentalistischer Gemeinschaften.

Arkandisziplin ist eine Art stufenweiser Einweihung der Mitglieder in Lehren und Praxis der Gemeinschaft. Die "Eingeweihten" müssen sich gegenüber "Nicht-Eingeweihten" verschwiegen zeigen. Diese Praxis hängt zusammen mit anderen Merkmalen fundamentalistischer und sektiererischer Gruppen: Eliteanspruch, Auserwählungsbewusstsein, dualistisches Weltbild und starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie geht oft einher mit dem Wahrheitsanspruch der Gemeinschaft, mit der klaren Abgrenzung gegenüber der Umwelt, die nicht in der Lage oder nicht würdig ist, das geheime Wissen der Eingeweihten zu teilen und mit der Furcht vor Verfolgung, sollte das geheime Wissen in die falschen Hände gelangen. Diese Praxis ist kennzeichnend für alle religiösen Geheimkulte, Sekten, für die Freimaurer, aber auch für christliche Gemeinden in der Antike.

Das Werk übt zweifellos eine ausgeprägte Arkandisziplin. Verhaeghe sprach davon, man müsse "das Geheimnis des Königs wahren" (Worte, die sie dem Buch Tobit entnahm: "Es gebührt sich, das Geheimnis eines Königs verborgen zu halten, aber die Werke Gottes mit Rühmen zu verkündigen". Tob 12,7). Noch gängiger ist heute im Werk der Begriff der "Diskretion", der aber dieselbe Funktion hat: er markiert die "Geheimnisse" der Gemeinschaft, vor deren Bekanntwerden sie sich fürchtet und Schaden für ihr Image erwartet (nicht zu unrecht).

Zum Geheimnis des Königs zählt die Spiritualität und die Politik des Werkes. Für beides gibt es eine Art stufenweiser Einweihung. Jedes neue Mitglied wird nach und nach mit den Texten und Praktiken des Werkes vertraut gemacht, und mit jedem neuen "Schritt" wird ihm eingeschärft, dass "wir darüber nicht sprechen", insbesondere nicht "draußen". Sehr vieles fällt in die Kategorie des Geheimen:

- fast alle Texte Verhaeghes. Bis vor wenigen Jahren hatten die meisten Mitglieder nicht einmal Zugang zu den Konstitutionen des Werkes, die Originaltexte Verhaeghes sind nach wie vor unter Verschluss und werden den Mitgliedern nur auszugsweise zu Lesen gegeben. Jedem Mitglied ist klar, dass es die Texte nach dem Lesen zurückgeben muss, und dass sie unter keinen Umständen weitergegeben werden dürfen, vor allem nicht an "Nicht-Eingeweihte". Dasselbe gilt für Gebete, wie etwa die in diesem Blog veröffentlichte Herz-Jesu-Litanei oder die Litanei der Demut.

- die Praktiken des Werkes. Sobald ein Mitglied aufgefordert wird, wöchentliche und monatliche Berichte zu schreiben (das geschieht in der Regel im ersten Jahr, sobald das Mitglied "reif" dafür ist), wird ihm auch gesagt, dass alle das tun, dass wir darüber aber nicht sprechen, auch nicht untereinander, erst recht nicht gegenüber Außenstehenden. Das gilt auch für die "Abrechnung", einem Blatt, auf dem jedes Mitglied seine monatlichen bzw. vierteljährlichen Ausgaben bis auf den Cent genau mit Rechnungen dokumentieren muss. Dasselbe gilt für das Öffnen der Briefe: insbesondere im Noviziat müssen alle Briefe vorgelegt werden - den Eltern oder Bekannten, die diese Briefe geschrieben haben oder empfangen werden, sagt man darüber natürlich kein Wort. Gleiches gilt von der Askese: das Fasten, die Verzichte, die bei Kleidung und Entspannung verlangt werden und das kräfteraubend volle Arbeits- und Gebetsprogramm: das alles ist "Geheimnis des Königs" und unterliegt der "Diskretion".

Zu den Dingen, die "draußen" nicht erzählt, und auch unter den Mitgliedern nur bedingt angesprochen werden dürfen, gehören außerdem:

Die Namen hochrangiger Freunde und Besucher des Werkes: es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass das Werk direkten Zugang zu Benedikt XVI., seinem Sekretär Georg Gänswein und seinem Bruder Georg Ratzinger hatte bzw. noch hat, und damit auch Zugang zu vielen hochrangigen Kurienkardinälen, Erzbischöfen und Prälaten. Das Werk investiert sehr viel Energie in den Aufbau solcher Kontakte, in allen seinen Niederlassungen. Die Mitglieder müssen für die Besuche dieser wichtigen Gäste, die in den Häusern des Werkes ein- und ausgehen, alle Kräfte aufbieten und ein perfektes Bild abgeben, - sie dürfen aber nicht darüber sprechen, sodass auch die Mitglieder aus dem einen Haus nicht erfahren, was im anderen geschieht. Die "gewöhnlichen" Mitglieder erfahren auch nicht, was diese wichtigen Gäste mit den Verantwortlichen des Werkes besprechen.

Finanzen des Werkes: darüber wissen die Mitglieder selbst in der Regel nicht Bescheid. Wer was verdient, wer wie viel Monatsgeld zur Verfügung hat, wofür es ausgegeben wird, wer spendet, woher das Werk sich überhaupt finanziert. Zwar erfahren die Mitglieder hin und wieder wie viel Geld in den Bau oder die Restaurierung dieses oder jenes Hauses investiert wurde (eine Summe, die sich allein in den letzten Jahren auf einige Millionen belief), sie wissen aber nicht, dass sich zugleich die Kosten für die tägliche Ernährung eines Mitgliedes auf nur 1,- Euro belaufen!

Entscheidungen des Rates. In der Regel werden nur banale Entscheidungen allgemein bekannt. Wer mehr weiß, darf darüber nicht sprechen. Es gibt auch Entscheidungen, die zwar alle betreffen, aber draußen nicht bekannt werden dürfen.

Ausgetretene Mitglieder. Wenn ein Mitglied die Gemeinschaft verlässt oder verlassen muss, wird das den anderen Mitgliedern von den Verantwortlichen mitgeteilt, inkl. einer Erklärung, warum das geschehen ist (in der Regel liegt die "Schuld" in der Schwäche des Ausgetretenen, der keine Möglichkeit hat, seine Entscheidung und seine Gründe den anderen direkt zu kommunizieren). Weiterer Kontakt mit Ausgetretenen ist nicht möglich bzw. der Leitung vorbehalten. Von Mitgliedern, die "früher" ausgetreten sind, die das einzelne Mitglied nicht kennt oder gekannt hat, erfährt es auch nichts. Über ehemalige Mitglieder wird insbesondere mit der Außenwelt nicht gesprochen.

Gespräche mit Verantwortlichen. Diese Gespräche, in denen das Mitglied sich völlig "öffnen" muss, wo auch sehr intime und heikle Themen angesprochen werden und der Einzelne oft weit über die Schmerzgrenze kritisiert und in Frage gestellt wird, sind absolut "geheim". Darüber spricht man mit niemandem.

Verfehlungen der Verantwortlichen. Die Verantwortlichen müssen "mit Ehrfurcht" behandelt werden. Die einzelnen Mitglieder erleben sie ohnehin nie von ihrer "persönlichen Seite", sondern immer nur in ihrer "Rolle". Falls ein Mitglied dennoch einmal eine Schwäche eines Verantwortlichen mitbekommt, was auch immer das ist, muss es darüber "ehrfurchtsvolles Schweigen" bewahren. Auf diese Art und Weise sind etwa die "hysterischen Ausfälle" von "Mutter Katharina" von allen ignoriert worden; und Patres, die für ihre "Schwäche" gegenüber Frauen bekannt sind, bleiben vor Behelligungen innerhalb der Gemeinschaft sicher.

Zweifel und Sorgen. Mitglieder, die Zweifel bekommen oder sich Sorgen um die Gemeinschaft, um sich selbst oder andere Mitglieder machen, dürfen diese nicht äußern, außer gegenüber ihrem Verantwortlichen, der sie ihnen wieder ausredet. Das gilt auch und gerade dann, wenn Mitglieder ernsthafte psychische Schwierigkeiten haben.

Krankheiten von Mitgliedern. Über Krankheiten spricht man nicht. In der Regel bekommen Mitglieder gar nicht mit, wenn ein anderes Mitglied im selben Haus krank ist, sei es akut oder chronisch. Wer es dennoch mitbekommt, weiß, dass er darüber nicht sprechen darf, dasselbe gilt natürlich, wenn man selbst krank ist. Ob und was mit der betreffenden Person geschieht, ist allein Sache der Verantwortlichen.



Gehirnwäsche

Seit Jahrzehnten weisen Bischöfe, Theologen, Journalisten und Betroffene (Ex-Mitglieder und Eltern von Mitgliedern) auf die verheerenden Folgen der sog. "Formung" in fundamentalistischen kath. Gruppierungen hin. Wie mit den Mitgliedern umgegangen wird, gleicht sich auf verblüffende Weise, unabhängig davon, um welche Gemeinschaft es sich handelt. Der Ex-Focolarino Gordon Urquhart hat diese Methoden verglichen und acht Merkmale ausgemacht, die alle von ihm untersuchten Gruppen aufweisen. Obwohl das Werk höchstwahrscheinlich nicht zu den Gemeinschaften gehört, die er im Blick hatte, treffen doch alle diese Merkmale auch haargenau auf das Werk zu:

1. Die Gruppen versuchen, sich die Verfügungsgewalt zu sichern über alles, was der Einzelne zu sehen, zu hören und zu lesen bekommt, dann über alles, was er schreibt, erlebt und ausdrückt. Dem Einzelnen werden gezielt die Möglichkeiten genommen, nachzudenken und persönlich zu entscheiden.

2. Kontrolleure schaffen eine Lage, die den Beteiligten bestimmte Verhaltensmuster und Gefühle aufzwingt, so etwa den Zwang zum ständigen Lächeln und zur Fröhlichkeit. Das Bemühen, solche Verhaltensweisen in isolierten Umgebungen ohne Außenkontakte aufrechtzuerhalten, schafft euphorische Gefühle. Die Kontrolleure erzeugen "eine mystische Aura um die manipulierenden Institutionen". Die Opfer fühlen sich als ausgewählte Werkzeuge.

3. Es wird vermittelt, dass nur das das Gute ist, was mit der eigenen Ideologie übereinstimmt. Dem Einzelnen wird beigebracht, dass er nur dann rein sein werde, wenn er sich nach der Botschaft seiner Gemeinschaft verhalte.

4. Die Reinheit wird in offenen Beichten und Selbstbeschuldigungen überprüft und zu Neurosen fortentwickelt. Auf diese Weise entsteht Abhängigkeit durch Schuldgefühle. Sich preiszugeben bedeutet sich selbst aufzugeben, was allerdings nur von einfachen Mitgliedern verlangt wird. Die Vorgesetzten halten sich persönlich bedeckt und lassen sich nicht in die Karten schauen. Ständig abzuliefernde Erfahrungsberichte ihrer Untergebenen sichern denen ganz oben Herrschaftswissen, das bis hin zur Erpressung Einzelner genutzt werden kann.

5. Die Organisation vermittelt ihr zentrales Dogma als das Ideal für die Ordnung des menschlichen Daseins.

6. Standardisierte Wortwahl und Insiderformeln sowie ein sektenartiger Hausjargon lenken das Denken und fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl.

7. Veränderungen der Persönlichkeit werden anhand ständiger Berichte überprüft. Es gibt keine Privat- oder Intimsphäre mehr.

8. Schließlich gewährt die Organisation dem Unterworfenen bzw. Entmündigten eine Art Beförderung zum höheren Dasein, zur Einheit mit den Gründungsidealen. Die so "Belohnten" leiten daraus dann die Verpflichtung zum absoluten Gehorsam ab.


in: Gordon Urquhart, Im Namen des Papstes. Die verschwiegenen Truppen des Vatikans, München 1995. Zitiert nach: Hans-Peter Oschwald, Im Namen des Heiligen Vaters. Wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuernHeyne 2010, 24-25.

Dualismus

Sowohl Beinert als auch Weiß nennen Dualismus als ein Merkmal fundamentalistischer Gruppierungen. Dualismus bezeichnet eine Weltsicht, die die Realität aus zwei einander entgegengesetzte Prinzipien ableitet (Materie und Geist, Gut und Böse, o.ä.).

Das Werk lehrt (entgegen seiner eigenen Auffassung) tatsächlich ein klar dualistisches Welt- und Menschenbild.


Das dualistische Menschenbild des Werkes

Im Werk werden menschliche Empfindungen, Bedürfnisse und Handlungsweisen als "rein menschlich" bezeichnet. Was "rein menschlich" ist oder als "rein menschlich" betrachtet wird, steht in dieser Auffassung dem göttlichen Wirken entgegen. Es muss erst "geläutert" werden, damit der Mensch Gott wohlgefällig wird. Entgegen dem klassischen Prinzip "gratia supponit non tollit naturam" (Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern setzt sie voraus), lehrt Verhaeghe, dass das Menschliche erst weggenommen (bzw. je nach Zitat "ausgerissen", "vernichtet", "zerstört") werden muss, bevor Gott in der Seele wirken könne.

Diese Lehre bewirkt in der Praxis das, was ehemalige Mitglieder als "Gehirnwäsche" erlebt haben: die eigene Persönlichkeit, die Gefühle, die persönliche Geschichte und Wahrnehmung, Wünsche und Ängste, werden in der Formung nicht positiv aufgenommen, sondern ignoriert bzw. ausgeredet und als sündhaft, egoistisch, falsch, verdorben abgelehnt und prinzipiell nicht gelten gelassen. Gerade die urmenschlichsten Bedürfnisse wie Freundschaft und Zuneigung, Wissen, Erfolg, Anerkennung, Privatsphäre, gelten als besonders gefährlich. Als Mitglied des Werkes darf man das alles nicht wollen. Dagegen wird man auf den Bereich des "Übernatürlichen" verwiesen: man müsse lernen die Dinge "übernatürlich" zu sehen, "übernatürlich" fühlen und denken zu lernen, d.h. nach keiner menschlichen Freundschaft und Liebe verlangen, weil Gottes Liebe genügt, keine Anerkennung suchen, sondern lieber gerne das Kreuz tragen, kein Wissen anstreben als die "Weisheit des Kreuzes" etc.

Tatsächlich gibt es ohne das natürliche menschliche Fundament aber auch kein "übernatürliches". Auch geistliche Erfahrungen, Einsichten und Lernprozesse bauen auf der eigenen "Natur", der Persönlichkeit, Wahrnehmung und Erfahrung des Einzelnen auf. Wer niemals aus tiefster Seele einen Menschen geliebt hat, wird auch Gott nicht wirklich lieben können, wer "menschliches" Wissen und das Interesse für die Natur und die Welt verachtet, wird auch keine geistliche Erkenntnis gewinnen etc. Wer sich selbst tatsächlich nur als sündhaft und dem Wirken Gottes entgegenstehend begreift und daher alles eigene Denken, Wollen und Wünschen ausblendet, hat sich nicht - wie er meint - für Gott geöffnet, sondern hat tatsächlich Gott alle Zugänge zur eigenen Person versperrt. Er entwickelt sich nicht mehr, weder geistig noch geistlich. Was er im Sinne des Werkes für "übernatürliches Denken" hält, meint dann im Werk in der Tat: gar nicht mehr denken, keine eigenen Überlegungen und Erfahrungen zulassen, sondern schlicht und einfach alles so anzunehmen und wiederzugeben, wie die Leitung des Werkes es vorgibt.

Das dualistische Menschenbild des Werkes bringt unreife, gehemmte und skrupulöse Menschen hervor.


Das dualistische Weltbild des Werkes

Das Werk teilt die Welt ziemlich klar in Gut und Böse ein. Der Bereich des Guten ist (in Abstufungen) Das Werk, die katholische Kirche und Menschen, die entsprechend der Morallehre der Kirche leben (insbesondere bzgl. der Sexualmoral: wer also bspw. Enthaltsamkeit vor der Ehe praktiziert oder auf Verhütungsmittel verzichtet). Der Bereich des Bösen ist "die Welt", ihr entspricht (wieder in Abstufungen): wer nicht im Werk ist, wer nicht katholisch ist, wer nicht nach der Morallehre der Kirche lebt (wiederum insbesondere nicht nach der Sexualmoral der Kirche).

Das Böse wird überall gesehen. Es ist ein persönliches Prinzip: der Böse, der (verglichen mit der eher kleinen Rolle, die ihm in der Bibel oder in Äußerungen des Lehramts beigemessen wird) große Bedeutung und Macht zu haben scheint. Er hat Macht auch über Mitglieder des Werkes (vgl. Der Quälteufel), v.a. ist er schon sehr weit in die Kirche vorgedrungen, was sich besonders an der Krise seit dem Konzil zeigt. In erster Linie aber ist er in der "Welt" tätig, sie erscheint als sein eigentlicher Machtbereich, wo er von den ihm verfallenen Menschen unbemerkt sein Unwesen treibt und sie alle in die Sklaverei der Sünde zwingt. Man kann fast alle Texte Verhaeghes so lesen, dass sie aus dieser Perspektive geschrieben sind.

Auf der Grundlage dieses dualistischen Weltbildes blühen im Werk eine ganze Reihe an Verschwörungstheorien und Verfolgungsängsten auf. Bestimmte "Strömungen" erscheinen als so böse und gefährlich, dass das Werk bzw. einzelne Mitglieder in eine regelrechte Panik verfallen, weil sie darin unmittelbar den Bösen am Werk sehen, bis dahin, dass sie meinen darüber "aufklären" und sich vor ihnen "schützen" zu müssen. Das sind v.a.: Freimaurerei, Relativismus, Liberalismus (insb. liberale Theologie), Gender-Mainstreaming, Kommunismus, Feminismus, Islam(ismus), Judentum, Esoterik, u.a.m. Diesen Gruppen wird alles zugetraut, bis dahin, dass sie das Werk heimlich abhören und es vernichten wollen. Um sich vor ihnen zu schützen, wird zunächst die direkte Berührung damit vermieden, dann "informiert" man sich darüber aus den einschlägigen "Informationsquellen" des Werkes (Kath.net, Gabriele Kuby, Karl Wallner u.ä.) und schafft sich ein Bild der Bedrohung, das dann weiterverbreitet wird. Um sich generell vor Angriffen und Verfolgungen zu schützen, die von jeder dieser "Strömungen" jederzeit ausgehen kann, schottet man sich ab, verwendet in Briefen, mails und am Telefon eine teils verschlüsselten Sprache, vernichtet sämtliche Schriftstücke oder schließt sie sicher weg, sorgt dafür, dass so wenig Information wie möglich "nach draußen" kommt und schärft den eigenen Mitgliedern permanent ein, dass sie aufpassen müssen, was sie "draußen" sagen. So entsteht eine Atmosphäre bedrückender Angst.

Alles in allem ist der Dualismus wohl das prägendste und bedrückendste Phänomen am Fundamentalismus des Werkes.



Moralismus


Beinert nennt Moralismus als Merkmal fundamentalistischer Gruppen. Werbick verwendet hierfür den Begriff "Systemangst": zwanghaftes Sicherheitsbedürfnis und Skrupulosität.
Moralismus drückt sich dabei durche folgende Phänomene aus:

- alle Dimensionen des Lebens, insb. des zwischenmenschlichen Umgangs und des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden vornehmlich bzw. ausschließlich unter moralischem Gesichtspunkt betrachtet (Politik, Wirtschaft, Arbeit, Freizeit, Krankheit, Bildung, Essen, Kleidung etc.). Die "Auswüchse" des Moralismus nehmen dabei z.T. groteske Züge an.
- moralische Normen sind nicht verhandelbar.
- hinter der Verabsolutierung der moralischen Normen steht der Versuch, Deutungshoheit über die komplexe Vielfalt moderner Lebensentwürfe und gesellschaftlicher Entwicklungen zu gewinnen.
- Alle Handlungen werden in gut und böse eingeteilt, "Graustufen" dabei nicht gelten gelassen.
- persönliche Entscheidungen und Einzelsituationen werden kompromisslos nach scheinbar objektiven moralischen Normen beurteilt.
- es gibt eine Art "Moralpolizei", die die Einhaltung der Normen überwacht. Verstöße werden sanktioniert.
- die moralischen Normen werden von einer Institution vorgegeben, die dadurch ihren Autoritätsanspruch und Eingriffsrechte in das Leben ihrer Mitglieder sichert.


Im "Werk" herrscht ein ausgeprägter Moralismus. Dieser ist vermutlich der spürbarste fundamentalistische Zug der Gemeinschaft. Es ist der fundamentalistische Zug des Werkes, der Außenstehenden zuerst auffällt, da er spürbar alle Dimensionen des Lebens der Mitglieder beherrscht und ihre "missionarische" Tätigkeit gegenüber Dritten maßgeblich bestimmt.


Beispiele des typisch "werksmäßigen" Moralismus:

- Kleidung. Sie wird von Mitgliedern des "Werkes" entweder als "anständig" oder "anstößig" (im Sinne von aufreizend bzw. "unmännlich" oder "unweiblich") betrachtet.
Schwestern des Werkes tragen eigentlich Zivil. Tatsächlich gibt es aber einen ungeschriebenen Kleiderkodex, demzufolge sie immer wadenlange Röcke und weite Blusen in gedeckten Farben tragen müssen, dazu Nylonstrumpfhosen. Frauen, die als Assoziierte zum Werk gehören müssen ebenfalls Röcke tragen  - selbst die Töchter in den "Katakombenfamilien" werden dazu aufgefordert, sich dem Kleidungsstil der "Schwestern" des Werkes anzupassen. Hosen, kurze Röcke, Spaghetti-Träger, "nackte Beine", Bade-Kleidung, figurbetonende bzw. einfach nur gut aussehende Kleidung gilt als unmoralisch.

- Arbeit. Arbeit ist dem "Werk" zufolge entweder demütig/selbstlos oder "ich-gerichtet".
Sie wird also nicht nach ihrer Effektivität beurteilt, sondern praktisch ausschließlich nachdem Grad an Selbstüberwindung, die sie kostet. Je mehr Selbstüberwindung sie kostet und je weniger Selbsterfüllung sie dem Einzelnen gibt, je stiller und ausdauernder er sie dennoch erfüllt, desto höheren moralischen Wert besitzt sie. Je mehr Befriedigung sie dem Einzelnen bringt und je mehr persönliche Initiative er einbringt, je mehr er sie selbst in die Hand nimmt, desto mehr steht sie unter dem Verdacht "unmoralisch" zu sein. Das gilt besonders dann, wenn der "Spaßfaktor" und der "persönliche Gewinn" direkt und offen angestrebt wird. So handeln bspw. Mütter und Ehefrauen, die eine Arbeitsstelle suchen um durch das Ausüben ihrer beruflichen Qualifikation persönliche Erfüllung zu finden, in jedem Fall unmoralisch (moralisch handelten sie in den Augen des "Werkes" nur, wenn es ihnen keine persönliche Erfüllung bringt und sie es aus Not tun oder um in ihrer Arbeit missionarisch tätig zu sein, und dabei trotzdem ihrer "Pflicht" nachkommen die Hauptlast in Hausarbeit und Kindererziehung zu tragen).

- Zwischenmenschliche Kontakte. Beziehungen können dem "Werk" zufolge nur entweder selbstlos und damit tugendhaft oder persönlich bereichernd und damit nicht tugendhaft sein. "Tugendhafte" Beziehungen sind ideologisch verwertbar, die anderen sind es nicht und gelten als gefährlich. D.h. jede Beziehung, die um ihrer selbst willen geführt wird, ist unmoralisch. Jede Beziehung, die um der "Sache" willen geführt, also missionarisch instrumentalisiert wird, ist moralisch.

- grundsätzlich: jede Handlung, die um ihrer selbst willen vollzogen wird oder weil sie als persönlich bereichernd erfahren wird, gilt als tendenziell unmoralisch. Jede Handlung, die um des Werkes willen vollzogen wird, obwohl sie als persönlich nicht bereichernd evtl. gar als belastend erfahren wird, gilt als moralisch wertvoll.

Moral als alles beherrschendes Prinzip: Der Moral sind alle anderen Werte untergeordnet: Gesundheit, Ästhetik, Vernunft etc. gelten ihr gegenüber als zweitrangig.
Es ist bspw. unmoralisch bei Tisch die Speise zu wählen, die einem am besten schmeckt - man isst ja nicht, weil es schmeckt, sondern, um bei Kräften zu bleiben und "dienen" zu können: Geschmack muss der Moral weichen.
Es gilt als unmoralisch, das eigene Zimmer so zu gestalten oder die eigene Kleidung (innerhalb der strengen Regeln) so zu wählen, dass man persönlich Gefallen daran findet - man richtet sich ja nicht ein oder her, um sich wohl zu fühlen, sondern, um "ordentlich" zu sein und möglichst "anständig" zu wirken. Ästhetik muss der Moral weichen.
Es gilt als unmoralisch, sich den Tischnachbarn zu wählen, mit dem man sich besonders gut versteht - man hat menschliche Kontakte ja nicht zur persönlichen Bereicherung, sondern zum Nutzen des Werkes - Beziehungen werden abstrakten moralischen Normen untergeordnet.
Es gilt als unmoralisch, sich um die eigene Gesundheit zu sorgen, "nur" weil man Krankheit und Schmerzen fürchtet - die Sorge um die eigene Gesundheit ist allein insofern legitimiert als ein Krankheitsfall eine Belastung der Gemeinschaft wäre - Gesundheit wird der Moral untergeordnet.

Moral als Herrschaftsprinzip. Ähnlich wie im Militär, in dem das fein verästelte Netz unzähliger Vorschriften den einzelnen Rekruten praktisch in einen Zustand ständiger Bestrafbarkeit versetzt, ist es auch im Werk: jedes Mitglied steht ständig unter dem Verdacht, unmoralisch zu handeln. Die Mitglieder kontrollieren sich gegenseitig, teils aus naiver ehrlich gemeinter Sorge um die "moralische Integrität" der anderen, teil aus Neid und Missgunst, teils auf Anordnung der Vorgesetzten hin, die auf die Mitarbeit der "einfachen" Mitglieder angewiesen sind, um alle unter Kontrolle zu haben.
Jeder kann im Prinzip ständig eines Vergehens überführt werden, jeder weiß sich ständig beobachtet, keiner ist frei. D.h. auch: jeder ist auf das Wohlwollen seiner Vorgesetzten angewiesen und wird alles tun, um nicht aufzufallen oder sich unbeliebt zu machen. Tut man das doch, muss man damit rechnen, "bestraft" zu werden, etwa in dem man einen unliebsamen Auftrag bekommt oder weit weg versetzt wird. In jedem Fall muss man damit rechnen, "verhört" zu werden, also lange und zermürbende Gespräche mit den Verantwortlichen führen zu müssen, denen gegenüber es praktisch unmöglich ist, das eigene Handeln zu rechtfertigen.

Moral als Weltanschauung. Der Moralismus dient im Werk dazu die verwirrende, um nicht zu sagen beängstigende, Vielfalt moderner Lebensweisen zu deuten, ohne sich mit ihnen auseinandersetzn zu müssen. Unter Berufung auf die starren moralischen Normen des Werkes, die eine einseitige Verabsolutierung der katholischen Morallehre darstellen, sieht sich das Werk in der Lage, jedes Phänomen menschlichen Lebens und Handelns von vorneherein beurteilen, d.h. in gut und böse einteilen zu können. Damit bekommen die Mitglieder des Werkes ihre Verunsicherung angesichts eines für sie unverständlichen Wertewandels in den Griff und verschaffen sich selbst das Gefühl moralischer Überlegenheit.


Das Werk und John Henry Newman

Wie das Werk zu Newman kam und wie es mit ihm umgeht


Das Werk betreut seit Jahrzehnten mehrere Newman-Zentren, u.a. in Rom und Oxford und hat ein erstaunliches Netzwerk mit Verbindungen zu Newman-Forschern und Interessierten weltweit aufgebaut. Dabei ist das Werk nicht wirklich an Newman interessiert, sondern an Newman als einem "Seelenverwandten" Verhaeghes. Verhaeghe wurde in ihrer Jugend durch eine Anthologien-Sammlung auf Newman aufmerksam und las ihre eigenen Anschauungen in seine Aussagen hinein, eine Lesart seiner Texte, die bis heute von Mitgliedern des Werkes weitergeführt wird. Tatsächlich liegt nichts ferner: Newman schreibt in seinen meisten Schriften gerade gegen die Auswüchse jener Religiosität des 19. Jahrhunderts an, die das Werk anachronistisch wieder zum Leben erwecken will, die es pflegt und verteidigt.

Die Konsequenz sind Interpretationen von Newman's Schriften, die einer völligen Umdeutung  Newman's gleichkommen, und dies obwohl ca. die Hälfte der Dissertationen von Mitgliedern des Werkes sich mit Newman beschäftigen: Lutgart Govaert: Kardinal Newmans Mariologie und sein persönlicher Werdegang (Gregoriana 1973); Hermann Geißler, Gewissen und Wahrheit bei John Henry Kardinal Newman (Lateran 1991); Peter Willi, Sünde und Bekehrung in den Predigten und Tagebüchern John Henry Newmans (Innsbruck 1992); Kathleen Dietz, John Henry Newman and the Fathers of the Church (Angelicum 2007).

Aus diesem Grund wird dem Werk die wissenschaftliche Anerkennung von Seiten der deutschen John-Henry-Newman-Gesellschaft oder renommierter Newman-Forscher (wie bspw. Roman Siebenrock, Günter Biemer, Ian Ker) seit Jahren verweigert, das Verhältnis beschränkt sich auf Zusammentreffen bei internationalen Tagungen, bei denen das Werk versucht, für sich selbst zu werben und seinen promovierten Mitgliedern zur Vernetzung und Anerkennung zu verhelfen (Bsp: die Newman-Konferenz in Rom 2010). Anerkannte Newman-Forscher beteiligen sich an solchen Veranstaltungen, weil sie ihnen eine Plattform bietet. Das Werk profitiert seinerseits davon, da die "Newman-Arbeit" eine seiner letzten öffentlichen Plattformen und sein größtes Prestige-Objekt ist.

Wenn sie auch vor dem Wissenschaftler nicht bestehen, erscheinen die Ausführungen "studierter" Priester und Schwestern vor dem Laien seriös. Dabei sind sie oft schon unter rein logischem Gesichtspunkt unhaltbar. Das soll hier nur anhand zweier rezenter Beispiele veranschaulich werden, die im Grunde für sich selbst sprechen und keines weiteren Kommentars bedürfen, nämlich an einem Artikel von Hermann Geißler in der theologischen Zeitschrift communio und einer Predigt von Peter Willi.


Hermann Geißler, Das Zeugnis der Gläubigen in Lehrfragen nach Newman

Wie er [John Henry Newman] im 19. Jahrhundert die Reduktion der Kirche auf das institutionelle Gefüge anprangerte, so würde er heute wohl die Tendenz zur Einebnung der Unterschiede zwischen Laien und Hierarchie aufdecken. Ähnlich wie er seinerzeit darüber klagte, dass man dem Konsens der Gläubigen keine Bedeutung beimaß, würde er in unseren Tagen vielleicht bemängeln, wie manche in der Kirche vergessen haben, dass die Entscheidungen in Fragen des Glaubens und der Sitten einzig und allein der Hierarchie zukommt.
Hermann Geißler, Das Zeugnis der Gläubigen in Lehrfragen nach John Henry Newman, in: IkaZ 41 (2012), 678.

Newman machte deutlich, dass die Kirche nicht nur aus dem Klerus besteht, sondern Gläubige und Klerus zusammen die Kirche bilden. Geißler leitet daraus ab, dass er heute bedauern würde, wenn die Unterschiede zwischen Laien und Hierarchie eingeebnet würden. Newman setzte sich im 19. Jahrhundert für die  Beteiligung von Laien bei Entscheidungen in Fragen des Glaubens und der Sitte ein. Hermann Geißler leitet daraus ab, dass er sich im 20. Jahrhundert wohl dafür eingesetzt hätte, dass solche Entscheidungen "allein der Hierarchie" zukommen... Dahinter verbirgt sich nicht nur eine grobe (unbewusste oder gewollte?) Missinterpretation von Newman's Grundgedanken, sondern auch eine Missinterpretation der aktuellen kirchlichen Situation. Diese Missinterpretation verrät Angst vor den Laien, da ihr die aktuellen Möglichkeiten zur Beteiligung von Laien schon übertrieben und so gefährlich erscheinen, dass sie wünscht, Newman würde auf den Plan treten und sie "aufdecken".


Peter Willi, Newman's Ideal von Heiligkeit

Heilig werden bedeutet für Newman schlicht und einfach: Tun, was man als wahr erkannt hat, in die Tat umsetzen, was man als Pflicht, als Wille Gottes, als Wert erkannt hat. Er sagt einmal: „Ich möchte nur behaupten, dass unsere Pflicht in Handlungen besteht – Handlungen jeder Art, Handlungen des Geistes so gut wie der Zunge und der Hand; aber auf jeden Fall besteht sie aus Handlungen; sie besteht nicht unmittelbar in Stimmungen und Gefühlen.“ Taten bringen uns viel weiter voran als Wissen, Gedanken, Worte oder Gefühle. Werke des Glaubens und der Liebe aus der Kraft der Gnade
verwandeln den Menschen und formen ihn zum Heiligen.

Peter Willi, Newman's Ideal von Heiligkeit, Predigt "zum bevorstehenden Allerheiligenfest" Oktober 2013.

Newman versucht die Konzentration frommer Kreise im 19. Jahrhundert auf das "fromme Gefühl" zu überwinden, indem er ihm geistige und praktische Verantwortung und Engagement entgegenstellt. Peter Willi folgert daraus den Primat der Tat vor dem Wissen, Denken und Reden, - das hat Newman aber nicht nur nicht gesagt, er hat das Gegenteil gesagt: die Art von Taten, von denen Newman spricht schließt Denken, Reden und Wissen ein (Handlungen des Geistes so gut wie der Zunge). Willi zielt dagegen auf ein Grundprinzip des Werkes ab, das man in Newman's Schriften beim besten Willen nicht ausfindig machen kann und das konträr zu Newman's eigenem Handeln steht: Handeln "aus Glauben" und "aus Gnade" ohne vorher nachzudenken, ohne Wissen, ohne darüber zu diskutieren (siehe die drei Pfeiler).


Führerkult

Eines der Merkmale fundamentalistischer Gruppen ist Personen- oder Führerkult (Beinert: Führer kommt von Gott/ Führergehorsam; Weiß: Beharren auf der Autorität der Führerperson): der Anführer oder Gründer der Gruppe wird in übertriebener oder extremer Weise verehrt, Orte werden nach ihm benannt, Gedenktage werden ihm gewidmet, seine Biographie wird in eine Legende verwandelt, die die Ideologie der Gruppierung bestätigen und verherrlichen soll. Im Unterschied zur Heiligenverehrung ist der "Führer" dabei nicht eine Figur unter vielen, seine Verehrung entsteht nicht spontan, sondern wird bewusst inszeniert oder gar erzwungen, die Deutungshoheit über sein Leben, seine Schriften und Taten obliegt allein ihm selbst bzw. seinen Nachfolgern.

Alle diese Elemente des "Führerkultes" treffen auf Julia Verhaeghe und ihre Verehrung im Werk zu.

Die Präsenz ihres Namens und Bildes: In jedem Haus des Werkes, in dem mehr als vier Personen ständig leben, gibt es ein "Mutter-Julia-Zimmer", in das Besucher geführt werden, um dort "ihre Nähe" zu "erfahren". Vor allen Kapellen des Werkes hängen Bilder Verhaeghes. Jedes Mitglied, das nicht in einem Zentrum des Werkes lebt, muss in seinem Zimmer ein Bild Verhaeghes anbringen. Das Grab Verhaeghes in der Klosterkirche des Mutterhauses in Bregenz wird mit Kerzen und Votivtäfelchen regelrecht zum Wallfahrtsziel inszeniert.

Gedenktage: Der liturgische Kalender des Werkes ist gespickt mit Gedenktagen Verhaeghes, die oft wie Hochfeste begangen werden, das sind im Einzelnen:
18. Januar: am 18.01.1938 soll Verhaeghe eine mystische Vereinigung mit Cyrill Hillewaere erlebt haben, die sie dann den "Gründungstag" des Werkes nannte.
13. Mai: Namenstag Verhaeghes
16. Juli: Verhaeghe verließ an diesem Tag ihr Elternhaus.
29. August: Todestag Verhaeghes.
11. November: Geburtstag Verhaeghes.
13. November: Tauftag Verhaeghes.
Nicht nur diese spezifischen Verhaeghe-Gedenktage sind hier zu nennen, sondern auch die Tatsache, dass die Gedenktage, Feste und Hochfeste des liturgischen Kalenders zu Verhaeghe-Gedenktagen umfunktioniert werden: das Fest der Bekehrung Pauli etwa erinnert ebenso an die "Bekehrung" Verhaeghes als Jugendliche; das Hochfest des Herzens Jesu erinnert an das "Bündnis" Verhaeghes mit dem Herzen Jesu. Propheten-Gedenktage, die es im erneuerten liturgischen Kalender nicht mehr gibt (außer im Patriarchat Jerusalem), werden im Werk dennoch gefeiert, dazu eine Reihe anderer Feste aus dem "alten" Kalender, weil Verhaeghe mit diesen Festen persönliche Erinnerungen verbindet und sie für die von ihr entwickelte Spiritualität wichtig sind: Jesaja als Prophet der Bekehrung (Bekehrung natürlich im Sinne des dualistischen Menschenbildes des Werkes) oder Elia, der die Baalspriester getötet hat (Zeichen seiner Treue zu Gott in gottlosen Zeiten). Dazu kommen einige Gedenktage des von Verhaeghe besonders verehrten Papstes Pius XII. (Geburtstag, Todestag, Bischofsweihe).
Außerdem ist Verhaeghe direkt oder indirekt in allen Gebeten präsent, die die Mitglieder täglich sprechen: das Morgengebet und der Abendsegen sowie beinahe alle Gebete im wöchentlichen Gebetbuch sind aus Zitaten aus ihren Briefen zusammengesetzt, darüberhinaus wird im Abendsegen, im Dankgebet für das Charisma und in anderen direkt dafür gebetet, dass die Mitglieder ihrem Beispiel treu bleiben, sie als Mutter lieben, ihr Andenken bewahren, sich ihrer würdig erweisen etc.

Legendenbildung: Bis vor zehn Jahren gab es überhaupt keine schriftlichen "Quellen" zur Person Verhaeghes. Im Jahr 2005 erschien dann die Teilbiographie "Sie liebte die Kirche. Mutter Julia und die Anfänge der geistlichen Familie 'Das Werk'". Das Buch nennt keinen Verfasser und ist im Eigenverlag erschienen. Es ist eine ganz klare Legendenbildung, die bewusst auf eine lange zurückliegende Zeit verweist (1910 bis 1950) und die gesellschaftlichen Umbrüche der 60er Jahre sowie die Konzils- und Nachkonzilsjahre meidet. Dabei verstarb Verhaeghe erst 1997, und die Gemeinschaft begann 1950 gerade erst so zu existieren. Erzählt wird also hauptsächlich die Kindheit und Jugend Verhaeghes in der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Verhaeghe wird im Stil einer Heiligenlegende als Berufene und Auserwählte, Leidende, Sich-Bekehrende, Weise, Inspirierte und Weitsichtige, dargestellt. Jedes Kapitel ihres Lebens ist zugleich ein Wesensmerkmal der Spiritualität des Werkes. Kritik, Differenzierungen, offene Fragen, verschiedene Perspektiven sucht man in diesem Buch vergebens. Verhaeghe wird inszeniert.
Dazu kommt, dass niemandem innerhalb oder außerhalb der Gemeinschaft eine eigene Meinung zu Verhaeghe zugestanden wird. Ihre Texte befinden sich samt und sonders im Privatarchiv des Werkes, zu dem nicht einmal die "normalen" Mitglieder des Werkes Zugang haben. Von dort dringen nur Zitate heraus, die "massentauglich" und der Verehrung Verhaeghes zuträglich sind. Diese werden dafür umso eifriger verbreitet. Wer sie wirklich war, was sie wirklich geschrieben, gedacht und gesagt hat, ist für Mitglieder wie Außenstehende gleichermaßen rätselhaft. Dies umso mehr, als ehemalige Mitglieder aus der damaligen Zeit ihr z. T. massive Vorwürfe machen, zu denen das Werk aber bisher keine Stellung genommen hat.

Inszenierte Verehrung: Das Werk druckt massenweise "Worte" Verhaeges, Novenen und Gebetsbildchen. Seit Jahren werden alle Mitglieder des Werkes dazu aufgefordert "Zeugnisse" über Verhaeghe zu sammeln, also Berichte von Personen, die Erinnerungen an Verhaeghe haben oder sich von ihrer "Lebensgeschichte", ihrer "Person" oder ihren "Worten" angesprochen fühlen. Die Assoziierten des Werkes werden an ihr Grab und in ihr Zimmer geführt, bekommen Vorträge über sie zu hören, müssen sich darüber äußern, was ihnen "Mutter" bedeutet und wie sie ihre "Hilfe" erfahren. Priester des Werkes, die auswärts die Messe feiern und predigen, werden dazu angehalten, in ihren Predigten über Verhaeghe zu sprechen. Fast das gesamte "Apostolat" des Werkes geschieht mit Worten Verhaeghes oder gar mit dem Ziel, Gläubige zu Verhaeghe-Verhehrern zu machen. Dabei hält sich die Zahl selbst derer, die nach gezielter Werbung ein "Zeugnis" geben oder an ihr Grab kommen, sehr in Grenzen. Von "spontaner Verehrung" kann keine Rede sein.

Warum Führerkult gefährlich ist: Wenn der Führer zum letzten Maßstab für dir Moral und das Handeln einer Gemeinschaft wird und noch dazu die Deutungshoheit über die Worte und den Willen des Führers bei diesem selbst oder einer kleinen Gruppe liegt, die die Verantwortung für die Leitung der Gemeinschaft innehat, ist Willkür und Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Mitglieder können sich nicht gegen Beschuldigungen oder Anforderungen wehren, die unter Berufung auf den Führer an sie gerichtet werden. Sie können weder auf andere Maximen rekurrieren, auch nicht auf biblische oder kirchliche, da die Auslegung solcher anderer Maximen wiederum von der Leitung gemäß den Worten Verhaeghes getroffen wird, die unbedingt gelten. Mitglieder des Werkes können sich weder auf Worte Verhaeghes berufen, die sie nicht kennen (der Zugang zu ihren Texten ist streng geregelt) noch auf andere Interpretationsmöglichkeiten ihrer Texte, da allein die Leitung entscheidet, wie die Texte auszulegen sind. So kann unter Berufung auf Verhaeghe schließlich alles mögliche gerechtfertigt und von den Mitgliedern gefordert werden, von der Vorenthaltung medizinischer Versorgung über den erzwungenen Kontaktabbruch zur eigenen Familie bis hin zur Vertuschung von sexuellem Missbrauch.


Die "unaufgebbare heilsgeschichtliche Bedeutung Roms"


Als erster Beleg einer ganzen Reihe fundamentalistischer Tendenzen soll eine Predigt dienen, die ein Priester des Werkes vor einem knappen Jahr gehalten hat: die unaufgebbare heilsgeschichtliche Bedeutung Roms

In dieser bemerkenswerten Konstruktion der heilsgeschichtlichen Notwendigkeit Roms für die Kirche und des "heilsgeschichtlichen Vorrangs" der Kultur des alten Roms, scheint zunächst ein gewisser Integralismus auf: Rom bekommt eine Bedeutung zugewiesen, die es theologisch nüchtern betrachtet nicht hat: die Tatsache, dass Petrus und Paulus ihr Martyrium in Rom erlitten, ist historisch-kontingent. Eine tiefergehende, gar unaufgebbar notwendige weil gottgewollte ("definitive und unumkehrbare Fügung Gottes") Bedeutung kann man ihr theologisch nicht zusprechen. 

Weiter ist der Zusammenhang zum Kreuz als römischem Marterwerkzeug, und insbesondere der Zusammenhang zwischen dem römischen Imperialismus und der christlichen Weltmission bestenfalls als "gewagt" zu bezeichnen, tatsächlich ist er abwegig. 

Die aufwendige Diskussion darum, ob es eine Lehraussage der katholischen Kirche sei, dass sie ihr "Zentrum" in Rom haben müsse, zeigt ein weiteres Merkmal des Fundamentalismus: alles wird zur Wahrheitsfrage stilisiert. Und: stellt man dies in Frage, scheint zugleich alles in Frage gestellt. Eine Kirche, die ihr Zentrum nicht mehr in Rom hätte, wäre - so scheint es - nicht mehr die wahre Kirche. 

Der Grund, aus dem diese Aussage getroffen wird, offenbart sich in den letzten Absätzen dieser außergewöhnlich langen Predigt: 
Allergisch reagieren heute liberal gesinnte Köpfe, wenn Papst Benedikt das Zweite Vatikanische Konzil stärker in Kontinuität zur vorausliegenden Tradition sehen will. Denn eine der Folgen davon ist eben auch, dass das ungebrochene Erbe Roms wieder an Gewicht im kirchlichen Leben und Empfinden gewinnt, und somit eine Autoritativität, die man genau nicht will.
Hier scheinen die nächsten Merkmale des Fundamentalismus auf: Traditionalismus (die heutigen Geistesströmungen werden abgelehnt und ein altes Prinzip wird beschworen), die zwiespältige Haltung zum Zweiten Vatikanischen Konzil

Dazu kommen weitere: Die Vermutung, es gäbe eine ungeheuer starke irgendwie anonyme Bewegung, die Bedeutung Christi und der Kirche "zurückzudrängen", diese würde sich auch schon innerhalb des Christentums bemerkbar machen, indem "man" Anschluss beim Judentum suche, ist völlig unbegründet und verrät Angst und Irrationalismus:
Ungeheuer stark und vielschichtig sind die Versuche, die universale Bedeutung Jesu Christi, ja der ganzen katholischen Wahrheit, zurückzudrängen. Auch innerhalb der Christenheit ist die geistige Mentalität vielfach umgebogen: Die Wegrichtung läuft nicht mehr von Jerusalem hin nach Rom, sondern man kehrt die Richtung um 180 Grad um: Man kehrt Rom vielfach den Rücken und sucht den Anschluss bei den Juden auch auf der Glaubensebene (also weit mehr als einen berechtigten Dialog mit ihnen). Man will das Christentum als beliebige Alternative zum Judentum hinstellen.
Zudem offenbaren diese Äußerungen eine problematische Haltung zum Judentum, die vermuten lässt, dass man hier auch mit dem Merkmal Ablehnung von Ökumenismus, Toleranz, Religionsfreiheit rechnen muss.

Schließlich liegen einige Kernelemente fundamentalistischer Mentalität in der abschließenden Beschwörung:
Und nun, liebe Schwestern und Brüder, verstehen wir das Charisma des „Werkes”, wenn das Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus heute festlich begangen wird, wenn mit glühender Liebe Rom als das Herz der Kirche bezeichnet wird, wenn beständig für den Heiligen Vater gebetet wird, wenn unsere Hingabe immer auch der Reinerhaltung der katholischen Lehre gilt.
Hier lassen sich Festungsdenken, Hierarchiegehorsam, feste Sätze, Lehramtsfundamentalismus ("reine Lehre"), Selbstsicherheit und Elitarismus feststellen.