Beinert nennt den Begriff der Arkandisziplin als Kennzeichen fundamentalistischer Gemeinschaften.
Arkandisziplin ist eine Art stufenweiser Einweihung der Mitglieder in Lehren und Praxis der Gemeinschaft. Die "Eingeweihten" müssen sich gegenüber "Nicht-Eingeweihten" verschwiegen zeigen. Diese Praxis hängt zusammen mit anderen Merkmalen fundamentalistischer und sektiererischer Gruppen: Eliteanspruch, Auserwählungsbewusstsein, dualistisches Weltbild und starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie geht oft einher mit dem Wahrheitsanspruch der Gemeinschaft, mit der klaren Abgrenzung gegenüber der Umwelt, die nicht in der Lage oder nicht würdig ist, das geheime Wissen der Eingeweihten zu teilen und mit der Furcht vor Verfolgung, sollte das geheime Wissen in die falschen Hände gelangen. Diese Praxis ist kennzeichnend für alle religiösen Geheimkulte, Sekten, für die Freimaurer, aber auch für christliche Gemeinden in der Antike.
Das Werk übt zweifellos eine ausgeprägte Arkandisziplin. Verhaeghe sprach davon, man müsse "das Geheimnis des Königs wahren" (Worte, die sie dem Buch Tobit entnahm: "Es gebührt sich, das Geheimnis eines Königs verborgen zu halten, aber die Werke Gottes mit Rühmen zu verkündigen". Tob 12,7). Noch gängiger ist heute im Werk der Begriff der "Diskretion", der aber dieselbe Funktion hat: er markiert die "Geheimnisse" der Gemeinschaft, vor deren Bekanntwerden sie sich fürchtet und Schaden für ihr Image erwartet (nicht zu unrecht).
Zum Geheimnis des Königs zählt die Spiritualität und die Politik des Werkes. Für beides gibt es eine Art stufenweiser Einweihung. Jedes neue Mitglied wird nach und nach mit den Texten und Praktiken des Werkes vertraut gemacht, und mit jedem neuen "Schritt" wird ihm eingeschärft, dass "wir darüber nicht sprechen", insbesondere nicht "draußen". Sehr vieles fällt in die Kategorie des Geheimen:
- fast alle Texte Verhaeghes. Bis vor wenigen Jahren hatten die meisten Mitglieder nicht einmal Zugang zu den Konstitutionen des Werkes, die Originaltexte Verhaeghes sind nach wie vor unter Verschluss und werden den Mitgliedern nur auszugsweise zu Lesen gegeben. Jedem Mitglied ist klar, dass es die Texte nach dem Lesen zurückgeben muss, und dass sie unter keinen Umständen weitergegeben werden dürfen, vor allem nicht an "Nicht-Eingeweihte". Dasselbe gilt für Gebete, wie etwa die in diesem Blog veröffentlichte Herz-Jesu-Litanei oder die Litanei der Demut.
- die Praktiken des Werkes. Sobald ein Mitglied aufgefordert wird, wöchentliche und monatliche Berichte zu schreiben (das geschieht in der Regel im ersten Jahr, sobald das Mitglied "reif" dafür ist), wird ihm auch gesagt, dass alle das tun, dass wir darüber aber nicht sprechen, auch nicht untereinander, erst recht nicht gegenüber Außenstehenden. Das gilt auch für die "Abrechnung", einem Blatt, auf dem jedes Mitglied seine monatlichen bzw. vierteljährlichen Ausgaben bis auf den Cent genau mit Rechnungen dokumentieren muss. Dasselbe gilt für das Öffnen der Briefe: insbesondere im Noviziat müssen alle Briefe vorgelegt werden - den Eltern oder Bekannten, die diese Briefe geschrieben haben oder empfangen werden, sagt man darüber natürlich kein Wort. Gleiches gilt von der Askese: das Fasten, die Verzichte, die bei Kleidung und Entspannung verlangt werden und das kräfteraubend volle Arbeits- und Gebetsprogramm: das alles ist "Geheimnis des Königs" und unterliegt der "Diskretion".
Zu den Dingen, die "draußen" nicht erzählt, und auch unter den Mitgliedern nur bedingt angesprochen werden dürfen, gehören außerdem:
Die Namen hochrangiger Freunde und Besucher des Werkes: es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass das Werk direkten Zugang zu Benedikt XVI., seinem Sekretär Georg Gänswein und seinem Bruder Georg Ratzinger hatte bzw. noch hat, und damit auch Zugang zu vielen hochrangigen Kurienkardinälen, Erzbischöfen und Prälaten. Das Werk investiert sehr viel Energie in den Aufbau solcher Kontakte, in allen seinen Niederlassungen. Die Mitglieder müssen für die Besuche dieser wichtigen Gäste, die in den Häusern des Werkes ein- und ausgehen, alle Kräfte aufbieten und ein perfektes Bild abgeben, - sie dürfen aber nicht darüber sprechen, sodass auch die Mitglieder aus dem einen Haus nicht erfahren, was im anderen geschieht. Die "gewöhnlichen" Mitglieder erfahren auch nicht, was diese wichtigen Gäste mit den Verantwortlichen des Werkes besprechen.
Finanzen des Werkes: darüber wissen die Mitglieder selbst in der Regel nicht Bescheid. Wer was verdient, wer wie viel Monatsgeld zur Verfügung hat, wofür es ausgegeben wird, wer spendet, woher das Werk sich überhaupt finanziert. Zwar erfahren die Mitglieder hin und wieder wie viel Geld in den Bau oder die Restaurierung dieses oder jenes Hauses investiert wurde (eine Summe, die sich allein in den letzten Jahren auf einige Millionen belief), sie wissen aber nicht, dass sich zugleich die Kosten für die tägliche Ernährung eines Mitgliedes auf nur 1,- Euro belaufen!
Entscheidungen des Rates. In der Regel werden nur banale Entscheidungen allgemein bekannt. Wer mehr weiß, darf darüber nicht sprechen. Es gibt auch Entscheidungen, die zwar alle betreffen, aber draußen nicht bekannt werden dürfen.
Ausgetretene Mitglieder. Wenn ein Mitglied die Gemeinschaft verlässt oder verlassen muss, wird das den anderen Mitgliedern von den Verantwortlichen mitgeteilt, inkl. einer Erklärung, warum das geschehen ist (in der Regel liegt die "Schuld" in der Schwäche des Ausgetretenen, der keine Möglichkeit hat, seine Entscheidung und seine Gründe den anderen direkt zu kommunizieren). Weiterer Kontakt mit Ausgetretenen ist nicht möglich bzw. der Leitung vorbehalten. Von Mitgliedern, die "früher" ausgetreten sind, die das einzelne Mitglied nicht kennt oder gekannt hat, erfährt es auch nichts. Über ehemalige Mitglieder wird insbesondere mit der Außenwelt nicht gesprochen.
Gespräche mit Verantwortlichen. Diese Gespräche, in denen das Mitglied sich völlig "öffnen" muss, wo auch sehr intime und heikle Themen angesprochen werden und der Einzelne oft weit über die Schmerzgrenze kritisiert und in Frage gestellt wird, sind absolut "geheim". Darüber spricht man mit niemandem.
Verfehlungen der Verantwortlichen. Die Verantwortlichen müssen "mit Ehrfurcht" behandelt werden. Die einzelnen Mitglieder erleben sie ohnehin nie von ihrer "persönlichen Seite", sondern immer nur in ihrer "Rolle". Falls ein Mitglied dennoch einmal eine Schwäche eines Verantwortlichen mitbekommt, was auch immer das ist, muss es darüber "ehrfurchtsvolles Schweigen" bewahren. Auf diese Art und Weise sind etwa die "hysterischen Ausfälle" von "Mutter Katharina" von allen ignoriert worden; und Patres, die für ihre "Schwäche" gegenüber Frauen bekannt sind, bleiben vor Behelligungen innerhalb der Gemeinschaft sicher.
Zweifel und Sorgen. Mitglieder, die Zweifel bekommen oder sich Sorgen um die Gemeinschaft, um sich selbst oder andere Mitglieder machen, dürfen diese nicht äußern, außer gegenüber ihrem Verantwortlichen, der sie ihnen wieder ausredet. Das gilt auch und gerade dann, wenn Mitglieder ernsthafte psychische Schwierigkeiten haben.
Krankheiten von Mitgliedern. Über Krankheiten spricht man nicht. In der Regel bekommen Mitglieder gar nicht mit, wenn ein anderes Mitglied im selben Haus krank ist, sei es akut oder chronisch. Wer es dennoch mitbekommt, weiß, dass er darüber nicht sprechen darf, dasselbe gilt natürlich, wenn man selbst krank ist. Ob und was mit der betreffenden Person geschieht, ist allein Sache der Verantwortlichen.
Was will dieser Blog?
Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.
Das Isaakopfer
In diesem Text zeigt Verhaeghe, was sie von ihren Mitgliedern fordert: wie Gott von Abraham verlangt hat, seinen eigenen Sohn zu töten, sollen die Mitglieder des Werkes im Gehorsam gegenüber ihren Verantwortlichen zu allem bereit zu sein, insbesondere dann, wenn es darum geht, das zu opfern, was ihnen am wichtigsten und liebsten ist.
Im Werk wird dieses Verhaeghe-Zitat besonders dann gebraucht, wenn ein Verantwortlicher ein Mitglied dazu bewegen will, den Kontakt zu seiner Familie, seine besonderen Begabungen oder seine tiefsten Wünsche aufzugeben. Das bricht den Mitgliedern das Herz, und macht sie nachhaltig innerlich krank.
Dieser Text zeigt auch, wie gefährlich eine nicht theologisch fundierte, rein geistlich-biblizistische Bibelauslegung ist, wie sie von Verhaeghe immer praktiziert worden ist und bis heute im Werk praktiziert wird.
"Es wird von uns der Glaube gefordert, der in menschlicher Ohnmacht sein Kind zum Opferaltare bringt. Dort wird Gott selbst eingreifen und den Glaubensakt, den der Glaubende in Treue zu seinen heiligen und unergründlichen Verfügungen vollzogen hat, in einen Akt der Anbetung verwandeln, der Ihn ehrt und verherrlicht."
Julia Verhaeghe
Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil I
Meine Erfahrungen mit
dem Werk betreffen den Zeitraum von 1961 bis 1974, Mitglied im Werk war ich von
1967 bis 1974.
1961 war ich noch Gymnasiastin; es waren Ferien - Ferien nach denen mich eine Französischprüfung erwartete. Eine Mitschülerin gab mir eine
Adresse in Wallonien, wo ich bei der Betreuung französischsprachiger Kinder
helfen könnte. Da ich von Haus aus sozial engagiert und christlich war, sprach
mich dieses Angebot an und so entschloss ich mich mit zwei Klassenkameradinnen
dorthin zu gehen, an einen uns unbekannten Ort: rue Probideau,
Villers-Notre-Dame bei Ath. Als wir dort ankamen, wurden wir noch am selben
Abend ohne Erklärung nach Brüssel weitergeschickt. Das überraschte uns, aber
wir dachten nicht länger darüber nach. In Brüssel wurden wir in einer
französischsprachigen Organisation in der Freizeitbetreuung von Kindern
eingesetzt, begleitet von zwei „Fräuleins“ vom „Foyer“. Damals wusste ich noch
nicht, dass das „Foyer Saint-Paul“ einer der Namen war, unter denen das Werk
arbeitete. Im Haus des Foyers, das damals in Woluwe lag, ging es für uns
Sechzehnjährige etwas allzu fromm zu. Aber es herrschte eine Atmosphäre von
Geborgenheit und Ruhe. Wir stellten uns keine Fragen, weder ich noch die beiden
anderen. Tagsüber halfen wir in der Kinderbetreuung, abends ruhten wir uns aus,
lasen oder unterhielten uns über ‚wer weiß was alles’. Mit den anderen
Hausbewohnern hatten wir kaum Kontakt. Über Villers sprachen wir nicht mehr.
Das Jahr darauf
bewegten mich meine Eltern, wieder hinzugehen. Diesmal ging ich allein. Nun
wurde ich in der „Familienpflege“ eingesetzt. Eines der Fräulein besorgte mir
eine gefälschte Bescheinigung, auf der mein Alter verändert wurde. Ich musste
ja achtzehn sein, um in Familien als „Familienhelferin“ arbeiten zu können. Bezahlt
für diese Arbeit wurde das „Foyer“. Aber ich stellte keine Fragen, sondern war
in meinem Idealismus selbst von dieser Arbeit überzeugt. Ich sammelte dabei
viel Lebenserfahrung. Von da an wurde ich von einem der Fräulein, Suzanne
Maesschalck, betreut. Sie lud mich ein, hin und wieder zu einem ihrer
Gottesdienste zu kommen. Außerdem durfte ich sie begleiten als sie andere
Häuser der Gemeinschaft besuchte; und sie lud mich immer wieder einmal ein, einige
Tage in einem der Häuser zu verbringen.
Ich fühlte mich
angezogen von der Atmosphäre, die dort herrschte, je länger je mehr. Jetzt, so
viele Jahre danach, möchte ich sagen „das Gift begann zu wirken“. Meine
tiefgläubige Erziehung, mein soziales Engagement, Frömmigkeit und Idealismus
machten mich empfänglich für diese Menschen. Nach dem Gymnasium wollte ich eine
Lehrerausbildung beginnen. Sie schlugen vor, dass ich danach noch zwei Jahre
daheim für meine Familie arbeiten sollte, dann sollte ich bei ihnen eintreten.
Inzwischen hatten sie mich auch gebeten, nicht zu viel über sie zu erzählen,
mit der Begründung, „die Menschen“ verstünden das nicht so gut oder sie sagten
gar: „Wir sind die Auserwählten, die Welt ist schlecht und versteht das nicht“.
Ich nahm das alles einfach so hin und ließ es mir gefallen. Ich fand die Welt
wirklich schlecht und glaubte mit der Zeit immer mehr, dass „Paulusheim“ (oder
„Opus Christi Regis“, wie das Werk sich damals meistens nannte), der einzige
richtige Weg war. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte angefangen und ich war
irgendwie selbst davon überzeugt, dass die Kirche den falschen, den
oberflächlichen und modernistischen Weg ging. Das Werk war der einzige wahre
Weg.
Ich teilte meinen
Eltern mit, dass ich ins Werk eintreten wollte. Sie hatten es bis dahin noch
nicht näher kennengelernt. Zwar waren sie nicht gegen meinen Entschluss, einer
religiösen Berufung zu folgen, aber sie stellten eine ganze Reihe praktischer
Fragen, auf die sie keine Antwort bekamen. Sie mussten einfach Vertrauen haben.
Als großes Hindernis erwies sich, dass sie mich baten, noch ein Jahr zu warten,
weil die Familie mich wirklich noch brauchte. Es entstand ein verbissener
Streit zwischen meinen Eltern und der Gemeinschaft. Ich blieb bei meinem
Entschluss – völlig von ihnen beeinflusst und von ihnen unterstützt: „Siehst
du, deine Berufung ist echt, wie es im Evangelium steht: Wer Vater und Mutter
nicht verlässt, ist meiner nicht würdig... Kinder werden sich gegen ihre Eltern
erheben...“
Mittlerweile weiß ich,
dass damals schon Priester im Umkreis meiner Familie durch ein einziges Wort
ihrerseits viel Leid hätten verhindern können. Aber sie schwiegen. Je mehr
meine Eltern sich meiner Entscheidung widersetzten, desto stärker hielt ich
daran fest. Ich war sogar bereit, alle Sicherheiten aufzugeben, weil ich auf
die göttliche Vorsehung vertraute, die ganz besonders über dem Werk wachte.
Langsam aber sicher war ich völlig in den Einfluss des Werkes geraten. Ich ließ
mich von ihnen führen, und nicht allein in den kleinen Dingen, auch deswegen
weil sie mein Ego sehr ansprachen. Sie betonten immer wieder, dass ich genau
die Talente hatte, die es brauchte, damit das Werk seine Sendung erfüllen
könnte. Ich gehörte zu den Berufenen, den wenigen Auserwählten. Diese
enthusiastische Aufnahme bestärkte mich ungemein. Auch die Perspektiven, die
sie mir vor Augen stellten, waren vielversprechend. Ich dürfte in Rom studieren,
weil ich berufen wäre „Leitungsverantwortung“ wahr zu nehmen – etwas, das nicht
jeder kann. Ich fiel auf sie herein: auf ihre Begabung, andere zu manipulieren.
Später erkannte ich, wie sie bei jedem potenziellen Kandidaten den schwachen
Punkt suchten, der es ihnen ermöglichte, die Schlinge enger zu ziehen.
Ich ging wie auf
Wolken. Nicht wenige Menschen in meiner Umgebung warnten mich und versuchten,
mich zu einer kritischeren Haltung zu bewegen. Aber ich sah alles nur mit den
Augen des Werkes, konnte nichts anderes mehr wahrnehmen. Alles, was von draußen
kam, war schon wie gefiltert durch die Anschauung des Werkes. Sie formulierten
das ziemlich deutlich:“ Alles und jeder, der gegen das Werk spricht, kommt vom
Teufel. Er ist schlecht! Du musst deine Ohren vor ihm verschließen!“ Meine
Eltern durchlebten abwechselnd Phasen von Verbitterung, Verzweiflung und Hass.
Aber in meinem jugendlichen Trotz glaubte ich, das im Namen des Evangeliums ertragen
zu können. Einige Priester aus der Umgebung wurden eingeschaltet, manche hatten
keine Ahnung und glaubten, es ginge um eines der vielen neuen Säkularinstitute.
Andere wussten mehr, zogen es aber vor zu schweigen, um in der schwierigen
Auseinandersetzung zwischen mir und meinen Eltern nicht Stellung beziehen zu
müssen.
Im September 1967 ging
ich in aller Stille von daheim weg. So hatten es mir die Leute vom Werk
geraten...
Fortsetzung hier
Geben, Opfern, Sterben: Die evangelischen Räte.
Liebe, die gibt, die opfert, die stirbt
Dieser Text ist eine Auslegung der drei evangelischen Räte nach Verhaeghe. Entsprechend ihrem negativen Menschenbild betrachtet sie die evangelischen Räte einseitig als "Opfer". Nur durch radikalen Verzicht auf das eigene Ich und die geschaffene Welt kann die Seele Gott wohlgefällig sein und zu ihm gelangen.Abgesehen davon, dass eine derart radikale Distanz "zu jedem geschaffenen Wert" praktisch unmöglich ist, stürzt der damit verbundene Anspruch den Einzelnen in einen tiefen inneren Konflikt, weil er ihn zwingt, seinen eigenen Intuitionen und Bedürfnissen zu misstrauen und sie zu unterdrücken anstatt sie zu integrieren, weil er zudem ein Gottesbild vermittelt, das den Menschen nur unter Vorbehalt liebt.
Liebe, die gibt:
In jungfräulicher Reinheit gehöre ich ganz dir an. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich dir ganz hingegeben sein.
- Ich will allem entsagen, was nicht zu dir führt.
- Ich will mich von allem enthalten, was nicht das Wesentliche betrifft.
- Ich will mich vorbereiten auf das ewige Hochzeitsmahl.
- Möge ich nach deinem Opfer hungern, nach deinem Opferblute dürsten.
Liebe, die opfert:
In tiefer Armut will ich nichts für mich selbst besitzen, sondern alles ausrichten auf die Ehre deines Vaters und den Ruhm deiner Kirche. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich mit dir opfern.
- Ich will nicht begierig nach den Gütern dieser Zeit verlangen.
- Ich will meine Kräfte, meine Talente und meine Zeit gewissenhaft gebrauchen und dir in allem selbstlos dienen.
- Ich will nichts für mich selbst zurückbehalten, was ich von dir empfangen habe.
In tiefer Armut will ich nichts für mich selbst besitzen, sondern alles ausrichten auf die Ehre deines Vaters und den Ruhm deiner Kirche. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich mit dir opfern.
- Ich will nicht begierig nach den Gütern dieser Zeit verlangen.
- Ich will meine Kräfte, meine Talente und meine Zeit gewissenhaft gebrauchen und dir in allem selbstlos dienen.
- Ich will nichts für mich selbst zurückbehalten, was ich von dir empfangen habe.
Liebe, die stirbt:
In treuer Folgsamkeit will ich immer mehr mit dem Willen meines Bräutigams eins werden. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich mit dir sterben.
- Möge ich arm werden an eigenem Willen.
- Möge dein Wille mein ganzes Verlangen sein.
- Möge mein menschliches Denken aus meinem Herzen genommen sein.
- Möge dein Geist mich leiten und mich voranführen.
- Möge meine Seele von dir erfüllt und ergriffen werden.
- Möge mein Gehorsam dir bis ans Kreuz folgen.
- Möge ich mit dir und für dich den Tod der Liebe sterben.
Maria, schmerzhafte Mutter, präge deine Opferbereitschaft in meine Seele ein, so dass ich mit dir den Weg deines Sohnes gehe, den Kreuzweg, der mich zum Tisch des ewigen Ostermahles führen wird!
Durch ihr gottgeweihtes Leben treten die Angehörigen des ‚Werkes‘ in die Nachfolge Christi ein. Im ‚Werk‘ binden sie sich durch ihr ‚Heiliges Bündnis‘ an ihn und gehen so den Weg mit ihm. Daraus ergibt sich der Buß- und Opfercharakter ihres Engagements.
So soll ihr Leben dem einen dienen: eine Antwort auf seine einladende göttliche Liebe sein, indem sie ihm ihre ganze menschliche Liebe schenken. Ihr ‚Heiliges Bündnis‘ in vollkommener Jungfräulichkeit, vollkommener Armut und vollkommenem Glaubensgehorsam ist der Weg, auf dem sie diese Antwort der Liebe verwirklichen. Wer zum ‚Heiligen Bündnis‘ berufen wird, tritt in Distanz zu jedem geschaffenen und begrenzten Wert, um seine Liebe ungeteilt Gott zu schenken und diese um seinetwillen als selbstlose Güte zu den Menschen zurückkehren zu lassen. So leben wir die Jungfräulichkeit als die eine ungeteilte Liebe; die evangelische Armut als die auf Gott vertrauende Hoffnung; den Gehorsam als liebenden und bedingungslosen Glauben.
Julia Verhaeghe
Etwas in die Einheit legen
"Etwas in die Einheit legen"
Diese Formel wird im Werk zur Verschleierung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Verantwortlichen und einfachen Mitgliedern verwendet. Die Mitglieder sollen alles "in die Einheit legen", d.h. ihren Verantwortlichen mitteilen. Wenn sie etwas nicht mitteilen ist das eine "Sünde gegen die Einheit", wenn sie von sich aus aktiv werden, auch im noch so kleinen Rahmen, ohne ihre Initiative mitzuteilen, also ohne ihr Vorhaben "in die Einheit zu legen", liegt entsprechend der Ideologie des Werkes nicht nur "kein Segen" auf ihrem Tun, sie müssen auch damit rechnen, dass ihre Initiative unterbunden wird, sobald andere darauf aufmerksam werden und dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Aber selbst Gefühle und Eindrücke müssen "in die Einheit gelegt" werden. Die Verantwortlichen sichern sich so die totale Kontrolle über alles, was in ihren Mitgliedern vorgeht und können sie dementsprechend beeinflussen bzw. unter Druck setzen. Verantwortliche ihrerseits sind den einfachen Mitgliedern keine Rechenschaft schuldig und behalten ihre Pläne und Gefühle für sich.
Diese Formel wird im Werk zur Verschleierung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Verantwortlichen und einfachen Mitgliedern verwendet. Die Mitglieder sollen alles "in die Einheit legen", d.h. ihren Verantwortlichen mitteilen. Wenn sie etwas nicht mitteilen ist das eine "Sünde gegen die Einheit", wenn sie von sich aus aktiv werden, auch im noch so kleinen Rahmen, ohne ihre Initiative mitzuteilen, also ohne ihr Vorhaben "in die Einheit zu legen", liegt entsprechend der Ideologie des Werkes nicht nur "kein Segen" auf ihrem Tun, sie müssen auch damit rechnen, dass ihre Initiative unterbunden wird, sobald andere darauf aufmerksam werden und dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Aber selbst Gefühle und Eindrücke müssen "in die Einheit gelegt" werden. Die Verantwortlichen sichern sich so die totale Kontrolle über alles, was in ihren Mitgliedern vorgeht und können sie dementsprechend beeinflussen bzw. unter Druck setzen. Verantwortliche ihrerseits sind den einfachen Mitgliedern keine Rechenschaft schuldig und behalten ihre Pläne und Gefühle für sich.
Zum "sektenartigen Hausjargon" neuer geistlicher Gemeinschaften vgl. Urquhart, Gehirnwäsche.
Opferbereitschaft
"Opferbereitschaft"
Eines der zentralen Ideale traditioneller katholischer Frömmigkeit, die das tägliche Leben und Arbeiten der Mitglieder des Werkes prägen, ist "Opferbereitschaft". Je bereitwilliger ein Mitglied Opfer bringt und je größer diese Opfer sind, desto weiter scheint es auf dem Weg der Heiligkeit vorangeschritten zu sein. Dahinter steht die Vorstellung, dass Menschen in das Erlösungsleiden Jesu Christi eintreten und durch ihr eigenes Leiden Gnaden für sich selbst und andere Menschen verdienen könnten. Verkürzt führt dieses Ideal zur Gleichsetzung von Leiden und Heiligkeit: je mehr ein Mensch leidet, desto heiliger ist er, desto näher ist er Gott und desto mehr ist er von Gott geliebt. Der Größe dieses Leidens ist dabei keine Grenze gesetzt. Im Werk bedeutet dies, dass ein Mitglied kaum begründen kann, warum es bestimmte Verzichte oder Belastungen nicht auf sich nehmen will. Die Tatsache alleine, dass etwas als belastend oder quälend empfunden wird, kann nicht als Argument ins Feld geführt werden, wo Leiden und Opferbereitschaft als Ideal gilt.
Zum "sektenartigen Hausjargon" neuer geistlicher Gemeinschaften vgl. Urquhart, Gehirnwäsche.
Dienen
"Dienen"
Dienen heißt im Werk etwas leicht anderes als Außenstehende vermuten würden. Nicht nur, dass das Werk diese etwas altmodisch anmutende Vokabel nach wie vor nutzt anstatt sie durch "Engagement", "Sich einbringen" o.a. zu ersetzen, es weitet den Begriff auch auf Gegenstände aus und verwendet ihn nicht aktiv, sondern passiv. Anstatt "ich diene" spricht man nur davon, dass "etwas oder jemand dient". Der Einzelne hat keine Wahl, kann seinen Dienst nicht selbst in die Hand nehmen. Ob und wie er dient ist weder seine Entscheidung noch etwas, was er selbst feststellen könnte. Es ist ein Urteil, das über ihn gefällt wird: "Deine Sprachbegabung dient der Gemeinschaft" (d.h. ob deine Kreativität das auch tut, ist eine andere Frage), "dieses Kleidungsstück dient" (ein anderes tut es vielleicht nicht oder nicht mehr). "Dienen" wird im Werk also im Sinne von "nützlich sein" verwendet. Und das ist das Kriterium für die Seinsberechtigung von Personen und Dingen im Werk: wer oder was nützt, ist willkommen, was nicht "dient", darf auch nicht sein.
Unterscheidung
"Unterscheidung"
Dieser Begriff ist am gebräuchlichsten in der Formel "nicht vergleichen, sondern unterscheiden". Er ist ein ebenso wichtiges Werkzeug zur Manipulation der Mitglieder des Werkes wie die drei Pfeiler. Indem Verantwortliche Mitgliedern sagen, sie sollten nicht vergleichen, sondern unterscheiden, nehmen sie ihnen alle Maßstäbe, die ihr Denken leiten könnten. Solange Mitglieder eigene Maßstäbe haben, können sie argumentieren und gegenüber ihren Verantwortlichen Stellung beziehen indem sie z. B. sagen, jemand anderes müsse weniger arbeiten, dürfte seine Eltern öfter sehen, dürfte studieren usw. - warum darf ich das dann nicht auch? Oder: diese Person haben wir eingeladen, warum dann nicht auch diese oder jene? Oder: die Mitschwestern in xy haben dies oder das getan, warum tun wir das dann hier nicht auch? Oder: Handkommunion ist doch erlaubt und wird überall in der Kirche praktiziert, warum dürfen wir sie dann im Werk nicht praktizieren? Etc. Durch die Formel vom "Unterscheiden" werden solche "Vergleiche" unmöglich: was woanders geschehen ist, was ein anderer tut, was gestern war - taugt nicht als Kriterium für das, was jetzt heute von dir gefordert ist und was jetzt für dich gilt. Das ist hier alles ganz anders, weil du im Werk bist und weil das Werk etwas so besonderes ist und weil hier jeder anders behandelt wird und man das alles nicht vergleichen darf - Der einzige gültige Maßstab, der das Denken und Handeln der Mitglieder leiten darf, ist damit der Wille der Verantwortlichen, der an nichts anderem mehr gemessen werden kann.
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