Was will dieser Blog?

Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.

Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil VI



Ich musste erleben, wie Mitglieder, die für die Zwecke des Werkes weniger geeignet zu sein schienen, aufs Abstellgleis befördert, ja manchmal sogar einfach unverfroren „ausgesetzt“ wurden. Als ich 1967 meine Familie verließ, um ins Werk einzutreten, hielt ich es für eine logische Konsequenz, dass ich den Kontakt mit meinen Eltern abbrach, die sich ja gegen das Werk gestellt hatten. Nach einer gewissen Zeit merkte ich aber, dass auch Eltern, die vom Werk begeistert gewesen waren, aufs Abstellgleis befördert wurden. Jeder Außenstehende wurde vom Werk sortiert, und zwar nach einem einzigen Kriterium: wofür können wir diese Person gebrauchen? Es war nur folgerichtig, dass viele dann „nach Gebrauch“ verworfen wurden. Jeder Außenstehende, der versuchte, weiter ins Werk vorzudringen, der es wagte, mehr Fragen zu stellen als andere oder der es sich gar anmaßte Kritik zu äußern, wurde einfach „aussortiert“. Erschütternd war besonders die Art und Weise, in der das Werk mit Mitgliedern umging, die zweifelten oder die sich das „räsonieren, diskutieren und kritisieren“ nicht ausreden ließen. Es ist mir wichtig, hier von einem Vorfall zu berichten, der mich damals sehr beunruhigte.


Lieve Bommerez, das Mädchen, das gemeinsam mit mir in Rom studiert hatte, hatte ich seit meinem Wechsel nach Innsbruck nicht mehr wiedergesehen. Wie die interne Regel es wollte, fragte ich weder nach ihr noch nach sonst jemandem. Natürlich fragte ich mich selbst, wie es ihr wohl ginge und was sie wohl tue. Das schien mir nichts Verwerfliches: unsere gemeinsame Zeit in Rom hatte uns ja doch verbunden. Eines Tages hörte ich im Gespräch mit der Leitung, dass Lieve Bommerez den Platz einer Verantwortlichen in Rom zugewiesen bekommen sollte. Allerdings ginge es ihr nicht so gut... Was genau nicht „gut ging“ wurde nicht näher erklärt. Aber es wurde ihr ziemlich heftig vorgeworfen, dass sie ohne Zustimmung der Leitung Kontakt mit einem Arzt aufgenommen hätte. Einige Wochen später bekam ich einen besonderen Auftrag: Lieve sollte nach Innsbruck kommen und ich sollte dafür sorgen, dass sie „verwöhnt“ wird: ein Einzelzimmer, Leckereien, entspannende Spaziergänge. Außerdem sollte sie so wenig wie möglich Kontakt mit den anderen Schwestern in Innsbruck haben. Als Lieve in Innsbruck ankam, erkannte ich sie nicht wieder. Sie war sehr abgemagert, hatte einen glasigen Blick und alle Lebenslust und Begeisterung waren aus ihr gewichen. Mir wurde gesagt, dass sie völlig „entgleist“ wäre. „Man“ sollte ihr helfen, wieder auf einen guten Weg zurückzufinden. „Man“ – das waren v.a. Strolz und G. Smet, die abwechselnd stundenlange Gespräche mit Lieve führten. Ich durfte keine persönlichen Gespräche mit ihr führen, meine Rolle bestand ausschließlich darin, sie zu „verwöhnen“. Einige Wochen später, war Lieve „gesund“. Mir kam es vor, als wäre sie zum Roboter geworden. Zum ersten Mal bekam ich Angst und nahm mir vor, sicher niemals jemandem meine Zweifel und Bedenken mitzuteilen.


Was ich hier von Lieve erzählt habe, ist kein Einzelfall. Ich wurde zur Zeugin dafür, wie Menschen mit dieser Methode „umgeformt“ wurden. Ich nenne sie die „Warm-Kalt-Behandlung“. Immer wieder kam es vor, dass Mitglieder mit einer Überzahl von Aufträgen überlastet wurden. Alles musste perfekt sein. Da war es nicht verwunderlich, dass dann und wann jemand Ermüdungserscheinungen zeigte. Unterlief dann einmal ein Fehler, gab es Maßregelungen. Nicht selten wurde die betreffende Person dann eine Zeit lang irgendwo isoliert. Ein Fall ist so heftig, dass er beinahe unmöglich erscheint:


Margarete war eine Zeit lang Verantwortliche in Wien. Auch sie hatte Anfang der 70er Jahre eine wichtige Funktion im Werk inne. Sie war oft mit dem Auto unterwegs, um in ganz Österreich und einem Teil von Deutschland Kontakte zu knüpfen und zu pflegen; außerdem begleitete sie junge Menschen in Wien und hatte eine ganze Reihe weiterer täglicher Aufgaben. Als sie sich einmal in Innsbruck aufhielt nahm sie auch „Mutter“ und Strolz im Auto mit. Dabei gab es einen kleinen Zwischenfall mit der Straßenbahn, durch den das Auto leicht beschädigt wurde. „Mutter“ schien aber einige Tage nach diesem Zwischenfall „sehr krank“ zu sein. Sie musste das Bett hüten. Ich musste sogar nachts an ihrem Bett wachen. Nun habe ich keine besonderen medizinischen Kenntnisse und bin kein Arzt und kann mich von daher auch nicht über ihren damaligen Gesundheitszustand aussprechen, meinem Gefühl nach war da aber nichts. Es durfte auch kein Arzt zu Rate gezogen werden, wer auch immer. „Mutter“ blieb wochenlang im Bett. Und ich musste dafür sorgen, dass niemand sonst erfuhr, dass sie in Innsbruck war. In Absprache mit der neuen Verantwortlichen in Rom wurde vorgegeben, „Mutter“ wäre in Rom. Sogar der Arzt, der dann schließlich telefonisch zu Rate gezogen wurde, musste seine Anweisungen nach Rom melden; und von dort aus wurden sie dann nach Innsbruck weitergegeben. „Mutter“ entschied dann selbst, ob der Doktor richtig gelegen hatte und wählte aus einer Liste diejenigen (homöopathischen) Mittel aus, die sie nehmen wollte. Einige Tage später teilten Strolz und Smet mit, dass Margarete „Ruhe braucht“. Sie sollte „irgendwo“ in Deutschland einen neuen Auftrag bekommen. Und wieder bekam ich Angst, wenn ich daran dachte, was mit mir selbst geschehen könnte. – Nun, zwanzig Jahre später habe ich die „Werksversion“ von diesem Vorfall zu hören bekommen. Ein Ex-Mitglied, das vor einiger Zeit das Werk verlassen hat, erzählte mir, dass damals die Geschichte die Runde machte, ein Mitglied des Werkes habe in Innsbruck durch einen Autounfall einen „Anschlag“ auf „Mutter“ verübt. „Gott sei Dank hat die Vorsehung diesen Plan des Teufels vereitelt“ – war der Kommentar gewesen. Ich konnte meinen Ohren nicht glauben!

Nach und nach beunruhigten mich diese Erfahrungen immer mehr...



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Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil V


Das Werk schien nun nicht mehr die vom Evangelium inspirierte Gemeinschaft zu sein; sie schienen nicht wirklich so sehr um die „Einheit“ bekümmert zu sein, wie sie jedem vorschwärmten. Ich bemerkte, dass zwei Sprachen gesprochen wurden: zuerst gab es die Sprache, die die Verantwortlichen untereinander sprachen, und dann gab es die, in der sie mit den Mitgliedern sprechen mussten. Ich musste bspw. einmal einer Schwester mitteilen, dass sie „von Gott dazu berufen war“, sich um ältere Menschen und ältere Religiosen zu kümmern: Sie sollte das Evangelium in der Altenpflege verwirklichen und da in aller Stille den Geist des Werkes einfließen lassen. Diese schönen Worte verbargen, dass die Leitung eigentlich nicht wusste, was sie mit dieser Schwester anfangen sollten. Sie war wirklich kein Blitzdenker, sondern eher etwas naiv. Ich bekam den Auftrag, sie doch hin und wieder noch in die Gemeinschaft in Innsbruck zurückkommen zu lassen, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der Kontakt zu ihr nach und nach abbrechen würde.


Mir wurde bewusst, dass es im Werk eine Kerngruppe gab, die ganz bewusst Sachen durchsetzten, von denen die Mitglieder keinen blassen Schimmer hatten. Die „Offenheit“, die man aufbringen sollte und die so selbstverständlich vorausgesetzt wurde, schien ausschließlich für die gewöhnlichen Mitgliedern zu gelten, nicht für die Leitung. Ich war z. B. wochenlang damit beschäftigt, eine Wohnung in Berchtesgaden einzurichten, wo alle „Berichte“ der Mitglieder in feuerfesten Behältern aufbewahrt werden sollten. Die Mitglieder, die mit mir in Innsbruck wohnten, durften aber unter keinen Umständen erfahren, wohin ich mich da regelmäßig auf den Weg machte. Später erst fiel mir auf, welchen Symbolwert dieser Ort hatte. Lag unser Archivbunker, mit all den geheimen Informationen über die Mitglieder und viele andere Personen, nicht direkt gegenüber dem Adlerhorst Hitlers?


Ich erlebte, dass immer genug Geld da war, um die Pläne der Leitung zu finanzieren: Telefongespräche, Autofahrten, Porto... es wurde nie zu teuer. Gleichzeitig wurde von den gewöhnlichen Mitgliedern große Sparsamkeit verlangt. Das Projekt einer eigenen Druckerei in Innsbruck, die zu nichts anderem bestimmt war, als die „Worte“ von „Mutter“ zu drucken, verschlang ziemlich große Summen. Was das Papier, die Tinte, die Instanthaltung der Maschinen kostete, spielte dabei keine Rolle. Aber das Budget für die Lebensmittel, die Kleidung und alles, was die Mitglieder benötigten, musste auf ein Minimum heruntergedrückt werden: wir waren ja arm wie das Jesuskind im Stall von Betlehem, nicht? Es wurde mit verschiedenem Maß gemessen. Das merkte ich besonders deutlich während einer der vielen „Krankheitsphasen“ von „Mutter“. Sie war damals in Innsbruck, aber alle mussten im Glauben gehalten werden, sie wäre in Rom. Jeden Tag gab es ein Telefonat mit einem „Doktor“ in Belgien. Die Medikamente, die er per Telefon empfahl, mussten dann zuweilen in München besorgt werden – und das geschah sofort. Zur selben Zeit hatte eines der „normalen“ Mitglieder eine Halsentzündung. Als ich vorschlug, einen Arzt zu Rate zu ziehen, bekam ich von „Mutter“ die liebevolle Antwort: „Lass sie das nur mal aushalten; es ist ganz deutlich eine Versuchung des Teufels, sie muss lernen, ihre Berufung zu verdienen. Ihre Krankheit ist nichts anderes als ein Zeichen ihrer Untreue.“ Damit war es um den schönen Schein getan.


Nun empfand ich noch deutlicher, was mir damals in Villers schon aufgefallen war: es wurde jedes Mal eine gewaltige Energie aufgebracht, wenn ein „Besucher“ ins Haus kam, ganz besonders dann, wenn es um einen einflussreichen Priester, einen Bischof oder sonst jemanden ging, der dem Werk potenziell wohlgesinnt war und irgendwie als Zugang oder Brücke irgendwohin geeignet war, damit die Pläne des Werkes umgesetzt werden konnten. Mir wurde langsam klar, dass nicht Gott einen Plan mit dem Werk in der Kirche hatte, sondern dass das Werk Pläne mit Gott in der Kirche hatte. Und ich erkannte, dass unsere regelmäßigen Berichte die Leitung perfekt in die Lage versetzten, alles und jeden zu kontrollieren. Und wenn es jemand wagte, einem anderen Mitglied gegenüber einmal Zweifel oder Kritik an der Gemeinschaft zu äußern, ging er damit immer zugleich das Risiko ein, dass der andere es in seinem Bericht melden würde. Das war ein erstickendes System. Mir wurde klar, dass die ganze Kraft, das Geld, die Begabungen, die Zeit, - alles, investiert wurde, um die Fassade des Werkes aufzubauen. Was das eigentliche Ziel des Werkes war, war mir aber noch nicht klar... 


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Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil IV


Ich verließ Rom. Man sagte mir, dass ich wieder nach Villers kommen sollte. Dort bekam ich eine Aufgabe in der Druckerei. In Villers herrschte eine andere Atmosphäre als in Rom. Die Regionalverantwortliche dort erklärte mir gleich ohne alle Umschweife, dass in Rom eine verkehrte Lebensweise gepflegt worden wäre; die Mitglieder hätten dort zu viel Entspannung gehabt und der Geist des Werkes wäre nicht immer gewahrt worden. Ich fragte nicht, was mit den anderen geschah, die mit mir in Rom studiert hatten – oder mit der Regionalverantwortlichen von Rom. Man sagte mir nur, dass ich dazu „geformt“ werden würde, selbst eine Verantwortliche zu werden. Das erfüllte mich mit Stolz, sodass ich mit doppeltem Eifer ans Werk ging. Und die Regionalverantwortliche ließ mich weiterhin spüren, dass ich auch hier wieder eine bevorrechtigte Stellung einnahm, ich wäre „besonders berufen“, „das verstehen nur wenige“, „du kannst das“.


Immer wieder war ich bei den Gesprächen der Hauptverantwortlichen in Villers zugegen. Der „Rat“ nahm für gewöhnlich die Mahlzeiten nicht gemeinsam mit den normalen Mitgliedern ein. Es war eher selten, dass die „Großen“ einmal am Tische der „Kleinen“ Platz nahmen. Hier nun lernte ich jemanden kennen, der im Werk eine sehr große Rolle spielen sollte: Mikle Strolz (Maria Katharina Strolz). Ich war im Ungewissen darüber, woher sie kam. Auch durfte ich keine Fragen stellen. Eines war aber klar: sie ging nicht den gewöhnlichen Weg der neu Eingetretenen im Werk. Ihre Vertrauensposition bei „Mutter“ war von Anfang an eine ganz besondere. Es lag auf der Hand, dass sie eine Führungsrolle im Werk einnehmen würde. Verantwortliche, die schon viele Jahre Vertraute von „Mutter“ gewesen warn, mussten nun zurück auf den „zweiten Rang“.


Einige Monate später wurde ich als Verantwortliche in Innsbruck eingesetzt. Ich sollte Suzanne de Maesschalck ersetzen. In den Gesprächen der Hauptverantwortlichen war in letzter Zeit viel Kritik an Suzanne laut geworden. Offensichtlich hatte es schon in den Jahren zuvor Schwierigkeiten zwischen ihr und „Mutter“ sowie zwischen ihr und anderen älteren Mitgliedern gegeben. Außerdem hatte ich verstanden, dass sie früher eine wichtige Rolle gespielt hatte und dass sie für das Werk viele Kontakte zu einflussreichen und vermögenden Personen unterhielt. Aber sie passte nicht mehr ins Kader, ja sie war zur Last geworden, anscheinend vor allem für Mikle Strolz. Die Angriffe auf Suzanne wurden in bestimmte Phrasen gekleidet, wie etwa „Sie ist dem Geist des Charismas untreu geworden. Sie hat das Geheimnis des Königs verraten. Sie lebt die Hingabe im Werk nicht mehr“. Obwohl ich nicht genau wusste, worum genau es in diesem Streit zwischen Suzanne und dem Rest der Leitung ging, wurde mir allmählich klar, dass das alles Tarnung war. Tatsache war: Suzanne war im Weg. Sie musste aus ihren Reihen verschwinden. Während meiner Ausbildung im Werk hatte ich viel über die schrecklichen Praktiken kommunistischer Regime lesen müssen. Was ich jetzt erlebte, schien mir aber regelrecht von dort her zu kommen. Was mit Suzanne geschah, war wie aus einem kommunistischen Programmbuch entnommen. Das war die reinste „Säuberung an der Spitze“. Es tat mir leid, weil ich Suzanne immer bewundert hatte. Ich wurde nachdenklich, aber zugleich behielt ich Vertrauen zur Gemeinschaft und setzte mich weiter für sie ein. Die Gemeinschaft in Innsbruck schilderte man mir als einen großen Trümmerhaufen, den Suzanne zurückgelassen hatte. Dort sollte ich alles wieder in Ordnung bringen. Ich sollte die dort arbeitenden Mitglieder begleiten, eine Druckerei auf die Beine bringen und Kontakt mit den Priestern halten, die dem Werk gegenüber wohlgesinnt waren. Außerdem sollte ich Kontakt halten mit den Mitgliedern, die „draußen“ arbeiteten, sie regelmäßig für ein Wochenende oder ein paar Tage einladen, und dafür sorgen, dass sie regelmäßig ihren finanziellen Beitrag leisteten. Ganz besonders sollte ich potenzielle neue Kandidaten betreuen, um zu beweisen, dass ich auch „Mutter“ sein könnte für das Werk. Und ganz selbstverständlich sollte ich alles regelmäßig nach Villers berichten bzw. dorthin, wo die „internationale Leitung“ gerade war. Strolz hatte darin bereits eine zentrale Stellung inne.


Wann genau es geschah, kann ich kaum sagen. Es ist eher das Ergebnis vieler kleiner Vorkommnisse, die mir nach und nach die Augen für die Realität geöffnet haben, in der ich mich befand. Ich kann es kaum beschreiben. Menschen, die das nicht selbst erfahren haben, werde ich es kaum veranschaulichen können: Allmählich wurde ich mir bewusst, in was für einem erstickenden Mechanismus ich gefangen war – ich gemeinsam mit vielen anderen. Vor allem das, was anderen angetan worden ist, hat mir die Augen geöffnet. 


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Noviziat, Ausbildung Formung. Ideal und Realität.


Noviziat, Ausbildung und Formung.


Ideal und Realität.
Das Noviziat im „Werk“ hat zum Ziel, dass die Novizen nach den Prinzipien des „Werkes“ und seiner Spiritualität auf ein Leben in den evangelischen Räten in der Gnade des „Heiligen Bündnisses“ mit dem Herzen Jesu vorbereitet werden. Die Novizen sollen zu jenem Gesinnungswandel hingeführt werden, den der Apostel Paulus mit folgenden Worten zum Ausdruck bringt: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12,1-2). Das Wort Noviziat erinnert die Novizen daran, dass sie zu einer umfassenden Bekehrung und Neuwerdung in Christus berufen sind. Durch ihr Streben nach Heiligkeit (vgl. 2 Kor 7,1) tragen sie zur Heiligkeit der Kirche bei.

Die Novizen betrachten die geistliche Familie „Das Werk“ als ihre neue Familie, die sie mehr und mehr lieben sollen (vgl. Mk 3,31-35). Sie müssen bereit sein, in der Kraft des Glaubens ihre bisherige Lebenswelt zu verlassen (vgl. Mk 1,16-20; Lk 9,62), um in ihrer neuen Familie in die Schule Jesu zu gehen, seine Freunde zu werden und für ihre Sendung als Gottgeweihte vorbereitet zu werden. Um des Herrn willen sollen sie Gewohnheiten und Mentalitäten aufgeben, die mit der Nachfolge Christi nicht vereinbar sind.
 - Konst. V, 1 und 3. 


Die Formung im Werk, wie sie hier am Beginn des 5. Kapitels der Konstitutionen beschrieben wird, ist ganz getragen von der Absicht, die neuen Mitglieder im Geiste der Spiritualität des Werkes zu erziehen. Das heißt nicht einfach nur, dass sie eine Ausbildung erhalten oder eine Spiritualität kennenlernen, dass sie in eine neue Lebenswelt eintauchen und lernen, sich in ihr zurechtzufinden und sich in sie einzubringen. Es heißt vielmehr, wie das schon im Pauluszitat aus dem Römerbrief deutlich wird: den Wandel des Denkens. Außerdem eine Bekehrung im Sinne einer "schmerzhaften" Selbstverleugnung, wie das das Zitat Verhaeghes nahelegt, das in der Fußnote zum eben zitierten Text enthalten ist:

Wir leben in einer Mentalität, die bewusst oder unbewusst die Dinge vom Ich aus betrachtet, in einer Mentalität, die das Licht über die Folgen der Ursünde in uns mit allerlei Motiven und beschönigenden Namen trübt. Wenn wir Gott lieben mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und mit allen unseren Kräften (vgl. Dtn 6,5), dann werden wir der heilenden Selbstverleugnung kein Hindernis entgegensetzen, wenn uns auch der läuternde Schmerz nicht erspart bleiben wird; doch dieser gereicht uns zum Heil.
 - Zitat Verhaeghes in der Fußnote zu Konst. V, 3.


Das Noviziat. Das Ideal.

In die Nachfolge Jesu einzutreten und sich zu diesem Zwecke einer Gemeinschaft anzuschließen, die ein eigenes Charisma besitzt, heißt nicht nur einen neuen Lebensabschnitt beginnen, es heißt das eigene Leben von Grund auf neu auszurichten, sich vertrauensvoll und bedingungslos dem Willen Gottes zu überlassen, die Konfrontation mit sich selbst und den eigenen Fehlern und Schwächen nicht zu scheuen und sich gerne zurechtweisen und helfen zu lassen, um dem Ideal der eigenen Berufung immer mehr zu entsprechen, um immer hellhöriger zu werden für den Willen Gottes, um immer sicherer auf dem Weg des geweihten Lebens voranzuschreiten und anderen Menschen immer besser Orientierung geben zu können.

Man wird zu einem anderen Menschen, legt alte Gewohnheiten ab und nimmt neue an, verliert alte Bekanntschaften und macht neue, verliert alte Ansichten und gewinnt neue Einsichten. Man kleidet sich anders, spricht anders, lebt anders, denkt anders - ist anders, man ist ein neuer Mensch geworden. 

Das Noviziat. Beobachtungen.


Zur Skepsis veranlasst hier vielerlei: die Rede vom "Neuen Denken", von der "neuen Familie", von der "umfassenden Bekehrung, von der Pflicht "Gewohnheiten" und "Mentalitäten" aufgeben zu müssen. An und für sich kann all dies vernünftig und angebracht sein. Inwieweit es das ist, hängt aber von den konkreten Umständen ab: ist der Einzelne frei? Ist es er selbst, der sich zu diesem neuen Denken und Leben hinentwickelt oder wird es ihm von außen aufgedrängt? Werden seine Bedenken und Gefühle ernstgenommen? Was genau heißt "neues Denken" und wie kommt man dazu? Welche Gewohnheiten müssen aufgegeben werden? usw. 

So wie die "Formung neuer Mitglieder" im Werk vor sich geht, gleicht sie eher der Umerziehung von Menschen, die in eine Sekte geraten sind. Die Schritte sind dieselben: 

Isolation. Zuerst wird das neue Mitglied von seiner bisherigen Umwelt so weit wie möglich abgeschnitten und isoliert, oft wird es in ein anderes Land verschickt (von Österreich nach Rom, von Deutschland nach England, von Belgien nach Jerusalem); alle "Kontakte" (alte und evtl. neu dazu gewonnene) werden nun von der Gemeinschaft kontrolliert und "besprochen", sodass einige sofort aufgegeben werden müssen und andere nur noch unter bestimmten Bedingungen zugelassen sind; Telefonate mit den Eltern etwa, dürfen nur selten und nur nach vorheriger Nachfrage stattfinden, der Inhalt der Gespräche muss mitgeteilt und Briefe müssen vorgelegt werden. Innerhalb kürzerster Zeit hat das neue Mitglied im Werk keinen freien Zugang zu seiner Familie, Freunden und Bekannten mehr. Die Kontakte werden oberflächlich. Das neue Mitglied ist erfolgreich einzig auf seine "neue Familie" angewiesen, eine andere hat es nicht mehr. Es ist von der Außenwelt isoliert. 

Diese Isolation findet ihre Fortsetzung innerhalb der Gemeinschaft, da persönlicher Austausch zwischen den Mitgliedern nicht möglich ist. Freundschaften und persönliche Gespräche sind verboten. "Öffnen" darf sich das einzelne Mitglied nur gegenüber "seinem" Verantwortlichen. Damit beginnt der nächste Schritt der "Formung":

Manipulation. Dem Verantwortlichen kann das Mitglied nicht nur alles sagen: es muss. Regelmäßige Berichte werden gefordert, wöchentliche, monatliche, jährliche. Über alles, insbesondere über das eigene Innenleben muss Rechenschaft abgelegt werden, ebenso wie über evtl. "Auffälligkeiten" bei anderen - über alles, auch über die Gefühle und Eindrücke des Novizen beansprucht der Verantwortliche Deutungshoheit. Zugleich wird das "Ideal" kommuniziert: der Eliteanspruch, die Bekehrung hin zum "neuen Menschen", die bedingungslose Hingabe, das Vertrauen zu den Verantwortlichen, Askese und Selbstverleugnung, Eifer und Ausdauer beim Arbeiten, Folgsamkeit und "Strahlkraft" - das alles wird erwartet. Wer es nicht schafft, wird gerügt. Jedes neue Mitglied möchte dieses Ideal erfüllen, es strahlt - auch dann, wenn es sich nicht wirklich glücklich fühlt, ist fleißig, auch wenn ihm die Kraft ausgeht, übt Selbstverleugnung z. T. über die Maßen, bringt Vertrauen auf, selbst dann, wenn ihm etwas merkwürdig vorkommt, beschwert sich nicht, auch wenn es sich verletzt fühlt - bis es nicht mehr kann. Dann kommt der nächste Schritt:

Psychischer Druck. Wer nicht mehr kann, wird unter Druck gesetzt. Er glaubt zunächst, dass er selbst Schuld ist, dass es die Erbsünde in ihm ist, seine schlechten Neigungen, seine gefallene Natur. Nicht alle schaffen es, sich von diesem Vorwurf zu befreien und ihre aller normalsten Empfindungen zu verteidigen: Erschöpfung, weil zuviel gearbeitet werden muss; Einsamkeit, weil keine persönlichen Kontakte möglich sind; Verletzung, weil die eigenen Gefühle und Fähigkeiten nicht wahrgenommen werden etc. Die Verantwortlichen lassen das alles nicht gelten, sondern verweisen auf die vermeintlich mangelnde Gottesliebe und Einsatzbereitschaft des Mitgliedes, sie machen Druck, setzen Fristen, drohen mit Vertrauensentzug und zeigen sich enttäuscht. - Manche Menschen brechen an diesem Punkt zusammen und werden aus der Gemeinschaft "geworfen". Andere verlassen die Gemeinschaft. Wer an diesem Punkt den Weg aus der Gemeinschaft nicht findet, wird zu einem gebrochenen Menschen. Er muss damit leben und lässt es zu, dass sein Innerstes ständig von Außen kontrolliert und vergewaltigt wird. Solche Mitglieder "funktionieren" im System der Gemeinschaft, sie lassen sich ohne Rücksicht auf ihre Gefühle, ihre Persönlichkeit und Begabungen hier und dort hin- und her versetzen, lassen sich alles nehmen, alles mit sich machen und tun nie den Mund auf. Zugleich sind sie aber gerade deswegen auch nur begrenzt im Kontakt mit der Außenwelt einsatzfähig, viele arbeiten ausschließlich intern.

Missbrauch. Wer einmal so gebrochen ist, ist kaum mehr in der Lage, sich zu wehren oder überhaupt nur seine eigenen Empfindungen selbst wahrzunehmen. Er hat sein normales Gefühlsleben, sein eigenes Denken und Wollen verloren, hat es abgewöhnt bekommen und findet keine Zugang mehr zu sich selbst, geschweige denn zu anderen. Er weiß nicht, wie er auf andere wirkt, er weiß ja nicht einmal mehr, wie er sich selber fühlt: er hat alle Maßstäbe verloren, weil der einzige Maßstab das Wort seiner Verantwortlichen ist. Deshalb ist dem Einzelnen sein eigener Zustand ab einem bestimmten Punkt auch nicht mehr bewusst. Das heißt: er ist in jeder Hinsicht missbrauchbar. 

Dazu kommt, dass er auch rechtlich völlig ausgeliefert ist: er hat keine Ansprüche gegenüber dem Werk, weil er niemals wirklich endgültig als Mitglied aufgenommen wird (solange noch irgendeine Gefahr besteht, dass er zu sich kommen und die Gemeinschaft verlassen könnte). Dennoch unterzeichnet er jedes Jahr von Neuem, dass er freiwillig in der Gemeinschaft bleiben will, dass er freiwillig seinen ganzen Besitz aufgegeben hat und das Werk alles erben wird, was er jemals evtl. besitzt. Er darf mit niemandem reden, niemand darf mit ihm reden, er darf kein Tagebuch führen und nicht einmal darüber nachdenken, wie er sich fühlt. Alles, was mit ihm geschieht, wird vom Werk gedeutet und erklärt, und er muss die Deutung des Werkes annehmen. Er tut das auch, weil er es so gelernt hat: er hat gelernt, seinen eigenen Wert von der Beurteilung seiner Verantwortlichen abhängig zu machen und nichts anderes mehr zu wollen, als ihnen zu entsprechen, egal, was mit ihm geschieht. - Das ist das Ziel des Noviziates: aus Menschen willenlose Werkzeuge zu machen.



Die "unaufgebbare heilsgeschichtliche Bedeutung Roms"


Als erster Beleg einer ganzen Reihe fundamentalistischer Tendenzen soll eine Predigt dienen, die ein Priester des Werkes vor einem knappen Jahr gehalten hat: die unaufgebbare heilsgeschichtliche Bedeutung Roms

In dieser bemerkenswerten Konstruktion der heilsgeschichtlichen Notwendigkeit Roms für die Kirche und des "heilsgeschichtlichen Vorrangs" der Kultur des alten Roms, scheint zunächst ein gewisser Integralismus auf: Rom bekommt eine Bedeutung zugewiesen, die es theologisch nüchtern betrachtet nicht hat: die Tatsache, dass Petrus und Paulus ihr Martyrium in Rom erlitten, ist historisch-kontingent. Eine tiefergehende, gar unaufgebbar notwendige weil gottgewollte ("definitive und unumkehrbare Fügung Gottes") Bedeutung kann man ihr theologisch nicht zusprechen. 

Weiter ist der Zusammenhang zum Kreuz als römischem Marterwerkzeug, und insbesondere der Zusammenhang zwischen dem römischen Imperialismus und der christlichen Weltmission bestenfalls als "gewagt" zu bezeichnen, tatsächlich ist er abwegig. 

Die aufwendige Diskussion darum, ob es eine Lehraussage der katholischen Kirche sei, dass sie ihr "Zentrum" in Rom haben müsse, zeigt ein weiteres Merkmal des Fundamentalismus: alles wird zur Wahrheitsfrage stilisiert. Und: stellt man dies in Frage, scheint zugleich alles in Frage gestellt. Eine Kirche, die ihr Zentrum nicht mehr in Rom hätte, wäre - so scheint es - nicht mehr die wahre Kirche. 

Der Grund, aus dem diese Aussage getroffen wird, offenbart sich in den letzten Absätzen dieser außergewöhnlich langen Predigt: 
Allergisch reagieren heute liberal gesinnte Köpfe, wenn Papst Benedikt das Zweite Vatikanische Konzil stärker in Kontinuität zur vorausliegenden Tradition sehen will. Denn eine der Folgen davon ist eben auch, dass das ungebrochene Erbe Roms wieder an Gewicht im kirchlichen Leben und Empfinden gewinnt, und somit eine Autoritativität, die man genau nicht will.
Hier scheinen die nächsten Merkmale des Fundamentalismus auf: Traditionalismus (die heutigen Geistesströmungen werden abgelehnt und ein altes Prinzip wird beschworen), die zwiespältige Haltung zum Zweiten Vatikanischen Konzil

Dazu kommen weitere: Die Vermutung, es gäbe eine ungeheuer starke irgendwie anonyme Bewegung, die Bedeutung Christi und der Kirche "zurückzudrängen", diese würde sich auch schon innerhalb des Christentums bemerkbar machen, indem "man" Anschluss beim Judentum suche, ist völlig unbegründet und verrät Angst und Irrationalismus:
Ungeheuer stark und vielschichtig sind die Versuche, die universale Bedeutung Jesu Christi, ja der ganzen katholischen Wahrheit, zurückzudrängen. Auch innerhalb der Christenheit ist die geistige Mentalität vielfach umgebogen: Die Wegrichtung läuft nicht mehr von Jerusalem hin nach Rom, sondern man kehrt die Richtung um 180 Grad um: Man kehrt Rom vielfach den Rücken und sucht den Anschluss bei den Juden auch auf der Glaubensebene (also weit mehr als einen berechtigten Dialog mit ihnen). Man will das Christentum als beliebige Alternative zum Judentum hinstellen.
Zudem offenbaren diese Äußerungen eine problematische Haltung zum Judentum, die vermuten lässt, dass man hier auch mit dem Merkmal Ablehnung von Ökumenismus, Toleranz, Religionsfreiheit rechnen muss.

Schließlich liegen einige Kernelemente fundamentalistischer Mentalität in der abschließenden Beschwörung:
Und nun, liebe Schwestern und Brüder, verstehen wir das Charisma des „Werkes”, wenn das Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus heute festlich begangen wird, wenn mit glühender Liebe Rom als das Herz der Kirche bezeichnet wird, wenn beständig für den Heiligen Vater gebetet wird, wenn unsere Hingabe immer auch der Reinerhaltung der katholischen Lehre gilt.
Hier lassen sich Festungsdenken, Hierarchiegehorsam, feste Sätze, Lehramtsfundamentalismus ("reine Lehre"), Selbstsicherheit und Elitarismus feststellen.





Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil III


Als ich einige Monate im Werk war, hatte ich also nur noch Kontakt zu Menschen, die vom Werk gutgeheißen worden waren. Was diese Menschen anging, sollte ich nur „für sie beten“ und damit beweisen, dass ich für das Werk „Frucht tragen“ konnte. Später wurde mir klar, was für ein Druck dadurch ausgeübt wird, dass man diesen „Beweis“ bringen muss: man setzt fieberhaft alles in Bewegung, um Kandidaten für das Werk zu finden und beginnt selbst Druck auf sie auszuüben.


Je länger ich im Werk war desto mehr wurde mir auch bewusst, was für eine mysteriöse Atmosphäre um „Mutter“ aufgebaut wurde. Wenn einer ihrer Besuche geplant war, dann befand sich alles im Haus in nervöser Agitation. Sie wurde angebetet. Jedem wurde eingebläut, wie außergewöhnlich es war, in ihrer Nähe sein zu dürfen. Wenn sie sprach, musste alles in den Hintergrund treten und jeder musste schweigen.


Das Werk nahm mich immer mehr in Beschlag. Automatisch filterte ich alles, wie sie es mir vorschrieben. Nach wie vor war ich mit einigen anderen in Rom in einer bevorrechtigten Position; und obwohl ich das merkte, war ich überzeugt, dass jedes Mitglied seinen eigenen Auftrag hatte. Menschen kamen und gingen, aber keines der „einfachen“ Mitglieder stellte Fragen. Es galt ja die Regel: Persönliches wird ausschließlich mit dem Verantwortlichen besprochen. Untereinander über persönliche Angelegenheiten zu sprechen gehört sich nicht; es kann die eigene Berufung gefährden. Mich machte das alles immer noch nicht skeptisch.


Mit Erfolg hatte ich meine Studien in Rom abgeschlossen und war voller Eifer, nun meine Talente in den Dienst des Werkes zu stellen, das nach dem Zweiten Vatikanum die Rettung der Kirche war. Im Laufe der Zeit hatte ich aber – immer auf Anordnung der Verantwortlichen – einiges zu Papier gebracht. Zum Beispiel musste ich jedes Jahr von neuem schriftlich darum ansuchen, weiterhin Mitglied des Werkes bleiben zu dürfen. Außerdem unterschrieb ich ein Dokument, in dem ich mich zum Verzicht auf meinen ganzen Besitz bereit erklärte, und zwar sowohl gegenwärtig (ich hatte ja gar nichts) als auch „zukünftig“. Später erfuhr ich, dass das Werk Gott-weiß-woher mehr über den Besitz meiner Eltern wusste als ich selbst. Außerdem hatte ich – wie jeder andere auch – eine Monatskarte, auf der ich alle meine Ausgaben festhalten und mitteilen musste! Das reichte von den „Lebenshaltungskosten“ bis hin zu Reisekosten, obwohl alle Reisen nur auf Anordnung gemacht wurden, andere waren ja gar nicht möglich. Für alles gab es feste Summen: Bücher, Seife, Kleidung... bis ins Kleinste. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, dass die Gesamtsumme dieser Monatskarten nach einigen Jahren beträchtlich hoch war. Als ich mein Studium beendete, musste ich nun also unterschreiben, dass ich dem Werk sämtliche Ausgaben erstatten würde, würde ich das Werk jemals verlassen. Das war nur eine Formalität, sagte die Verantwortliche, wir vertrauten einander ja... man wüsste aber nie, was in dieser schlechten Zeit nicht alles geschehen könnte. Ich merkte nicht einmal, dass ich alles trotzdem im Auftrag des Werkes tat. 


Fortsetzung hier

Sühneakt der Priester und Gottgeweihten des "Werkes"

Sühneakt

Der Sühneakt, der regelmäßig von den Religiosen im Werk gebetet wird, zeigt deutlicher als die meisten anderen Gebete das Selbstverständnis des Werkes und seiner Mitglieder. Die Welt und die Kirche werden geradezu erdrückt von den Sünden der Menschen - und die Aufgabe der Mitglieder des Werkes ist es, diese Sünden zu sühnen. Das tun sie, indem sie über ihre eigenen Sünden zerknirscht sind, "Tag und Nacht" in das Leiden Jesu "eintreten" und zu gefügigen "Werkzeugen" für den Aufbau des Werkes werden.

Mit dieser Grundvision ist ein derart drückender Selbstanspruch formuliert und ein so dramatischer Horizont aufgemacht, dass jede kleine Schwäche eines Mitgliedes die Rettung der ganzen Kirche und das Heil vieler Seelen gefährden kann. Insbesondere die Formulierung im letzten Absatz ist verdächtig: man mag sich fragen, ob bzw. inwiefern sich das "Werk" hier mit dem "Werk der Erlösung" gleichsetzt. 


Herz Jesu, König und Mittelpunkt aller Herzen,
nimm durch unsere Sühne die Sünden der Welt hinweg.

Wir bringen dir diese innere Bereitschaft dar, die unserem Willen entspringt, der von deiner barmherzigen Gnade ergriffen worden ist.

O guter Jesus, König und Mittelpunkt aller Herzen,
nimm unsere Sühne als Wiedergutmachung für unsere eigenen Sünden und unsere persönliche Undankbarkeit wie für jene der ganzen Welt an.

Ich will als Berufene(r) und Gottgeweihte(r) ganz dem "Werk" als Familie Gottes angehören und es freudig und großmütig mit allen meinen Kräften und Möglichkeiten aufbauen.
Tag und Nacht will ich in dein erlösendes Leiden miteintreten, selbstlos dienen und am Aufbau deines "Werkes" mitarbeiten. Lass mich so Genugtuung leisten für meine eigenen Verirrungen und Sünden und für jene meiner Brüder und Schwestern in der ganzen Welt.

Wie es einer Familie Gottes würdig ist, will ich daran mitwirken, dass die Einheit und der Friede Christi in der Liebe und Barmherzigkeit wiederhergestellt werden.

Nimm meine Bereitschaft zur Sühne für jene an, die schwach geworden sind oder sich verirrt haben, auf dass sie zu deiner Kirche, unserer Mutter, die so reich an Gnaden ist, zurückfinden. In ihr entströmen deinem Herzen die Wasser des Lebens, damit alle auf dem von deinem Licht erleuchteten und sicheren Weg des Glaubens und der Wahrheit voranschreiten können, der zu der einen Herde, der Kirche des Guten Hirten, zur Heimat der Liebe, der Einheit und des Friedens führt.

Herz Jesu, geduldig und voll Erbarmen, sanft und demütig, mache unser Herz gleich deinem Herzen. Erhöre unser Flehen und nimm unsere tiefe Reue über unsere Sünden und unsere Undankbarkeit gnädig an.

O Herz Jesu, geduldig und voll Erbarmen, mache uns durch unsere Hingabe in deinem "Werk der Erlösung" zu sanften und demütigen Werkzeugen deiner Barmherzigkeit. Amen.

Julia Verhaeghe

Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil II


Gemeinsam mit vier anderen, die neu in die Gemeinschaft eingetreten waren (unter ihnen war auch Lieve Bommerez), erhielt ich in Villers eine vier Wochen dauernde Formung. Anschließend kamen Lieve und ich nach Rom; wir sollten dort am Institut „Regina Mundi“ ein Aufbaustudium machen. Damals schon gab es einige Kleinigkeiten, die mich hätten stutzig machen können, für die ich aber anscheinend blind war... z. B. musste ich bei der Gründerin, die von allen nur „Mutter“ genannt wurde, schriftlich darum anfragen, nach Rom gehen zu dürfen, obwohl sie das ja selbst beschlossen hatte. Das Werk brachte mich dazu, selber schriftlich um Erlaubnis zu bitten, das tun zu dürfen, was sie mir zuvor aufgetragen hatten zu tun. Falls ich Schwierigkeiten bekäme, würde ich dem Werk niemals nachweisen können, dass sie es waren, die mich nach Rom geschickt hatten. Ein anderes Beispiel: Tagelang lagen mir verschiedene Mitglieder damit in den Ohren, dass sie nach und nach so weit gekommen waren, alles „abzugeben“, wie glücklich sie sich fühlten, „eins“ mit den anderen und wie unwohl sie sich gefühlt hatten, solange sie nicht alles abgegeben hatten usw. Was mich betraf, so hatte ich von daheim nur Kleidung mitgebracht, einige Bücher und ein paar Erinnerungsgegenstände. Eines Tages beschloss ich, auch das Letzte davon abzugeben, und selbst da verlangte meine Lokalverantwortliche von mir, es ihr schriftlich zu geben, dass ich das selbst wünschte. Ich begriff damals noch nicht, welches Spiel da gespielt wurde, das kam erst später.


Wir studierten an Regina Mundi, wo man einen Magister in Religionswissenschaft machen konnte. An diesem Institut konnten auch Frauen studieren, was damals an der Gregoriana noch nicht möglich war. 
Der Unterricht erfolgte in vier Sprachen. Das Leben war wunderbar, alles war, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich durfte studieren, und das bereitete mir große Freude. Zwei andere Studentinnen und ich wurden von einer ganzen Reihe Aufgaben befreit. Dabei sahen wir aber, dass andere Mitschwestern Tag und Nacht hart arbeiteten. Aber man brachte uns bei, dass jedes Mitglied seinen eigenen Auftrag hat und man darüber nicht diskutieren soll; es war eine Angelegenheit zwischen der Leitung und dem einzelnen Mitglied. Von nun an wurden wir mit der Grundregel des Werkes vertraut gemacht: nicht räsonieren, nicht diskutieren, nicht kritisieren. 


Es gab noch andere fundamentale Ideen, die uns ständig eingebläut wurden. Oft beruhten Gespräch nur auf Schlagworten wie: „Die Welt ist schlecht. Der Kommunismus ist der größte Feind, der Teufel selbst. Die Kirche wird ihrer Sendung nicht gerecht. Es gibt viele Verräter in der Kirche. Das Werk hat viele Feinde. Wer nicht für das Werk ist, ist vom Teufel. ‚Mutter’ hat eine göttliche Sendung, gefasst in die Worte vom ‚Geheimnis des Königs’“ – eigentlich wusste aber niemand genau, was mit dem letzten Ausdruck gemeint war.


Nach einer gewissen Zeit wurde ich aufgefordert regelmäßig schriftlich mitzuteilen, wie ich dachte, wie ich „in meiner Berufung wachse“, ob ich Schwierigkeiten hatte, ob ich etwas über eine Mitschwester mitzuteilen hatte... Dieser Auftrag bereitete mir echte Schwierigkeiten. Ich kam nicht dazu, jede Woche so einen Bericht über mich selbst aufs Papier zu bringen – und vielleicht hat mich das auch ein Stück weit gerettet. Später habe ich nämlich erfahren, dass andere, die ihre „Schwierigkeiten“ mitgeteilt haben, sich verletzlich machten; die Leitung konnte sie leicht isolieren und auf sie einreden bis die „Schwierigkeiten“ gelöst waren. Wer Kritik äußerte, Zweifel oder Bedenken hatte, dem wurde schnell klar gemacht, dass das Versuchungen des Teufels waren. Dieser alte Drache würde alles in Bewegung setzen, um das Werk zu Fall zu bringen und deswegen müsste „Mutter“ dann immer wochenlang schwere Krankheit und Leiden ertragen, um diese Versuchungen der Mitglieder niederzuringen. Das haben sie uns damals weisgemacht.


Es brauchte ca. drei bis vier Monate, um alle Kontakte mit Angehörigen, Freunden und Bekannten abzubrechen. Das Werk wurde uns als eine Familie vorgestellt: „Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander...“ Warum soll ich als junges Mitglied, dann nicht zulassen, dass man meine Briefe öffnet? Meine Verantwortliche hatte ja von Gott die Berufung, zu entscheiden, was gut für mich wäre... und so brach ich allmählich den Kontakt zu diesem oder jenem ab, weil sie ja „nicht zum Geist des Werkes passen“... Alle meine Briefe wurden geöffnet. Die Lokalverantwortliche nahm sie unter die Lupe und bestimmte, wem ich antworten durfte und wem nicht. Wenn ich zurückschreiben durfte, las sie alles durch und „besprach“ es mit mir, selbst wenn es sich auf ein paar Allgemeinplätze beschränkte. Ohne, dass es mir selbst bewusst war, war mein Schreibstil innerhalb kürzester Zeit mit dem Wortschatz des Werkes durchsetzt. Später erfuhr ich, dass meine Freunde diese fromme und unpersönliche Schreiberei nicht begreifen konnten. Durch dieses unpersönliche Getue, lösten sich viele Kontakte bald von selbst auf. Mit anderen Freunden musste ich wiederum unbedingt in Kontakt bleiben. Damals verstand ich noch nicht, warum – jetzt weiß ich es. Es waren nämlich Menschen, die potenziell vom Werk beeinflussbar waren; und die durfte ich sogar für ein Wochenende nach Villers einladen.


Es ging sogar so weit, dass Briefe zurückgehalten wurden. Das habe ich bei einer Begebenheit aus dem Jahr 1974 auf besonders krasse Weise erfahren: regelmäßig musste ich verschiedene Dokumente und Schriften des Werkes von einem Haus in ein anderes bringen, um sie dort sicher aufzubewahren. Einmal glitt mir ein ganzer Stapel Papiere aus den Händen. Alles war über den Boden verstreut. Als ich sie wieder sorgfältig zusammenlas, fiel mein Blick auf einen Umschlag mit der Handschrift meiner Mutter. Sollte ich es wagen, den Brief zu öffnen? Nein, das durfte ich nicht. Ich suchte nach dem Stempel: der Brief war zwei Jahre alt, er war an mich adressiert. Ihn zu lesen, wäre Ungehorsam, ich würde mich selbst strafen. Also legte ich den Brief wieder fein säuberlich zwischen die anderen Papiere, ohne ihn gelesen zu haben. Aber es ließ mich nicht los. Was konnte meine Mutter mir geschrieben haben? Ich durfte einfach nicht daran denken. Der Brief war eine Prüfung, er sollte zeigen, ob ich dem Werk treu war. Aber einige Tage später hielt ich es doch nicht mehr aus. Ich ging hin und öffnete ihn. Meine Mutter hatte ihn 1972 geschrieben. Sie schrieb, dass mein Vater schwer erkrankt war und flehte mich an, mich zu melden. Ich hatte diesen Brief nie erhalten! Und das war nur ein Vorfall.


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