Was will dieser Blog?

Dies ist der Blog ehemaliger Mitglieder des "Werkes". Er enthält Geschichten, Tatsachen und Erfahrungen, die vom "Werk" sorgfältig verschwiegen oder geleugnet werden. Er sei jedem ans Herz gelegt, der mit dem "Werk" in Kontakt kommt.

Rein menschlich



"Rein menschlich"

"Rein menschlich" ist im Werk der Gegenbegriff zu "übernatürlich". Aus theologischer Perspektive ist das Adjektiv "übernatürlich" und seine Funktion im religiösen Wortschatz in letzter Zeit wiederholt problematisiert worden, nicht zuletzt weil es einen gewissen Dualismus impliziert, d.h. die Wirklichkeit in einen heiligen, übernatürlichen, und einen unheiligen, rein natürlichen Bereich einteilt. Im Werk wird diese Einteilung jedoch konsequent weiter gepflegt, wobei nicht vom "Natürlichen" oder "rein Natürlichen" als Gegenbegriff zum "Übernatürlichen" die Rede ist, sondern vom "rein Menschlichen", am häufigsten in der Kombination "rein menschliches Denken". Dieses "rein menschliche Denken" ist in der Vorstellung des Werkes das, was dem "übernatürlichen Wirken Gottes" im Menschen am meisten entgegensteht. Damit wird das Adjektiv "menschlich", das gemeinhin eine positive Konnotation besitzt, drastisch abgewertet und erscheint letztlich als gleichbedeutend mit "gottlos" und "sündig". Die Konsequenz ist, dass alle als "rein menschlich" betrachteten Handlungen und Gemütszustände, wie Sympathie und Antipathie, Erschöpfung, Zorn, Wissbegier u.ä. als tendenziell sündig gelten und unterdrückt werden müssen (vgl. die Litanei der Demut), während eine permanente stoische Gemütsruhe zum Ideal wird. Durch Ideale wie dieses werden die Mitglieder des Werkes systematisch den Werten der Gesellschaft, wie auch sich selbst und ihren eigenen Empfindungen entfremdet und manipulierbar gemacht.


Zum "sektenartigen Hausjargon" neuer geistlicher Gemeinschaften vgl. Urquhart, Gehirnwäsche.


Geistliche Vater- und Mutterschaft


"Geistliche Vater- und Mutterschaft"

Vater- und Mutterschaft ist in der Regel eine natürliche Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Diese ist den Religiosen des Werkes aufgrund ihres Jungfräulichkeitsgelübdes verwehrt. Sie sollen aber umso mehr die sog. geistliche Vater- und Mutterschaft leben, eine Art Beziehung zwischen den Religiosen und anderen Menschen, denen gegenüber sie ihrer eigenen Auffassung nach eine "geistliche" Verantwortung innehaben. Sei es, dass sie jemanden zum Eintritt ins Werk bewegen wollen oder für die Bekehrung von jemandem beten, der noch bestimmte Schwächen und Fehler hat. Dabei muss die betreffende Person nicht um ihr "Kind-Sein" in dieser Beziehung wissen, es ist noch nicht einmal notwendig, dass "geistliche(r)/Vater/Mutter" und "geistliches Kind" sich kennen bzw. das "Kind" muss überhaupt keine bestimmte Person sein. Die geistliche Vater- und Mutterschaft kennzeichnet vielmehr das grundlegende Selbstverständnis der Religiosen des Werkes gegenüber anderen Menschen im allgemeinen: ein Verhältnis von geistlicher Überlegenheit, aus der sich die Verpflichtung ableitet, alles nur irgend mögliche zu tun, um möglichst viele zu retten. Kein Opfer darf zu große sein. So erträgt bspw. jede Küchenschwester die Mühen ihrer täglichen Arbeit als "geistliche Mutter", im Bewusstsein, dass sie so "Berufungen gewinnen" und Gnaden für andere verdienen kann.


Zum "sektenartigen Hausjargon" neuer geistlicher Gemeinschaften vgl. Urquhart, Gehirnwäsche.


Bündnisgnade


"Bündnisgnade"

Die Bündnisgnade ist eine Formel, auf die im Werk oft rekurriert wird. Gemeint ist damit die ganz besondere Gnade, die nach Ansicht Verhaeghes allen zuteil wird, die das "Heilige Bündnis" schließen. Das "Bündnis", das in Wirklichkeit - theologisch und kirchenrechtlich betrachtet - höchstens ein persönliches Engagement in der Kirche ist und z.T. weniger als das, wird im Werk nicht nur wie ein Sakrament (das eine eigene Gnade vermitteln kann) betrachtet, sondern gewissermaßen als "Super-Sakrament", das alle anderen Sakramente vollendet. Dementsprechend gilt die Bündnisgnade als eine Art "Super-Gnade", die die Mitglieder des Werkes befähigt alles das zu tun, was im Werk von ihnen verlangt wird. Wenn Mitglieder vor Aufgaben gestellt werden, die sie eigentlich nicht bewältigen können, werden sie auf die Bündnisgnade verwiesen, auf die sie eben vertrauen müssten. Wer Schwierigkeiten oder Zweifel hat, wer überlastet oder depressiv ist o.a. - wird auf diese (leere) Formel verwiesen, wodurch sich die Verantwortlichen ihrer Verantwortung für die Mitglieder entledigen, die sie zugleich mit Anforderungen und Arbeiten überschütten und deren psychische und physische Probleme sie weitgehend ignorieren können. Ja: jedem Mitglied, das mit seinen Schwierigkeiten nicht zurecht kommt, kann man selbst die Schuld daran geben: er oder sie hat eben nicht genug an die Bündnisgnade geglaubt oder diese Gnade aus eigener Schuld verspielt.


Zum "sektenartigen Hausjargon" neuer geistlicher Gemeinschaften vgl. Urquhart, Gehirnwäsche.

Standesgnade



"Standesgnade"

Die Standesgnade ist ein Konzept katholischer Tradition, demzufolge jeder Christ von Gott die Gnade erhält, die er zur Erfüllung seiner "Standespflichten" benötigt (also der Pflichten, die sein Stand bzw. sein Beruf mit sich bringt). Daraus leitet sich im Ordensleben die Vorstellung ab, dass jeder zum geweihten Leben Berufene von Gott die Kraft erhält, die drei evangelischen Räte (Armut, Keuschheit und Gehorsam) zu halten; und dass die Oberen die Gnade erhalten, die sie brauchen, um die ihnen Anvertrauten Ordensleute zu leiten. Im Werk wird dieses überkommene Konzept nicht nur im alten Sinne weiterverwendet, sondern auch verfälscht. Die Standesgnade, die ein Oberer erhält, ersetzt nämlich im traditionellen Verständnis nicht sein persönliche Engagement und sie verpflichtet seine Untergebenen nicht dazu, alle Weisungen des Oberen bedingungslos zu akzeptieren. Im Werk dagegen schon: unter Berufung auf die ihnen verliehene "Standesgnade" halten sich Verantwortliche im Werk für unfehlbar. Sie fühlen sich nicht dazu verpflichtet, die ihnen untergebenen Mitglieder wirklich anzuhören und zu verstehen, sondern meinen, dass sie sie "blind" führen können, alleine aufgrund ihrer besonderen Begnadigung als Verantwortliche, und dass selbst wenn Verantwortliche Fehler machen würden, diese durch die Standesgnade von Gott gerechtfertigt und zum Guten gewendet werden würden. Mitglieder sind also in jedem Falle unbedingt dazu verpflichtet, die Weisungen ihrer Verantwortlichen fraglos zu befolgen, weil diese Weisungen in jedem Falle gut sind. Aber nicht nur das: weil die "Standesgnade" sich in den Augen der Verantwortlichen als eine Art Wunderheilmittel darstellt, das persönliche Fehler und Mängel behebt, werden immer wieder Mitglieder, die sich als besonders schwierig erwiesen oder sich sogar schwerer Vergehen schuldig gemacht haben, extra in eine Verantwortlichen-Position erhoben, in der Annahme, dass ihre Fehler nun von der Standesgnade behoben werden würden. 

Zum "sektenartigen Hausjargon" neuer geistlicher Gemeinschaften vgl. Urquhart, Gehirnwäsche.



Arkandisziplin - Geheimlehren und -praktiken

Beinert nennt den Begriff der Arkandisziplin als Kennzeichen fundamentalistischer Gemeinschaften.

Arkandisziplin ist eine Art stufenweiser Einweihung der Mitglieder in Lehren und Praxis der Gemeinschaft. Die "Eingeweihten" müssen sich gegenüber "Nicht-Eingeweihten" verschwiegen zeigen. Diese Praxis hängt zusammen mit anderen Merkmalen fundamentalistischer und sektiererischer Gruppen: Eliteanspruch, Auserwählungsbewusstsein, dualistisches Weltbild und starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie geht oft einher mit dem Wahrheitsanspruch der Gemeinschaft, mit der klaren Abgrenzung gegenüber der Umwelt, die nicht in der Lage oder nicht würdig ist, das geheime Wissen der Eingeweihten zu teilen und mit der Furcht vor Verfolgung, sollte das geheime Wissen in die falschen Hände gelangen. Diese Praxis ist kennzeichnend für alle religiösen Geheimkulte, Sekten, für die Freimaurer, aber auch für christliche Gemeinden in der Antike.

Das Werk übt zweifellos eine ausgeprägte Arkandisziplin. Verhaeghe sprach davon, man müsse "das Geheimnis des Königs wahren" (Worte, die sie dem Buch Tobit entnahm: "Es gebührt sich, das Geheimnis eines Königs verborgen zu halten, aber die Werke Gottes mit Rühmen zu verkündigen". Tob 12,7). Noch gängiger ist heute im Werk der Begriff der "Diskretion", der aber dieselbe Funktion hat: er markiert die "Geheimnisse" der Gemeinschaft, vor deren Bekanntwerden sie sich fürchtet und Schaden für ihr Image erwartet (nicht zu unrecht).

Zum Geheimnis des Königs zählt die Spiritualität und die Politik des Werkes. Für beides gibt es eine Art stufenweiser Einweihung. Jedes neue Mitglied wird nach und nach mit den Texten und Praktiken des Werkes vertraut gemacht, und mit jedem neuen "Schritt" wird ihm eingeschärft, dass "wir darüber nicht sprechen", insbesondere nicht "draußen". Sehr vieles fällt in die Kategorie des Geheimen:

- fast alle Texte Verhaeghes. Bis vor wenigen Jahren hatten die meisten Mitglieder nicht einmal Zugang zu den Konstitutionen des Werkes, die Originaltexte Verhaeghes sind nach wie vor unter Verschluss und werden den Mitgliedern nur auszugsweise zu Lesen gegeben. Jedem Mitglied ist klar, dass es die Texte nach dem Lesen zurückgeben muss, und dass sie unter keinen Umständen weitergegeben werden dürfen, vor allem nicht an "Nicht-Eingeweihte". Dasselbe gilt für Gebete, wie etwa die in diesem Blog veröffentlichte Herz-Jesu-Litanei oder die Litanei der Demut.

- die Praktiken des Werkes. Sobald ein Mitglied aufgefordert wird, wöchentliche und monatliche Berichte zu schreiben (das geschieht in der Regel im ersten Jahr, sobald das Mitglied "reif" dafür ist), wird ihm auch gesagt, dass alle das tun, dass wir darüber aber nicht sprechen, auch nicht untereinander, erst recht nicht gegenüber Außenstehenden. Das gilt auch für die "Abrechnung", einem Blatt, auf dem jedes Mitglied seine monatlichen bzw. vierteljährlichen Ausgaben bis auf den Cent genau mit Rechnungen dokumentieren muss. Dasselbe gilt für das Öffnen der Briefe: insbesondere im Noviziat müssen alle Briefe vorgelegt werden - den Eltern oder Bekannten, die diese Briefe geschrieben haben oder empfangen werden, sagt man darüber natürlich kein Wort. Gleiches gilt von der Askese: das Fasten, die Verzichte, die bei Kleidung und Entspannung verlangt werden und das kräfteraubend volle Arbeits- und Gebetsprogramm: das alles ist "Geheimnis des Königs" und unterliegt der "Diskretion".

Zu den Dingen, die "draußen" nicht erzählt, und auch unter den Mitgliedern nur bedingt angesprochen werden dürfen, gehören außerdem:

Die Namen hochrangiger Freunde und Besucher des Werkes: es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass das Werk direkten Zugang zu Benedikt XVI., seinem Sekretär Georg Gänswein und seinem Bruder Georg Ratzinger hatte bzw. noch hat, und damit auch Zugang zu vielen hochrangigen Kurienkardinälen, Erzbischöfen und Prälaten. Das Werk investiert sehr viel Energie in den Aufbau solcher Kontakte, in allen seinen Niederlassungen. Die Mitglieder müssen für die Besuche dieser wichtigen Gäste, die in den Häusern des Werkes ein- und ausgehen, alle Kräfte aufbieten und ein perfektes Bild abgeben, - sie dürfen aber nicht darüber sprechen, sodass auch die Mitglieder aus dem einen Haus nicht erfahren, was im anderen geschieht. Die "gewöhnlichen" Mitglieder erfahren auch nicht, was diese wichtigen Gäste mit den Verantwortlichen des Werkes besprechen.

Finanzen des Werkes: darüber wissen die Mitglieder selbst in der Regel nicht Bescheid. Wer was verdient, wer wie viel Monatsgeld zur Verfügung hat, wofür es ausgegeben wird, wer spendet, woher das Werk sich überhaupt finanziert. Zwar erfahren die Mitglieder hin und wieder wie viel Geld in den Bau oder die Restaurierung dieses oder jenes Hauses investiert wurde (eine Summe, die sich allein in den letzten Jahren auf einige Millionen belief), sie wissen aber nicht, dass sich zugleich die Kosten für die tägliche Ernährung eines Mitgliedes auf nur 1,- Euro belaufen!

Entscheidungen des Rates. In der Regel werden nur banale Entscheidungen allgemein bekannt. Wer mehr weiß, darf darüber nicht sprechen. Es gibt auch Entscheidungen, die zwar alle betreffen, aber draußen nicht bekannt werden dürfen.

Ausgetretene Mitglieder. Wenn ein Mitglied die Gemeinschaft verlässt oder verlassen muss, wird das den anderen Mitgliedern von den Verantwortlichen mitgeteilt, inkl. einer Erklärung, warum das geschehen ist (in der Regel liegt die "Schuld" in der Schwäche des Ausgetretenen, der keine Möglichkeit hat, seine Entscheidung und seine Gründe den anderen direkt zu kommunizieren). Weiterer Kontakt mit Ausgetretenen ist nicht möglich bzw. der Leitung vorbehalten. Von Mitgliedern, die "früher" ausgetreten sind, die das einzelne Mitglied nicht kennt oder gekannt hat, erfährt es auch nichts. Über ehemalige Mitglieder wird insbesondere mit der Außenwelt nicht gesprochen.

Gespräche mit Verantwortlichen. Diese Gespräche, in denen das Mitglied sich völlig "öffnen" muss, wo auch sehr intime und heikle Themen angesprochen werden und der Einzelne oft weit über die Schmerzgrenze kritisiert und in Frage gestellt wird, sind absolut "geheim". Darüber spricht man mit niemandem.

Verfehlungen der Verantwortlichen. Die Verantwortlichen müssen "mit Ehrfurcht" behandelt werden. Die einzelnen Mitglieder erleben sie ohnehin nie von ihrer "persönlichen Seite", sondern immer nur in ihrer "Rolle". Falls ein Mitglied dennoch einmal eine Schwäche eines Verantwortlichen mitbekommt, was auch immer das ist, muss es darüber "ehrfurchtsvolles Schweigen" bewahren. Auf diese Art und Weise sind etwa die "hysterischen Ausfälle" von "Mutter Katharina" von allen ignoriert worden; und Patres, die für ihre "Schwäche" gegenüber Frauen bekannt sind, bleiben vor Behelligungen innerhalb der Gemeinschaft sicher.

Zweifel und Sorgen. Mitglieder, die Zweifel bekommen oder sich Sorgen um die Gemeinschaft, um sich selbst oder andere Mitglieder machen, dürfen diese nicht äußern, außer gegenüber ihrem Verantwortlichen, der sie ihnen wieder ausredet. Das gilt auch und gerade dann, wenn Mitglieder ernsthafte psychische Schwierigkeiten haben.

Krankheiten von Mitgliedern. Über Krankheiten spricht man nicht. In der Regel bekommen Mitglieder gar nicht mit, wenn ein anderes Mitglied im selben Haus krank ist, sei es akut oder chronisch. Wer es dennoch mitbekommt, weiß, dass er darüber nicht sprechen darf, dasselbe gilt natürlich, wenn man selbst krank ist. Ob und was mit der betreffenden Person geschieht, ist allein Sache der Verantwortlichen.



Das Isaakopfer

In diesem Text zeigt Verhaeghe, was sie von ihren Mitgliedern fordert: wie Gott von Abraham verlangt hat, seinen eigenen Sohn zu töten, sollen die Mitglieder des Werkes im Gehorsam gegenüber ihren Verantwortlichen zu allem bereit zu sein, insbesondere dann, wenn es darum geht, das zu opfern, was ihnen am wichtigsten und liebsten ist.

Im Werk wird dieses Verhaeghe-Zitat besonders dann gebraucht, wenn ein Verantwortlicher ein Mitglied dazu bewegen will, den Kontakt zu seiner Familie, seine besonderen Begabungen oder seine tiefsten Wünsche aufzugeben. Das bricht den Mitgliedern das Herz, und macht sie nachhaltig innerlich krank.

Dieser Text zeigt auch, wie gefährlich eine nicht theologisch fundierte, rein geistlich-biblizistische Bibelauslegung ist, wie sie von Verhaeghe immer praktiziert worden ist und bis heute im Werk praktiziert wird. 

"Es wird von uns der Glaube gefordert, der in menschlicher Ohnmacht sein Kind zum Opferaltare bringt. Dort wird Gott selbst eingreifen und den Glaubensakt, den der Glaubende in Treue zu seinen heiligen und unergründlichen Verfügungen vollzogen hat, in einen Akt der Anbetung verwandeln, der Ihn ehrt und verherrlicht."
Julia Verhaeghe 

Schwester im Werk von 1967 bis 1974 - Teil I



Meine Erfahrungen mit dem Werk betreffen den Zeitraum von 1961 bis 1974, Mitglied im Werk war ich von 1967 bis 1974.

1961 war ich noch Gymnasiastin; es waren Ferien - Ferien nach denen mich eine Französischprüfung erwartete. Eine Mitschülerin gab mir eine Adresse in Wallonien, wo ich bei der Betreuung französischsprachiger Kinder helfen könnte. Da ich von Haus aus sozial engagiert und christlich war, sprach mich dieses Angebot an und so entschloss ich mich mit zwei Klassenkameradinnen dorthin zu gehen, an einen uns unbekannten Ort: rue Probideau, Villers-Notre-Dame bei Ath. Als wir dort ankamen, wurden wir noch am selben Abend ohne Erklärung nach Brüssel weitergeschickt. Das überraschte uns, aber wir dachten nicht länger darüber nach. In Brüssel wurden wir in einer französischsprachigen Organisation in der Freizeitbetreuung von Kindern eingesetzt, begleitet von zwei „Fräuleins“ vom „Foyer“. Damals wusste ich noch nicht, dass das „Foyer Saint-Paul“ einer der Namen war, unter denen das Werk arbeitete. Im Haus des Foyers, das damals in Woluwe lag, ging es für uns Sechzehnjährige etwas allzu fromm zu. Aber es herrschte eine Atmosphäre von Geborgenheit und Ruhe. Wir stellten uns keine Fragen, weder ich noch die beiden anderen. Tagsüber halfen wir in der Kinderbetreuung, abends ruhten wir uns aus, lasen oder unterhielten uns über ‚wer weiß was alles’. Mit den anderen Hausbewohnern hatten wir kaum Kontakt. Über Villers sprachen wir nicht mehr.

Das Jahr darauf bewegten mich meine Eltern, wieder hinzugehen. Diesmal ging ich allein. Nun wurde ich in der „Familienpflege“ eingesetzt. Eines der Fräulein besorgte mir eine gefälschte Bescheinigung, auf der mein Alter verändert wurde. Ich musste ja achtzehn sein, um in Familien als „Familienhelferin“ arbeiten zu können. Bezahlt für diese Arbeit wurde das „Foyer“. Aber ich stellte keine Fragen, sondern war in meinem Idealismus selbst von dieser Arbeit überzeugt. Ich sammelte dabei viel Lebenserfahrung. Von da an wurde ich von einem der Fräulein, Suzanne Maesschalck, betreut. Sie lud mich ein, hin und wieder zu einem ihrer Gottesdienste zu kommen. Außerdem durfte ich sie begleiten als sie andere Häuser der Gemeinschaft besuchte; und sie lud mich immer wieder einmal ein, einige Tage in einem der Häuser zu verbringen.

Ich fühlte mich angezogen von der Atmosphäre, die dort herrschte, je länger je mehr. Jetzt, so viele Jahre danach, möchte ich sagen „das Gift begann zu wirken“. Meine tiefgläubige Erziehung, mein soziales Engagement, Frömmigkeit und Idealismus machten mich empfänglich für diese Menschen. Nach dem Gymnasium wollte ich eine Lehrerausbildung beginnen. Sie schlugen vor, dass ich danach noch zwei Jahre daheim für meine Familie arbeiten sollte, dann sollte ich bei ihnen eintreten. Inzwischen hatten sie mich auch gebeten, nicht zu viel über sie zu erzählen, mit der Begründung, „die Menschen“ verstünden das nicht so gut oder sie sagten gar: „Wir sind die Auserwählten, die Welt ist schlecht und versteht das nicht“. Ich nahm das alles einfach so hin und ließ es mir gefallen. Ich fand die Welt wirklich schlecht und glaubte mit der Zeit immer mehr, dass „Paulusheim“ (oder „Opus Christi Regis“, wie das Werk sich damals meistens nannte), der einzige richtige Weg war. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte angefangen und ich war irgendwie selbst davon überzeugt, dass die Kirche den falschen, den oberflächlichen und modernistischen Weg ging. Das Werk war der einzige wahre Weg.

Ich teilte meinen Eltern mit, dass ich ins Werk eintreten wollte. Sie hatten es bis dahin noch nicht näher kennengelernt. Zwar waren sie nicht gegen meinen Entschluss, einer religiösen Berufung zu folgen, aber sie stellten eine ganze Reihe praktischer Fragen, auf die sie keine Antwort bekamen. Sie mussten einfach Vertrauen haben. Als großes Hindernis erwies sich, dass sie mich baten, noch ein Jahr zu warten, weil die Familie mich wirklich noch brauchte. Es entstand ein verbissener Streit zwischen meinen Eltern und der Gemeinschaft. Ich blieb bei meinem Entschluss – völlig von ihnen beeinflusst und von ihnen unterstützt: „Siehst du, deine Berufung ist echt, wie es im Evangelium steht: Wer Vater und Mutter nicht verlässt, ist meiner nicht würdig... Kinder werden sich gegen ihre Eltern erheben...“

Mittlerweile weiß ich, dass damals schon Priester im Umkreis meiner Familie durch ein einziges Wort ihrerseits viel Leid hätten verhindern können. Aber sie schwiegen. Je mehr meine Eltern sich meiner Entscheidung widersetzten, desto stärker hielt ich daran fest. Ich war sogar bereit, alle Sicherheiten aufzugeben, weil ich auf die göttliche Vorsehung vertraute, die ganz besonders über dem Werk wachte. Langsam aber sicher war ich völlig in den Einfluss des Werkes geraten. Ich ließ mich von ihnen führen, und nicht allein in den kleinen Dingen, auch deswegen weil sie mein Ego sehr ansprachen. Sie betonten immer wieder, dass ich genau die Talente hatte, die es brauchte, damit das Werk seine Sendung erfüllen könnte. Ich gehörte zu den Berufenen, den wenigen Auserwählten. Diese enthusiastische Aufnahme bestärkte mich ungemein. Auch die Perspektiven, die sie mir vor Augen stellten, waren vielversprechend. Ich dürfte in Rom studieren, weil ich berufen wäre „Leitungsverantwortung“ wahr zu nehmen – etwas, das nicht jeder kann. Ich fiel auf sie herein: auf ihre Begabung, andere zu manipulieren. Später erkannte ich, wie sie bei jedem potenziellen Kandidaten den schwachen Punkt suchten, der es ihnen ermöglichte, die Schlinge enger zu ziehen.

Ich ging wie auf Wolken. Nicht wenige Menschen in meiner Umgebung warnten mich und versuchten, mich zu einer kritischeren Haltung zu bewegen. Aber ich sah alles nur mit den Augen des Werkes, konnte nichts anderes mehr wahrnehmen. Alles, was von draußen kam, war schon wie gefiltert durch die Anschauung des Werkes. Sie formulierten das ziemlich deutlich:“ Alles und jeder, der gegen das Werk spricht, kommt vom Teufel. Er ist schlecht! Du musst deine Ohren vor ihm verschließen!“ Meine Eltern durchlebten abwechselnd Phasen von Verbitterung, Verzweiflung und Hass. Aber in meinem jugendlichen Trotz glaubte ich, das im Namen des Evangeliums ertragen zu können. Einige Priester aus der Umgebung wurden eingeschaltet, manche hatten keine Ahnung und glaubten, es ginge um eines der vielen neuen Säkularinstitute. Andere wussten mehr, zogen es aber vor zu schweigen, um in der schwierigen Auseinandersetzung zwischen mir und meinen Eltern nicht Stellung beziehen zu müssen.

Im September 1967 ging ich in aller Stille von daheim weg. So hatten es mir die Leute vom Werk geraten...

Fortsetzung hier

Geben, Opfern, Sterben: Die evangelischen Räte.


Liebe, die gibt, die opfert, die stirbt

Dieser Text ist eine Auslegung der drei evangelischen Räte nach Verhaeghe. Entsprechend ihrem negativen Menschenbild betrachtet sie die evangelischen Räte einseitig als "Opfer". Nur durch radikalen Verzicht auf das eigene Ich und die geschaffene Welt kann die Seele Gott wohlgefällig sein und zu ihm gelangen.

Abgesehen davon, dass eine derart radikale Distanz "zu jedem geschaffenen Wert" praktisch unmöglich ist, stürzt der damit verbundene Anspruch den Einzelnen in einen tiefen inneren Konflikt, weil er ihn zwingt, seinen eigenen Intuitionen und Bedürfnissen zu misstrauen und sie zu unterdrücken anstatt sie zu integrieren, weil er zudem ein Gottesbild vermittelt, das den Menschen nur unter Vorbehalt liebt.


Liebe, die gibt:

In jungfräulicher Reinheit gehöre ich ganz dir an. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich dir ganz hingegeben sein.

- Ich will allem entsagen, was nicht zu dir führt.

- Ich will mich von allem enthalten, was nicht das Wesentliche betrifft.

- Ich will mich vorbereiten auf das ewige Hochzeitsmahl.

- Möge ich nach deinem Opfer hungern, nach deinem Opferblute dürsten.


Liebe, die opfert:

In tiefer Armut will ich nichts für mich selbst besitzen, sondern alles ausrichten auf die Ehre deines Vaters und den Ruhm deiner Kirche. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich mit dir opfern.

- Ich will nicht begierig nach den Gütern dieser Zeit verlangen.

- Ich will meine Kräfte, meine Talente und meine Zeit gewissenhaft gebrauchen und dir in allem selbstlos dienen.

- Ich will nichts für mich selbst zurückbehalten, was ich von dir empfangen habe.


Liebe, die stirbt:

In treuer Folgsamkeit will ich immer mehr mit dem Willen meines Bräutigams eins werden. Jesus, in dieser heiligen Fastenzeit will ich mit dir sterben.

- Möge ich arm werden an eigenem Willen.

- Möge dein Wille mein ganzes Verlangen sein.

- Möge mein menschliches Denken aus meinem Herzen genommen sein.

- Möge dein Geist mich leiten und mich voranführen.

- Möge meine Seele von dir erfüllt und ergriffen werden.

- Möge mein Gehorsam dir bis ans Kreuz folgen.

- Möge ich mit dir und für dich den Tod der Liebe sterben.

Maria, schmerzhafte Mutter, präge deine Opferbereitschaft in meine Seele ein, so dass ich mit dir den Weg deines Sohnes gehe, den Kreuzweg, der mich zum Tisch des ewigen Ostermahles führen wird!


Durch ihr gottgeweihtes Leben treten die Angehörigen des ‚Werkes‘ in die Nachfolge Christi ein. Im ‚Werk‘ binden sie sich durch ihr ‚Heiliges Bündnis‘ an ihn und gehen so den Weg mit ihm. Daraus ergibt sich der Buß- und Opfercharakter ihres Engagements. 

So soll ihr Leben dem einen dienen: eine Antwort auf seine einladende göttliche Liebe sein, indem sie ihm ihre ganze menschliche Liebe schenken. Ihr ‚Heiliges Bündnis‘ in vollkommener Jungfräulichkeit, vollkommener Armut und vollkommenem Glaubensgehorsam ist der Weg, auf dem sie diese Antwort der Liebe verwirklichen. Wer zum ‚Heiligen Bündnis‘ berufen wird, tritt in Distanz zu jedem geschaffenen und begrenzten Wert, um seine Liebe ungeteilt Gott zu schenken und diese um seinetwillen als selbstlose Güte zu den Menschen zurückkehren zu lassen. So leben wir die Jungfräulichkeit als die eine ungeteilte Liebe; die evangelische Armut als die auf Gott vertrauende Hoffnung; den Gehorsam als liebenden und bedingungslosen Glauben.

Julia Verhaeghe